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Auf Umwegen zum Winzer

Christoph Reiner wollte mit Wein wenig zu tun haben – bis ihn die Geschichte seiner Familie einholte.

© Claudia Hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Elbland. Da gibt es diese Szene bei Asterix und Obelix – Christoph Reiner muss jetzt schon lachen, dabei hat er noch gar nicht wirklich angefangen zu erzählen – da steht Obelix mit hochrotem Kopf vor einem Heer von Römern auf einer Theaterbühne. Der Theaterchef flüstert ihm aufgeregt zu: „Sag was! Sag einfach irgendwas, das dir durch den Kopf geht.“ Reiner verstellt ein wenig die Stimme, um diese Figur vom gutmütigen Obelix zu unterscheiden, der antwortet: „Es kommt vor, dass da manchmal gar nichts durch geht.“

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Warum der Vorsitzende des Weinbauverbands Sachsen diese Geschichte erzählt? Erstens, weil er riesiger Fan der Asterix-und-Obelix-Comics ist („die haben so viel Witz, das ist genau mein Humor – aber nur die von Goscinny“). Und zweitens, weil er sich vor nicht allzu langer Zeit in der gleichen Situation wiederfand.

„Das war der klassische Obelix“, sagt Reiner über seinen ersten Großauftritt als Verbandschef und muss lachen. Bei der Gebietsweinprämierung im Gewölbekeller von Schloss Wackerbarth im Juli vergangenen Jahres war er erst seit knapp zwei Monaten Verbandschef im Ehrenamt. Eigentlich ist der 38-jährige Qualitätsmanager von Schloss Proschwitz und, wie er sagt, „niemand, der so aggressiv in die Öffentlichkeit geht“. Und auch niemand, der sich um dieses Amt geprügelt hätte.

Dreimal wurde Reiner gefragt, ob er den Vorsitz vom erkrankten Bernd Kastler übernehmen wolle, zweimal verneinte er kategorisch. Er wusste, wie viel Arbeit neben seinem Job beim Prinzen zur Lippe auf ihn zukommen würde. „Und ich mag es nicht, wenn man halbe Sachen macht“, sagt er. „Ich bin schon ein bisschen Perfektionist.“ Deshalb sind seine Tage seit dem letztendlichen „Ja“ auch um einiges länger geworden.

Doktorarbeit über Pantoffeltierchen

Weinbau war das Letzte, woran Christoph Reiner dachte, als er nach dem Abitur aus dem baden-württembergischen Bietigheim-Bissingen zum Zellbiologie-Studium nach Konstanz zog. Dabei besaß die Familie seiner Mutter eigene Weinberge und die Reben gehörten zu seiner Jugend dazu, erzählt Reiner. „Man hat sie irgendwann gar nicht mehr gesehen.“ Und es gab einen Reiner, der „Vierzehnhundertnochirgendwas“ Weingärtner war – „Wengerter“ saget die Schwob.

Christoph Reiner ignorierte die Zeichen des Schicksals und wurde Zellbiologe. In der Nähe von Paris begann er nach dem Diplomstudium sogar eine Doktorarbeit über das Pantoffeltierchen – den lateinischen Namen dieses Einzellers, Paramecium tetraurelia, hat er auch heute noch sofort parat. „Da saß ich dann viel am Mikroskop und im Dunkeln und habe sehr ästhetische Tierchen angeguckt.“ Doch die Grundlagenforschung war nicht das Wahre für ihn, das merkte er schnell. Er brach die Promotion ab und entschied sich mit fast 30, noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen.

Eine entscheidende Rolle bei der Neuorientierung spielte Reiners Bruder, der mit seiner Familie in Görlitz lebt und bei der Kripo arbeitet. Als Reiner während seiner Bundeswehrzeit bei den Fliegern in Holzdorf, an der Grenze von Sachsen-Anhalt und Brandenburg, stationiert war, besuchte er ihn oft. Als echte „Burgennarren“ machten sie zusammen viele Ausflüge auf sächsische Schlösser, und Reiner sah damals mehr von Sachsen als seiner Heimat.

Der Bruder war es schließlich, der fragte: Was ist denn mit Winzer? „Dann haben wir uns angeguckt, was es in Sachsen so gibt und ich habe mir schlaue Bücher besorgt.“ Über einem solchen schlauen Buch saß Reiner damals, neben sich eine Flasche Gigondas – „ein recht schwerer, korpulenter Rotwein aus Frankreich“ – als er auf den Prinzen zur Lippe stieß.

Praktikant auf Schloss Proschwitz

Christoph Reiner erzählt diesen simplen Moment wie ein Schlüsselerlebnis, und letztlich war er das auch. Der Doktorand verabschiedete sich von seinem festen Gehalt und begann mit Hilfe einer wohlgesinnten Oma in Meißen ganz neu: erst als Praktikant auf Schloss Proschwitz, dann als Winzerlehrling und schließlich als Qualitätsmanager, dem Bindeglied zwischen Keller und Außenbereich des Guts.

Und plötzlich hatte Reiner einen Beruf, der nicht nur unter dem Mikroskop stattfand, sondern den man als fertige Weinflasche sogar in Händen halten konnte. „Es ist schön, dann sagen zu können: Daran habe ich mitgewirkt“, sagt er.

Dass er sich heute nicht mehr vorstellen kann, aus Meißen wegzuziehen, liegt auch an seiner Frau: einer „waschechten Sächsin“ aus Leipzig, im zweiten Bildungsweg Winzerin, die er im Betrieb kennengelernt hat und die dem Dialekt-Fan schon einmal Sächsisch-Nachhilfe gibt. Zusammen bewirtschaften sie heute 500 Stöcke auf dem Ratsweinberg, hauptsächlich Weißburgunder, daneben Grauburgunder und eine kleine Ecke Traminer. Die Frage nach seinem Lieblingswein nimmt Reiner sehr ernst und denkt eine Weile nach. Unter den Sachsen ist es der Grauburgunder, von den Nicht-Sachsen der Aglianico del Vulture aus der Basilicata in Italien.

Dieser wächst auf einem erloschenen Vulkan in einer bestimmten Ortschaft an der Ferse Italiens – zur Bekräftigung klopft sich Reiner einmal gegen den Absatz seines Schuhs. Dorthin möchte er unbedingt selbst einmal reisen, am besten dieses Jahr. Dann fällt ihm ein: Nein, nein, wahrscheinlich nicht. „Für Urlaub habe ich dieses Jahr keine Zeit.“ Er klingt nicht, als würde er das sehr bedauern. Stattdessen hofft er schon, nach seiner zweijährigen Amtszeit als Verbandschef wiedergewählt zu werden.

Seinen ersten „klassischen Obelix“ bei der Gebietsweinprämierung hat er dann doch schnell verkraftet, bei der Wahl der Weinhoheiten in der Coswiger Börse war er schon viel gelassener. Schließlich hat er sich bei seinem ersten großen Auftritt deutlich geschickter angestellt als der pummelige Gallier. Das Einzige, was ihm vor den vielen Römern nämlich einfiel, war ein mürrisches: „Die spinnen, die Römer.“