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Auf Schlegels Rappen

Wenn unsere Vorväter unterwegs waren, heute würde man salopp „on the road“ sagen, fand diese Fortbewegung vorzugsweise auf dem Rücken der Pferde statt. Wer es sich leisten konnte in damaligen Zeiten, wählte da bevorzugt Rappen.

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Von Rainer Könen

Wenn unsere Vorväter unterwegs waren, heute würde man salopp „on the road“ sagen, fand diese Fortbewegung vorzugsweise auf dem Rücken der Pferde statt. Wer es sich leisten konnte in damaligen Zeiten, wählte da bevorzugt Rappen. Edle Tiere. Wer sich jedoch ein solch edles Vehikel nicht leisten konnte, und das war in damaligen Zeiten ein Großteil der Bevölkerung, für den kam zwar ebenfalls ein Rappen in Frage, aber das war bloß der des Schusters. Man war also mit dem unterwegs, was ein Schuster selbst fertigte: Schuhe. Schusters Rappen halt.

Auf Schlegels Rappen ritt bisher schon so mancher Wittichenauer. Bei den Kreuzreiterprozessionen etwa oder bei den Reitstunden. In Sachen Pferd ist der Wittichenauer Reiterhof Schlegel nicht nur für die Einheimischen ein beliebter Anlaufpunkt, auch Pferdefreunde aus dem Umland zieht es oft dorthin. Um reiten zu lernen. Um sich dort einen Vierbeiner für einen Ausritt auszuleihen. Oder, um sich mit Kremser oder Kutsche durch die Gegend fahren zu lassen.

Als Jugendlicher kein Interesse

Bei Vater Benno und seinem Sohn Stefan dreht sich eine Menge um die Rösser, ganz gleich ob es sich nun um Kalt- oder Warmblutpferde handelt. Dabei hatte es anfangs bei Stefan danach überhaupt nicht ausgesehen. Denn: „Mit Pferden wollte ich als Jugendlicher nichts zu tun haben“, blickt der 37-Jährige auf seine Schulzeit zurück. Diese Zeit, in der ihn sein Vater das ein oder andere Mal doch ein wenig zu heftig mit seinen Vierbeinern vertraut machen wollte. Rückblickend meint der 64-jährige Benno, habe er da sicher Fehler gemacht. Den Sohn mit dem eigenen Hobby vertraut zu machen, das hätte man sicher auch etwas sanfter anstellen können. Aber man muss das auch verstehen, schließlich hatte er den Hof aufgebaut, wollte ihn doch an seinen Sohn weitergeben. Der hatte jedoch andere Dinge im Kopf, als sich um Pferde, deren Aufzucht und alles, was damit zusammenhängt, zu kümmern.

Bis die Wende kam. „Da fragte mich der Vater, was ich denn beruflich machen möchte“, erinnert sich Stefan. Als Landwirt konnte er sich ein Dasein schon vorstellen. Pferde- und Landwirt, dies schien ihm der geeignete Beruf zu sein. Zumal sein Vater nach der Wende seinen Job als Müller aufgegeben hatte und sich neben der Pferdezucht als sogenannter Wiedereinrichter der Landwirtschaft widmete. Ja, „mit Zucht und Haltung von Pferden“, damit hätte er sich arrangieren können, so Stefan. „Ich dachte, da braucht man gar nicht reiten.“ Ein Irrtum, wie sich wenig später herausstellte, als er seine Ausbildung im Westen, in einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt, begann. „Die haben mir sofort deutlich gemacht, dass das nicht geht.“ Und weil er mit der Entfernung von daheim auch so manche seiner Einstellungen neu überdachte, wurde das Verhältnis zu den Pferden im Laufe der Ausbildung ein besseres. Er lernte reiten, natürlich, ohne hätte er seine Ausbildung zum Land- und Pferdewirt nicht beenden können.

In Moritzburg ließ er sich vor zwölf Jahren zum Reitlehrer ausbilden. Und 2000 zog es ihn, nach acht Jahren in Nordrhein-Westfalen, wieder nach Hause.

Der Vater suchte ja einen Nachfolger für seinen Hof. Den bekam er dann. Der 64-Jährige ist froh, dass er nach der Wende diesen Schritt gemacht hat. „Ich habe doch Hobby und Arbeit miteinander verbunden.“ Seit 1974 züchtet Benno Schlegel Pferde. Viele Jahre hatte er ein Faible für Rappen. Die schwarzen Pferde, findet er, „haben doch was ganz Spezielles“. Haben aber andere Rösser auch. Schimmel etwa. Davon besitzt er einige. Über 20 Pferde hat er, hinzu kommen andere Tiere, die zum Reitbetrieb auf dem Reiterhof gehören. Sogenannte Fahrpferde, die Kremser und Kutschen ziehen. Gelenkt werden die meistens von Vater Benno, der sich auf dem Kutschbock, wie er sagt, „ganz gut aufgehoben“ fühlt.

Sportliche Seite des Reitens

Benno Schlegel ist mitunter bei Hochzeiten auch für die romantische Seite zuständig, kutschiert die frisch getrauten Paare. Und aus Sohn Stefan ist mittlerweile ein passionierter Spring- und Dressurreiter geworden.

Da kommt man also um Marcus Ehning und Edward Gal nicht ganz herum. Denn der eine, Ehning, ist ein international erfolgreicher deutscher Springreiter, und der andere, der niederländische Dressurreiter Gal, darf das teuerste Dressurpferd der Welt, den zehn Millionen Euro teuren Hengst Totilas, reiten. Und beide sind für Stefan Schlegel Vorbilder. Bekannten Reitsportlern nachzueifern, wäre in seiner Jugendzeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Jetzt mag er die Pferde einfach nicht mehr missen, wie sein Vater Benno auch.