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Aufbauhilfe im Kraftraum

Christian Canestrini bleibt nach dem Abstieg in Dresden – und doch nicht bei Dynamo. Der Abschied fällt ihm schwer.

© Bonss

Von Sven Geisler

Wenn er morgens um fünf aufwacht, hämmert sie schon wieder in seinem Kopf – diese quälende Frage nach dem Warum. „Die Festplatte läuft, und ich kann sie nicht ausschalten“, sagt Christian Canestrini: „Ich stehe am Fenster und denke und denke und denke.“ Der Fitnesscoach ist in Dresden geblieben nach Dynamos Abstieg, obwohl er mit seiner Frau Anja und der zweijährigen Tochter Laura durchs Allgäu wandern wollte. Den Urlaub hat er storniert, weil einer seine Hilfe braucht: Amine Aoudia. Der Algerier hatte sich Ende Februar das Kreuzband gerissen und steckt nun mitten in der Rehabilitation.

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Aoudias Vertrag galt nur für die zweite Liga, seine Zukunft ist offen. „Bei ihm muss ich deshalb jetzt physisch wie psychisch Aufbauarbeit leisten“, erzählt Canestrini von dem Stürmer, der für Dynamo zwar nur 638 Minuten gespielt, aber sechs Tore geschossen hat. Die Trefferquote ist jedoch nicht der einzige Grund, weshalb ihn Ralf Minge als besonderen Typ bezeichnet. „Der Junge hat durch die Verletzung seine WM-Chance eingebüßt und trotzdem positive Schwingungen verbreitet, sobald er die Kabine betrat“, meint der Sportdirektor. „Andere sind beleidigt, bloß weil sie in der 70. Minute ausgewechselt wurden.“

Es wird schwierig, eigentlich unmöglich, Aoudia in der 3. Liga zu halten. Trotzdem hat ihm der Verein zugesichert, dass er sich in Dresden fit machen kann, möglicherweise sogar bis zur Winterpause. Dagegen lässt Dynamo mit Canestrini einen „auf dem Markt zu Recht sehr hoch gehandelten Top-Mann“ – so Minge – ziehen, ohne um ihn zu kämpfen. Ob es eine Chance gegeben hätte, weiß Canestrini selber nicht. Seine Familie war zwar oft bei ihm in Dresden und von der Stadt begeistert, „weil es so viele schöne Spielplätze gibt“. Aber zu Hause sind sie in München.

Zwei Wohnungen zu unterhalten, ist natürlich auch eine finanzielle Frage, wobei es dem Österreicher nicht vordergründig ums Geld geht. Als er vor einem Jahr für eine weitere Saison bei Dynamo unterschrieb, stellte Canestrini eine Bedingung: Im Stadion sollte ein Kraftraum nach seinen Vorgaben eingerichtet werden, damit verletzte Spieler dort ihre Reha absolvieren und nah an der Mannschaft bleiben können. Der inzwischen ehemalige Sportchef Steffen Menze sagte zu und hielt Wort. „Es ist sehr schön geworden, unser Baby“, meint Canestrini stolz; zumindest ist es der einzige infrastrukturelle Fortschritt nach drei Spielzeiten in der zweiten Liga.

Der Abschied fällt dem Fitnesscoach alles andere als leicht. „Ich habe mich sehr wohlgefühlt mit der medizinischen Abteilung, wir hatten ein gutes Arbeitsklima.“ Die Physiotherapeuten Tobias Lange, Arnd Pröhl und Martin Bär waren von morgens bis abends da, die Zusammenarbeit mit Mannschaftsarzt Tino Lorenz basierte auf gegenseitigem Vertrauen. „Tolle Burschen, ich werde sie schwer vermissen.“

Und er wird Dynamo fehlen, denn die Spieler schwören auf sein Programm – und seine positive Ausstrahlung. „Man muss auf jeden eingehen können. Diese Stärke hat mir der liebe Gott gegeben“, sagt der 52-Jährige. Die Formel, wonach ein Spieler nach einer Verletzung so lange braucht, wie sie gedauert hat, setzt Canestrini außer Kraft. „Bei mir arbeiten die Jungs so hart, dass sie nach der Reha oft fitter sind als vorher. Wenn sie dann ins Mannschaftstraining einsteigen, können sie auch in die Zweikämpfe gehen.“

Seine Fähigkeiten waren ein wichtiges Argument, Peter Pacult im Dezember 2012 als Trainer zurückzuholen. Als sein langjähriger Chef im August 2013 selber zum zweiten Mal vom schwarz-gelben Schleudersitz flog, blieb der Fitnesscoach. Zum ersten Mal trennten sich die Wege, seit ihn Pacult vor zwölf Jahren zu 1860 München geholt hatte. „Ich habe mir das anfangs gar nicht so zugetraut“, räumt Canestrini ein. Mit Fußball hatte er bis dahin wenig am Hut. In der Jugend war er ein erstklassiges Eishockey-Talent, später betreute er als Personal-Coach Prominente aus Politik, Wirtschaft und der Showbranche.

Das wäre nun wieder eine Option, aber: „Am liebsten würde ich im Profifußball bleiben.“ Die Atmosphäre in einem vollen Stadion würde er vermissen. „Das ist Gänsehaut, das ist feuchte Augen!“ Im Winter hatte er ein lukratives Angebot aus dem Ausland, aber Trainer Olaf Janßen bat ihn, zu bleiben. „Der Zug ist nun abgefahren.“ Pacult würde ihn liebend gern wieder mitnehmen, wenn er wüsste, wohin für ihn die Reise geht. Seit seiner Entlassung bei Dynamo sucht er einen neuen Klub.

Auf die Leere folgt das Grübeln

„Ich war sehr gerne in Dresden“, sagt Canestrini. „Hier habe ich gespürt, dass mich viele Leute menschlich wie beruflich schätzen. Das tat schon gut, das gibt Energie.“ Nur in den Wochen seit dem Abstieg war das anders, fühlte er sich einsam und unwohl in der Kabine. Alles erinnert an das Scheitern, am schlimmsten aber war es in der Nacht nach dieser – wie er sagt – sportlichen Tragödie, als nach der totalen Leere im Kopf das Grübeln einsetzte: Musste das denn sein, warum haben wir da unten rumgedümpelt? „Der Fitnesstrainer wird im Fußball immer wichtiger. Deshalb hinterfrage ich auch meine Arbeit.“

Am Dienstag räumt er seine Dresdner Wohnung, bricht seine Zelte aber nicht endgültig ab. Er wäre bereit, Aoudia weiter zu betreuen, wenn es der Verein will. Bis Mitte Juli sollte der Angreifer so weit sein, zur Mannschaft zurückzukehren, egal, auch wenn das möglicherweise nicht mehr bei Dynamo sein wird. Spätestens dann holt Canestrini seinen Urlaub nach. Aoudia alleine zu lassen, kam für ihn nicht infrage. „Das macht man nicht, das wäre nicht ich.“