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Auf Spurensuche in der Elbe

Im Laborzentrum Nossen nehmen Wissenschaftler zahllose Proben unter die Lupe – mit ungewöhnlichen Methoden.

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© hübschmann

Von Christoph Scharf

Kalt ist es an der Elbe. Hans-Joachim Lorenz trägt eine gefütterte Jacke, dicke Hosen mit Reflexionsstreifen und schwere Stiefel. Mit Schwung wirft er einen weißen Eimer über die Brüstung der Fähre in Niederlommatzsch. Der ist an einem Seil festgeknotet, das dem Mann jetzt durch beide Hände rutscht. Dann ein fester Griff und ein Ruck: Der Eimer ist voll, Hans-Joachim Lorenz zieht die Last nach oben. Allerdings will er damit nicht das Deck der Fähre wischen. Stattdessen stapft er über den Anleger nach oben. Hin zu einem blauen VW-Transporter, wo Björn Leimbach schon Seitentür und Heckklappe geöffnet hat. Und nun passieren merkwürdige Dinge: Die beiden Herren füllen das Elbwasser in neun verschiedene Flaschen ab. Vier aus Plastik, fünf aus Glas.

Ein Außenteam

Anschließend halten sie den Fühler eines elektronischen Geräts ins Wasser, das aussieht wie ein überdimensionierter Taschenrechner. „Das ist ein Multi-Feldmessgerät“, sagt Messtechniker Björn Leimbach, während sein Kollege Hans-Joachim Lorenz mehrere Werte in eine Kladde einträgt: Sauerstoffsättigung, Leitfähigkeit, ph-Wert, Trübung. Und nicht zu vergessen die Temperatur: Exakt 3,6 Grad misst das Elbwasser an diesem Januarmorgen. „Ziemlich kalt hier“, fröstelt der eine. „Ach, das ist noch nichts: Wir hatten auch schon Tage, da fror uns das Wasser im Eimer“, entgegnet der andere.

Das Duo füllt Wasser für die Staatliche Betriebsgesellschaft für Umwelt und Landwirtschaft ab. Die Einrichtung mit dem sperrigen Namen untersteht Sachsens Umweltministerium und betreibt in Nossen ein großes Laborzentrum. Dort untersuchen 120 Wissenschaftler Boden- und Wasserproben, aber auch Saatgut oder Pflanzen. Die beiden Männer an der Fähre in Niederlommatzsch gehören zum „Außenteam“ des Labors. Sie fahren heute die Elbe hinauf und hinab, um zwischen Schmilka und Riesa Proben zu nehmen. Zweimal pro Monat kommen die Hauptmessstellen dran, etwas seltener die Nebenflüsse. In ihrem VW-Bus liegen nicht nur Messbecher, Eimer und Flaschen bereit, sondern auch Schwimmwesten und Rettungsring. Die können heute zum Glück verstaut bleiben. „Aber wir sind ja auch bei Hochwasser im Einsatz“, sagt Björn Leimbach. Dann stehen die Männer täglich an der Elbe – etwa auf der Brücke in Meißen. Es könnte schließlich sein, dass das Hochwasser eine Industrieanlage überschwemmt und gefährliche Stoffe in den Fluss spült.

In solchen Fällen müssen die Proben schnellstens ins Labor. Heute haben die beiden etwas mehr Ruhe. Sie verstauen die frisch abgefüllten Probenflaschen in einer Thermokiste und fahren zum nächsten Entnahmepunkt. Am Ende ihrer Route landen sämtliche Proben am Stadtrand von Nossen. Dort hat der Freistaat in den vergangenen Jahren 19 Millionen Euro investiert und einen Komplex aus dreistöckigen Laborgebäuden in Hellgrau und Braunocker geschaffen: lange Flure, unzählige Labore. Hier hat das Wasser aus Niederlommatzsch noch einen weiten Weg vor sich.

Laborantin Ulrike Hofmann verteilt eine Probe auf eine ganze Reihe winziger Reagenzgläser. Dann kommt die Stunde der Maschinen: Geräte im Wert von Einfamilienhäusern analysieren das Wasser vollautomatisch auf unerwünschte Inhaltstoffe – so will es die EU-Wasserrahmenrichtlinie. Die Technik sucht nach Rückständen von Metallen, Pflanzenschutzmitteln, Medikamenten.

Wenn man weiß, wonach man sucht, entgeht ihnen nichts. „Die Geräte finden heute selbst Stoffe, die nur im Pikogramm-Bereich pro Liter vorhanden sind“, sagt Dr. Sascha Goldstein, Leiter des Geschäftsbereichs Labore/Umwelt. Ein Pikogramm – das ist ein billionstel Gramm. „Das nachzuweisen ist so, als würde man ein Bruchteil von einem Stück Würfelzucker im Bodensee suchen.“

Besser nicht ins Wasser

Doch wofür der ganze Aufwand? Die Elbe gilt als besonders sensibler Fluss. Deutschland und Tschechien haben sich verpflichtet, das Gewässer genau im Auge zu behalten. Setzt ein Unfall oder ein Hochwasser etwa Cyanid oder andere Schadstoffe frei, kann die Einrichtung des Freistaats exakte Daten liefern. Damit können sich Wasserwerke an der Elbe auf die Situation einstellen. Es muss aber nicht immer gleich die große Katastrophe sein. Auch bei Phosphat-Einträgen aus der Landwirtschaft oder Problemen mit Kläranlagen sind die Daten der Experten gefragt: Mit ihnen kann man den Ursprungsort eingrenzen und so leichter den Schuldigen finden.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse aber, dass die Elbe seit den 90ern immer sauberer geworden ist. „Baden drin würde ich allerdings trotzdem nicht“, sagt Sascha Goldstein. „Die Elbe ist ein Schifffahrtsgewässer und bleibt ein Fluss, der durch mehrere Großstädte und an Industriegebieten vorbei führt.“ Die aktuelle Probe aus Niederlommatzsch ist nicht besonders auffällig. So ein Ergebnis ist den Frauen und Männern im Laborzentrum auch am liebsten.