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Auferstehung frisch und modern

Nach 85 Jahren hat die Kirche in Oelsa endlich ein Altargemälde. Gemalt und gestiftet vom Dresdner Künstler Eberhard von der Erde.

Von Thomas Morgenroth

Ein schlanker Jüngling unbestimmbaren Alters schwebt im Gegenlicht über einer Felsspalte. Das blaue Tuch, in das er gewickelt war und ihn nur noch in der Leibesmitte bedeckt, lässt er zurück. Er schaut uns gütig mit großen Augen an und hebt seine rechte Hand mit drei gespreizten Fingern zum Schwur. Hinter ihm gleißt die Sonne in mediterraner Felslandschaft, die goldgelben Strahlen verleihen dem jungenhaften Mann die Aura eines Heiligen. Losgelöst von allem Irdischen, begibt er sich auf seine wichtigste Reise. Dabei können ihn die drei bewaffneten Grabwächter nicht aufhalten. Wobei einer ohnehin das Ereignis verschläft und ein zweiter so von der Erscheinung ergriffen ist, dass er sein Schwert nicht zieht. Nur ein dritter versucht, dem unheimlichen Burschen die Schwurhand abzuschlagen.

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Es handelt sich natürlich um Jesus, den Sohn Gottes. Seine Auferstehung am dritten Tag nach seiner Kreuzigung zu neuem, unzerstörbaren Leben ist das Ur- und Schlüsselthema des christlichen Glaubens. Kein Wunder, dass diese Szene das Motiv unzähliger Bildwerke seit Jahrhunderten ist – bis heute. Erst in diesem Herbst vollendete der Dresdner Künstler Eberhard von der Erde seine „Auferstehung“, und so wie er hat sie wohl noch keiner gemalt. Frisch und modern, mit respektvollen Referenzen an die Spätgotik, den Rokoko und den Jugendstil. Das Gemälde trägt unverkennbar seine Handschrift: Von der Erde wählte warme und leuchtende Farben.

Der 68-Jährige, der aus Freital stammt, malte das Bild für keinen Sammler oder anderen Kunstliebhaber, und er bekommt dafür kein Geld. In einer Galerie wird es nie zu sehen sein, dafür an einem viel prominenteren öffentlichen Ort: Eberhard von der Erde stiftete seine „Auferstehung“ auf Anregung des einstigen Hainsberger Pfarrers Christian Burkhardt der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde in Oelsa für ihr Gotteshaus. Drei ortsansässige Tischlereien, Arnoldt GbR, Arnoldt Innenausbau und Herzog-Möbel, bauten auf eigene Rechnung einen Rahmen aus Eichenholz und hängten das Bild am Freitagvormittag in der Apsis der Kirche auf.

Zwei Tage noch war das drei Meter hohe und zwei Meter breite Altarbild mit schwarzem Tuch verhüllt, bis es Pfarrer Thomas Köckert im außergewöhnlich gut besuchten Gottesdienst am ersten Advent weihte. Die Holzbänke waren nicht zufällig so voll besetzt. Köckert, seit 26 Jahren Seelsorger in Oelsa, hatte mit dem Satz „Sie werden etwas sehen, was Sie noch nie gesehen haben“ seinen Schutzbefohlenen eine Überraschung versprochen. Und die ist ihm ohne Zweifel gelungen: Nicht weniger als auf den Tag genau 85 Jahre haben vergehen müssen, bis die sechs Meter hohe Wand hinter dem Altar, auf dem ein schlichtes Kruzifix steht, mit einem Bild geschmückt wird. Der Platz dafür war seit der Weihe der neugebauten Kirche am ersten Advent des Jahres 1928 reserviert, optisch mit einem Stuckrahmen markiert, den ein violettes Tuch ausfüllte. Es fehlte in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise jedoch an den finanziellen Mitteln, einen Auftrag für ein Gemälde zu vergeben. Auch später hatten die Oelsaer kein Geld dafür, bis heute nicht, wie Köckert sagt.

Vielleicht bestand zeitweise auch kein Interesse mehr an einer weiteren Ausgestaltung des Altarraumes. Jedenfalls wurden im Zuge von Sanierungsarbeiten in den Siebzigerjahren nicht nur der Stuck und das Tuch entfernt, sondern auch die Ausmalungen unterhalb der Halbkuppel und ein Schriftzug an der Apsis übertüncht. Eine zeittypische Kassettendecke verleiht dem Kirchenschiff seit dieser Zeit zudem ein wenig den Charakter einer Turnhalle. Daran, sagt Pfarrer Köckert, der im nächsten August in den Ruhestand geht, könne er nichts mehr ändern. Er hofft aber, dass er wenigstens die Restaurierung der Schrift, die unter der Farbe hervorscheint, noch auf den Weg bringen kann. Dort war zu lesen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“, ein Satz aus Jesus’ Abschiedsreden, der bereits über den Karfreitag hinausblickte. Kein anderes Zitat aus dem Neuen Testament der Bibel passt besser zu Eberhard von der Erdes „Auferstehung“. Nicht nur deshalb fügt sich das Bild wunderbar in die Innengestaltung der Oelsaer Kirche ein, beinahe ist es so, als würde es schon immer dazugehören. „Es ist toll geworden“, sagt der Pfarrer. Von den vorderen Bleiglasfenstern blicken die Evangelisten Markus und Lukas zum auferstandenen Jesus hin, als hätte es der Schöpfer der Figuren, der Dresdner Glasmaler Josef Goller (1868-1947), gewusst, dass einst dieses Gemälde dort hängen wird.

Eberhard von der Erde war dann auch sehr glücklich, als das Bild endlich an seinem Platz hing. Mehr als ein Jahr malte er an seiner „Auferstehung“, ein selbst gewähltes Thema. Es war sein erstes Altarbild überhaupt und wird wohl auch sein einziges bleiben. Zu selten kommt es heutzutage vor, dass Kirchen danach verlangen. „Ich wollte herauskriegen, ob ich das kann“, sagt Eberhard von der Erde. Ein traditionell ablesbares Bild aus der Bibel sollte es werden, nicht süßlich und nicht verklärend, reduziert, aber gegenständlich, es sollte eine Aura haben, Herz und Gemüt wärmen.

„Ich habe mich selbst einer schweren Prüfung unterzogen“, sagt von der Erde. Er hat sie mit Bravour bestanden.