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Auf „Stalins Rache“ nach New York

Eine Künstlergruppe fährt mit russischen Ural-Motorrädern von Halle zum Broadway. Anne Knödler erzählt von einer außergewöhnlichen Reise.

Dieser Konvoi erregte Aufmerksamkeit auf 40.000 Kilometern von Halle/Saale bis nach New York. Die Künstlergruppe mit Johannes Fötsch, Efy Zeniou, Anne Knödler, Kaupo Holmberg und Elisabeth Oertel (v. l.) brauchte zweieinhalb Jahre.
Dieser Konvoi erregte Aufmerksamkeit auf 40.000 Kilometern von Halle/Saale bis nach New York. Die Künstlergruppe mit Johannes Fötsch, Efy Zeniou, Anne Knödler, Kaupo Holmberg und Elisabeth Oertel (v. l.) brauchte zweieinhalb Jahre. © Leavinghomefunktion

New York ist ein Traumziel. Die meisten fliegen in die Metropole am Hudson, manche schippern hin. Ein Trip auf Motorrädern kommt kaum jemanden in den Sinn. Doch genau das wurde zur zweieinhalb Jahre dauernden Reise von fünf Künstlern. Das Projekt hat Nachwehen, ein Buch entstand, ein Film wird gerade geschnitten, ihr Vortrag über die 40.000 Kilometer auf urigen Ural-Motorrädern gastiert am Sonntag in Dresden beim Festival „Bilder der Erde“, das am Donnerstag beginnt.

Es klingt nach einer Schnapsidee, nach Osten aufzubrechen, um über den Balkan, die Türkei, Sibirien, Alaska, Kanada und nach einer großen Runde durch die USA auf dem Broadway zu landen. „Johannes Fötsch, Elisabeth Oertel und ich haben auf der Burg Giebichenstein in Halle bildende Kunst studiert“, erzählt Anne Knödler im Interview mit der Sächsischen Zeitung. „Da bewegt man sich in einer eigenen Welt, wie in einer Blase. Wir wollten raus, die Welt verstehen.“

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Außerdem gehörten Efy Zeniou und Kaupo Holmberg zum reisenden Künstler-kollektiv. Alle haben ihren Abschluss an einer Kunsthochschule gemacht. Das Ziel ergab sich. Die Schwester von Johannes Fötsch lebte damals in Kanada. Er wollte sie besuchen, aber nicht fliegen. „Schiff war kein Thema nach einem wenig überzeugenden Ostsee-Segeltörn“, erzählt Anne Knödler. Für Motorräder entschieden sie sich, weil die „weniger wie eine schützende dritte Haut wirken als Autos“, sagt sie. „Mit Motorrädern gibt es schneller Kontakt zu Leuten. Das ist eine andere Gemeinschaft als unter Autofahrern.“

Erfindergeist war gefragt, um auch auf den riesigen Flüssen hinter dem Ural voranzukommen.
Erfindergeist war gefragt, um auch auf den riesigen Flüssen hinter dem Ural voranzukommen. © Leavinghomefunktion

Auf Ural-Kräder aus sowjetischer Produktion setzten sie, weil die einen Namen in der Szene haben, schwer und „scheinbar unkaputtbar“ sind, wie sie meinten. „Die halten auch mal Hammerschläge aus, was dann oft genug Gründe hat, einschließlich Aggressionen, die sich beim ständigen Reparieren doch aufbauen“, erklärt Anne Knödler lachend. „Die Kräder umgibt ein Mythos, sie werden nicht umsonst als ,Stalins Rache‘ bezeichnet.“

Pannen als Kontakthilfe

Unbedarft und frei gingen sie an ihr Projekt, sie hatten kaum Ahnung von der Technik, mussten ihre Führerscheine erst einmal machen. Sie fühlten sich grün hinter den Ohren, wollten auf die harte Tour Lebenserfahrungen sammeln. „Das hatte schon fast was von Masochismus“, beschreibt die 34-jährige Bildhauerin ihr Herangehen. „Wir wussten, dass es Pannen geben wird. Die sind wie eine internationale Sprache – wie die über Fußball, Babys, Essen. Das war unser Ticket zu den Leuten, unsere Idee, um Kontakt zu bekommen.“ Vier Motorräder kauften sie vor dem Start in ganz Deutschland zusammen. Die Maschinen hatten Tüv, selbst nach der Rückkehr, womit keiner gerechnet hatte.

Für ihr Projekt hatten sie sich selbstständig gemacht, eine Firma gegründet, per Crowdfunding rund 30.000 Euro gesammelt, Hab und Gut wurden verkauft, die Wohnungen gekündigt. Die ersten beiden Etappen bis nach Magadan im Fernen Osten Russlands ließen sich damit finanzieren. Was sie für die Reise brauchten, passte in die Seitenwagen. „Je länger wir unterwegs waren, desto legitimer fanden wir, wie wir aussahen“, gesteht Anne Knödler, „manchmal war das sehr speziell“.

Pannen erlebten sie einige und kamen doch voran nach der Devise: „Wenn einer stehen bleibt, bleiben alle stehen.“
Pannen erlebten sie einige und kamen doch voran nach der Devise: „Wenn einer stehen bleibt, bleiben alle stehen.“ © Leavinghomefunktion

Sportlich wurde es unterwegs auch. Jede Menge Ausdauer brauchten sie. Oftmals mussten sie ihre Gefährte mehr schieben, als dass sie fahren konnten. „Wir haben ganz schön Oberarme bekommen“, beschreibt sie ihr dauerndes Kraft- und Fitnessprogramm mit dem Motorrad. Sie tasteten sich an die Besonderheiten ihrer russischen Technik heran, lernten in ständiger Bewegung und wuchsen an den Herausforderungen. Sie mussten durch Riesenpfützen fahren, über Brücken, die nur aus zwei Balken bestanden, sie meisterten steile Abhänge, nervige Passagen durch Wüsten oder gruben die Räder in Flussbetten ein. „Es wurde viel Adrenalin ausgeschüttet.“

In Georgien und Kanada saßen sie zweimal den Winter aus. Da machten sie sich an die weiteren Planungen und arbeiteten, um die sich leerende Kasse zu füllen. Die Männer tischlerten, Anne Knödler leitete eine Fleischerei, Elisabeth Oertel arbeitete als Assistentin bei einem Künstler. Arbeiten waren alle gewohnt. Sie hatten schon ihr Studium finanzieren müssen.

Spannend empfanden die fünf Dauer-Reisenden, was hinter dem Ural passierte. „Wir hatten ja keine Ahnung“, gesteht die Frontfrau für die Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe. „Da gab es jede Menge Bilder, die man im Kopf hatte, die wir revidieren mussten. Jede Siedlung hatte ihre Tankstelle, Geldautomaten, Smartphones.“ Russland verblüffte sie, auch mit Gastfreundschaft, Offenheit. Sie wollten die Welt mit eigenen Augen sehen, ließen sich überraschen und wurden es auch. „In Russland mussten wir keine Angst haben“, erzählt Anne Knödler von den fast durchweg positiven, wohlwollenden Begegnungen.

Das einsame Lager in weiter, freier Landschaft. Immer dabei: die Ural-Maschinen.
Das einsame Lager in weiter, freier Landschaft. Immer dabei: die Ural-Maschinen. © Leavinghomefunktion

„Russland schien fast vertraut durch die Menschen, aber auch mit Details wie den Blumen in entsorgten Autoreifen.“ Dagegen fiel der Vergleich mit den USA auf andere Weise überraschend aus, weil sich doch der ein oder andere Stereotyp bestätigte – wie das Protzen mit Waffen. „Die Russen haben ebenfalls Waffen, tragen die jedoch weniger demonstrativ vor sich her, brauchen sie eher für die Jagd.“ Aber sie fügt nachdenklich hinzu: „Vielleicht rede ich mir da manches auch schön.“

Mitunter kamen sie nur langsam vorwärts, manchmal waren es nur fünf Kilometer am Tag, an anderen bis 250. Sie hatten Pannen und mussten schnell lernen, dass ihnen gar keine andere Wahl bleibt, als Lösungen zu finden, Situationen anzunehmen. Nach dem Motto: „Wenn einer stehen bleibt, bleiben alle stehen“, kamen sie voran. Dabei tappten sie in Fallen und staunten über sich selbst. Zum Beispiel als sie ein Mega-Floß bauten, das durch eine selbst gebaute Propellerkonstruktion mit den Motoren der Gespanne angetrieben wurde und 1.600 Kilometer auf der Kolyma Richtung Nordpolarmeer schipperte, auf einem der zehn größten Flüsse Russlands.

Aufgeben war nie ein ernsthaftes Thema, selbst „wenn jeder mal mit dem Gedanken gespielt haben sollte“, sagt Anne Knödler, die sich nie fragte, „warum mache ich das eigentlich? Klar gab es Wutausbrüche, aber man kommt wieder zu sich. Mir sind die Weiten Sibiriens nicht aufs Gemüt geschlagen. Aber man ist dort schon sehr auf sich zurückgeworfen. Du findest keinen anderen Schuldigen, wenn du Mist baust. Dann stinkt es, und du bist für dich allein verantwortlich. Das wirklich zu spüren, hat mich vom Hocker gehauen.“

Die Boote mussten auf dem Weg durch Sibirien einige Male aufgebaut werden.
Die Boote mussten auf dem Weg durch Sibirien einige Male aufgebaut werden. © Leavinghomefunktion

Sie zog große Zuversicht aus dem Projekt, „dass die Dinge funktionieren werden oder dass man eine Lösung findet, auch wenn man manchmal länger hinschauen muss“. Und sie lernte „Vertrauen in Leute zu setzen und das Unbekannte. Von dieser Zuversicht werde ich noch lange zehren.“ Mit einer Propellermaschine setzten sie nach Alaska über, die Motorräder verschifften sie. Über den Alaska-Highway, Kalifornien, Arizona drehten sie noch eine große Runde über den Süden der USA. „Es war cool, mit unseren auffälligen Ural-Maschinen durch die Staaten zu donnern“, erzählt Anne Knödler. „Aber das war anders als die Herausforderungen in Russland. Offroad-fahren macht Spaß, in den USA mussten wir danach suchen.“

Geduld und Kompromisse

Eine Gruppenreise von zweieinhalb Jahren ist auch ein Experiment beim Zusammenleben. „Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: Wir sind uns nie auf den Geist gegangen“, gesteht Anne Knödler. „Aber man findet Wege, miteinander umzugehen und zu funktionieren. Wir arbeiten jetzt seit sechs Jahren zusammen. Da muss man sich reiben. Es gab nie Lagerkämpfe, jedoch viel Diskussionsbedarf, immer noch. Darum kommt man nicht herum. Da ist viel Geduld und Kompromissbereitschaft nötig.“

Bewegend war der 9. Januar 2017, da fuhren sie von Philadelphia kommend in New York ein, knatterten durch Brooklyn und Manhattan. Die Fahrt auf der First und Fifth Avenue kam ihnen wie ein Triumphzug vor und die New Yorker Motorrad-Community bereitete ihnen ein herzliches Willkommen. Am Sonntag wird etwas von dieser Stimmung in Dresden zu spüren sein beim Vortrag „Leavinghomefunktion – auf dem Landweg nach New York“. Die Botschaft lautet: „Man muss sich selbst ein Bild von dieser Welt machen, braucht dabei keine Angst zu haben, muss einfach los- und rausgehen, darf keine Ausreden finden. Sonst kann man sich selbst kaum ein Urteil erlauben. Land und Leute und Politik haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun.“ Es ist ein Plädoyer gegen Klischees.

„Leavinghomefunktion – auf dem Landweg nach New York“, So., 19 Uhr, Alter Schlachthof Dresden, Finale beim Festival Bilder der Erde. 
www.bilder-der-erde.de (Programm/Tickets)

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