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Auf zum Stollenbäcker

Es war an einem Dezemberabend in den 1950er Jahren. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Die Großmutter ließ nochmal einen letzten prüfenden Blick über den kleinen Leiterwagen schweifen: Kannen, Töpfe und...

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Von Bernd Dreßler

Es war an einem Dezemberabend in den 1950er Jahren. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Die Großmutter ließ nochmal einen letzten prüfenden Blick über den kleinen Leiterwagen schweifen: Kannen, Töpfe und Schüsseln standen dicht an dicht, gefüllt mit Milch, Mandeln, Rosinen, Fett, Butter, Schmalz, gekochtem Mohn. Nein, es fehlte nichts. Also los, gemeinsam mit dem Enkel zum Wagner-Bäcker gleich neben der Kirche – zum Stollenbacken.

Aus den Leckereien, die auf dem Weg zum Bäcker auf dem Leiterwagen durchgeschüttelt wurden, sollten Großmutters Stollen werden. Unverwechselbar, genau nach dem Rezept, das sie von ihrer Mutter übernommen hatte, und die wieder von ihrer. Nur selber backen – das konnte und wollte sie nicht. Wenn dann mit den teuren Zutaten was schief ging? Nein, darauf verstand sich der Wagner-Karl besser.

Für etwa drei Stunden hatte sich Großmutter zu Hause abgemeldet, solange würde es wohl dauern, bis sich hinter ihren Stollen die Ofenklappe schloss. Langweilig würde es trotzdem nicht werden, schließlich war sie nicht die Einzige an diesem Tag in der Backstube. Als sie sich von der Bäckersfrau einschreiben ließ ins große Stollenbuch, erfuhr sie, dass sich zur selben Zeit auch eine Schulfreundin und eine nette Umsiedlerin angemeldet hatten. Das ging in Ordnung, mit denen verstand sie sich. Wenn aber die vorlaute Geschiedene aus dem Oberdorf mit auf der Liste gestanden hätte, dann hätte sie sich an einem anderen Tag einschreiben lassen. Auch, wenn der Stollentag auf Freitag, den 13., gefallen wäre. Eine solche Konstellation ließ Omas Aberglaube nicht zu, schon gar nicht beim Stollenbacken.

Wagner-Karl hatte schon die Hefestücke angesetzt, der künftige Stollen lechzte nach den Zutaten. Aber die hölzernen Stollenpfeifchen musste Großmutter noch abgeben, das war ganz wichtig. Schließlich durfte ihr Backwerk nicht mit dem der anderen verwechselt werden. Manche leisteten sich zur Kennzeichnung sogar Metallmarken mit eingraviertem Namen. Aber das war Oma zu nobel. Und den Fehler mit einem Makkaroni als Erkennungsmerkmal hatte sie einmal und nicht wieder gemacht. Als die Stollen fertig waren, war die Nudel verbrannt und nichts mehr vom Kennzeichen zu sehen.

Nun hieß es aufpassen, dass Wagner-Karl auch wirklich alle Zutaten in den Teig gab, die sie mitgebracht hatte. Aber so supergenau hat sie dem Bäcker dann doch nicht auf die Finger gesehen. Die Gespräche mit den anderen Dorfbewohnerinnen waren schuld daran. Bei Neuigkeiten wie einem durchgebrannten Ehemann, einem im Graben gelandeten volltrunkenen Nachbarn oder einem undichten Jauchefass, mit dem ein Bauer die Straße düngte, kann ein Bäcker ganz schnell uninteressant werden.

Ehe sich’s Großmutter versah, waren ihre Stollen im Ofen. Wie schnell doch drei Stunden vergingen! Aber der große Augenblick kam ja erst noch – wenn sie am anderen Tag ihre fertig gebackenen Meisterwerke abholen konnte.