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Aufgetakelt am Talsperrenufer

Davis Lehmann kennt die Geschichte des gesunkenen Segelschulschiffs „Niobe“. Das wurde im Talgut Lauenhain nachgebaut. Teil 7 unserer Sommerserie.

Davis Lehmann, Präsident des Marineclubs Lauenhain liegt nicht nur die Erhaltung der „Niobe“ am Herzen, sondern er geht auch gern selbst segeln.
Davis Lehmann, Präsident des Marineclubs Lauenhain liegt nicht nur die Erhaltung der „Niobe“ am Herzen, sondern er geht auch gern selbst segeln. © Dietmar Thomas

Talsperre Kriebstein. Tim, Stella, Melissa und Emilie knien vor der Knotenbahn des Marineclubs in Lauenhain. Sven Heller, der stellvertretende Vorsitzende, zeigt den Kindern verschiedene Schläge, die bei der Seefahrt benötigt werden. Aufmerksam folgen die heutigen Kadetten dem erfahrenen Marinesportler unter den Augen von Davis Lehmann, der seit 2017 den Vereinsvorsitz innehat. 

„Wir sind gerade dabei, die Truppe neu aufzubauen. Da gilt es, viel seemännisches Grundwissen und die entsprechende Technik zu vermitteln, ehe es auf das Wasser geht“, erklärt der Lauenhainer für den es manchmal Fluch und Segen gleichzeitig ist, nur wenige Meter vom Vereinsdomizil zu wohnen.

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Weiße Betonklötze machen neugierig

Zwei weiße Betonklötze sind es, die dem Besucher des Talguts Lauenhain auffallen, wenn er sein Auto auf dem Parkplatz abstellt. Etwa 50 Meter auseinander stehend. Beim näheren Hinschauen erkennt man an der Seite den verblassenden Schriftzug „Niobe“.  Die „Niobe“ war ein 1913 in Dänemark gebautes Segelschulschiff der Reichsmarine. 

Es sank 1932 in der Ostsee vor der Insel Fehmarn in einer nicht vorhersehbaren Gewitterböe, berichtet Davis Lehmann. Dabei ertranken 69 Mann der Besatzung. Die mysteriösen Gebilde am Talsperrenufer, die man aus der Luft schon als Bootskörper erkennen kann, sind der erhaltene Bug und das Heck eines Nachbaus des Schoners aus Beton. Dieser war Teil des SA-Seesport-Übungslagers Lauenhain. 

„Der Nachbau wird in den 30-er Jahren entstanden sein“, denkt der Vereinschef. „Es wurde da eine Art vormilitärische Ausbildung durchgeführt, aber im Prinzip war es eine reine Propagandamaschine des Dritten Reichs.“ Kadetten und Marineoffiziere waren im "Waldhaus" untergebracht.

Das Schiff hätte komplett mit Masten und Takelage am Ufer gestanden, um den Kadetten zu erklären, wie, wo, was funktioniert. „Damals gab es hier unten auch die sogenannten Skagerrak-Veranstaltungen, die aber mit Ausbruch des Krieges abgesagt wurden“, weiß Davis Lehmann zu erzählen. Dabei handelte sich um die Nachstellung der größten Seeschlacht des Ersten Weltkrieges.

Die „Niobe“ war ein Segelschulschiff der Reichsmarine. Es sank 1932 in der Ostsee vor der Insel Fehmarn. Dieser Nachbau entstand in den 30-er Jahren im Seesport-Übungslager Lauenhain.
Die „Niobe“ war ein Segelschulschiff der Reichsmarine. Es sank 1932 in der Ostsee vor der Insel Fehmarn. Dieser Nachbau entstand in den 30-er Jahren im Seesport-Übungslager Lauenhain. © Repro: Döbelner Anzeiger

Nach dem Krieg, so der Mythos, hätte sich die Rote Armee des Schiffsmodells angenommen und die Materialien anderweitig verwertet. „Das wissen wir nicht ganz so genau“, sagt Davis Lehmann zweifelnd. „Es gibt Zeugenberichte, welche aussagen, dass 1946/47 alles noch gestanden hat und das Holz erst später von der umliegenden Bevölkerung, sagen wir mal, zweckentfremdet wurde.“ 

Das sei die Geschichte, die die Mitglieder des Marineclubs kennen und die so von einigen Leuten erzählt worden wäre. „Die Mittelbauten waren wohl schon eher verschwunden, aber so einen Mast kann man nicht so einfach umkippen“, sagt Lehmann.

Marineausbildung seit rund 90 Jahren

Später lag das Objekt zunächst brach, ehe es als sogenanntes Ferienlager und dann zu DDR-Zeiten von der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) übernommen wurde. „Es wurde praktisch genauso weitergenutzt wie vorher“, sagt Davis Lehmann und fügt an: „Nur, die haben das komplette Talgut gehabt.“ 

Der Sportplatz wurde genutzt, am Achterschiff der Niobe war eine Schießbahn angelagert. „Die kenne ich noch, auf der habe ich als Kind auch geschossen“, erinnert sich der 48-Jährige. Maschinenkunde, Knotenkunde, die gesamte Palette sei unterrichtet worden. 

„Da war alles komplett abgeschirmt, ein riesiges Tor davor. Da ist keiner reinkommen“, erinnert sich Lehmann. Er selbst ist in Lauenhain zugezogen, lebt mit den Kindern im Elternhaus seiner Ehefrau. Zum Seesport kam er 1989/90. In der Lehre zum Werkzeugmacher war er angesprochen worden, sich „das da unten im Talgut mal anzuschauen“. Zunächst als Gast.

Doch Davis Lehmann gefiel es beim Seesport. Und als die GST aufgelöst wurde, wollten er und andere weitermachen. So gründete er mit fünf weiteren Marinesportlern am 18. Mai 1990 den Marineclub Lauenhain. 

Sven Heller vom Marineclub Lauenhain führt mit Tim Heller (von Links), Stella Lehmann, Melissa Syring und Emilie Lehmann eine Ausbildungsstunde in Knotenkunde durch.
Sven Heller vom Marineclub Lauenhain führt mit Tim Heller (von Links), Stella Lehmann, Melissa Syring und Emilie Lehmann eine Ausbildungsstunde in Knotenkunde durch. © Dietmar Thomas
Immer schon ein beliebtes Postkartenmotiv: Die in den 30-er Jahren nachgebaute Niobe im Talgut Lauenhain..
Immer schon ein beliebtes Postkartenmotiv: Die in den 30-er Jahren nachgebaute Niobe im Talgut Lauenhain.. © Repro: Döbelner Anzeiger
Der verblassende Schriftzug auf der Backbordseite  kündet von einem historischen Schiffsmodell.
Der verblassende Schriftzug auf der Backbordseite  kündet von einem historischen Schiffsmodell. © Dirk Westphal
Aus dieser Perspektive ist gut erkennbar, dass es sich bei den Betonklötzen im Talgut Lauenhain um ein am Talsperrenufer nachgebautes Schiffsmodell des Schoners „Niobe“ handelt.
Aus dieser Perspektive ist gut erkennbar, dass es sich bei den Betonklötzen im Talgut Lauenhain um ein am Talsperrenufer nachgebautes Schiffsmodell des Schoners „Niobe“ handelt. © Dietmar Thomas
Seit 90 Jahren gibt es bis heute an der Talsperre im Talgut Lauenhain Marineausbildung.
Seit 90 Jahren gibt es bis heute an der Talsperre im Talgut Lauenhain Marineausbildung. © Dietmar Thomas
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden erst die Aufbauten des Schoners und später die Masten. 
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden erst die Aufbauten des Schoners und später die Masten.  © Repro: Döbelner Anzeiger

"Getrieben“ hätten die Vereinsmitglieder mit dem Objekt seit dieser Zeit  alles Mögliche. „In erster Linie haben wir versucht, alles wieder zu rekultivieren, denn zu diesem Zeitpunkt war ja alles schon zugewachsen“, erzählt Lehmann. Die eigentliche "Niobe" wäre als solche nicht mehr zu erkennen gewesen. 

Der vordere Teil war als Kohlebunker genutzt worden, der hintere Teil mit Schutt und Schrott beladen. „Unseren Mitteln entsprechend haben wir nach und nach freigeräumt“, sagt der 48-Jährige. Es wurde dann auch wieder mit Kutter- und Jollensegeln oder Kutterpullen begonnen. Nach und nach wurde die "Niobe" mit viel Eigeninitiative teilweise renoviert, und wird heute als Bootshalle und Clubraum genutzt. 

Mittlerweile sind es gute 50 Mitglieder, die ihrem Hobby im Verein nachgehen. „Wir segeln – außer dieses Jahr wegen Corona – deutschlandweit“, sagt Davis Lehmann und erklärt nicht ohne Stolz: „Wir waren auf der Kieler Woche, in Bayern, zur Hanse Sail in Rostock.“

Gesegelt wird dann mit den offiziellen Marine-Segelkuttern ZK 10 von denen der Verein vier besitzt. Einige Mitglieder würden sich im Herbst aber auch auf der Ostsee ein Boot mieten und nach Dänemark segeln. „Das machen die aber privat als reines Vergnügen“, sagt Lehmann.

Erhaltung der "Niobe" ist Anliegen des Marineclubs

Neben den eigentlichen Trainingseinheiten haben sich die Mitglieder des Marineclubs auch die Erhaltung der „Niobe“ auf die Fahnen geschrieben. So soll der sogenannte Klüverbaum, der bereits auf dem Vorderschiff liegt, wieder am Bug angebracht werden. Außerdem soll in diesem Teil auch ein neuer Clubraum entstehen, für den allerdings ein Bauantrag gestellt werden muss.

Bis daran Hand angelegt werden kann, wird die Zeit eben mehr zur Ausbildung und zum Segeln genutzt. Alle zwei Wochen würde versucht, Ausbildung durchzuführen. „Sven Heller, der geht auch einmal in der Woche Segeln“, zeigt sich Davis Lehmann etwas neidisch und fügt an: „Meine große Tochter fährt demnächst auch mit zum Wettkampf. Schauen wir mal, wie es mit dem Neuaufbau der Gruppe weitergeht.“

Segler wünschen sich eine abgelassene Talsperre

Er selbst ist für seinen Verein öfter auch außerplanmäßig Mode, da er vor Ort wohnt. „Die Leute wissen, dass wir eine funktionierende Slippanlage haben, die abgeschlossen ist“, sagt er. „Da klingelt es schon ab und an, wenn man am Kaffeetisch sitzt. Aber wenn da eine Spende für den Verein herausspringt, macht man das schon.“

Wünschen würden er und seine Mitstreiter sich für ihr Hobby weniger Schlammsedimente im Stausee. „Man kommt mit den Booten gerade noch so raus. Das ist bei ungefähr 60 Zentimeter Tiefgang nicht mehr fein. Denn beim Segeln, mit ein paar Leuten an Bord, schleifen wir dann schon regelrecht über den Grund“, sagt Davis Lehmann und fügt an: „Uns würde reichen, wenn Herr Karl, dem die Staumauer gehört, mal das Wasser ablässt. Dann würden wir sagen: Spaten frei und los geht’s.“

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Die nächste Folge unserer Sommerserie lesen Sie ab 27. August auf  Sächsische.de.

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