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Aufrecht bleiben

Fast sein halbes Leben war Lutz von Crystal abhängig. Theaterspielen hilft ihm, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

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© Sven Ellger

Von Anna Hoben

Bevor er loslegen kann auf der Bühne, muss Lutz* erst einmal ein Haus bauen. Er hält die zugeschnittene Pappe in der Hand, als sei es zerbrechliches Porzellan. Vorsichtig, beinahe liebevoll, legt er Kante auf Kante. Klebeband, umdrehen und aufstellen, fertig ist das Haus. Lutz hat es gebaut, um es zu zerstören. In einer halben Stunde wird er erst darauf einschlagen und es dann fein säuberlich und systematisch zerlegen, zerreißen, zerfetzen.

Das Haus gehört zur Kulisse des Stückes „Ikaros – You only live once“. Generalprobe am Projekttheater in der Dresdner Neustadt, es ist einer der ersten Sommertage in diesem Jahr. Lutz steht da, kurze Hosen, ärmelloses Hemd, Nacken und Arme sonnenverbrannt. Er hat den Tag voll ausgenutzt, wer weiß, wie lange das schöne Wetter bleibt. Carpe diem – der abgegriffene Lateinerspruch hatte für Lutz lange Zeit keine Bedeutung. Er hat sein Leben gelebt, als sei es nicht mehr wert als eine volle, stinkende Mülltüte, die raus zur Tonne getragen werden muss. Zehn Jahre hat er Crystal und andere Drogen konsumiert. Seit anderthalb Jahren ist der 24-Jährige clean.

Heute sagt man „Yolo“ statt „Carpe diem“: You only live once, man lebt nur einmal. Das Theaterspielen hilft Lutz dabei, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Er hofft, dass er auf die Art am Ende ein Kapitel schließen kann.

Zwei Tage vor der Generalprobe sitzt Lutz an einem Cafétisch auf einem Bürgersteig in der Neustadt, trinkt Kaffee und erzählt seine Geschichte mit der Abgeklärtheit eines Menschen, der schon in vielen Therapiesitzungen seine Geschichte erzählt hat. Lutz ist 13 Jahre alt, als er zum ersten Mal kifft. Er hat diese Typen kennengelernt, fünf, sechs Jahre älter als er. „Die haben konsumiert und mir von Anfang an übelst den Stoff gegeben.“ Erst Marihuana, dann das schlimme Zeug. Noch in der ersten Woche steigt er auf Crystal um, die synthetische Droge, die innerhalb kürzester Zeit psychisch abhängig macht. Es ist leicht zu haben in der Grenzstadt, in der er lebt, und es ist billig: ein Gramm für drei Euro. Mit dieser Menge steigt er ein; üblich, sagt er, sei ein Zehntel davon. Geraucht hatte er schon in der dritten Klasse. Alkohol habe nie eine Rolle gespielt. Mit 14 macht er seinen ersten Entzug. Danach fängt er wieder an und konsumiert, bis er 23 ist.

„Ich habe nicht an die Folgen gedacht“, sagt Lutz heute. Er sei schwierig gewesen als Kind. „Wenn etwas verboten war, klasse, da musste ich mitmachen.“ Seine Eltern hatten sich getrennt, der Vater war Alkoholiker, die Mutter arbeitete Nachtschichten und „hat nicht viel mitgekriegt“, sagt Lutz. „Ich war richtig scheiße zu ihr, habe sie beleidigt, so Supernanny-Style, aber schlimmer.“ In der siebten Klasse sammelt er 120 unentschuldigte Fehltage an und wechselt vom Gymnasium auf die Mittelschule. Er macht seinen Abschluss, dann eine Ausbildung zum Bürokaufmann, Note 2,4.

„Solange Crystal da ist, klappt alles immer“, sagt Lutz, „aber das Ego ist total verschoben“. Nach der Ausbildung arbeitet er in einem Callcenter. Während der Arbeit schmeißt er sich halluzinogene Pilze ein. Die Tastatur, so beschreibt er es im Theaterstück, bewegt sich hin und her, der Bildschirm schwebt durch den Raum. „Ich hatte hundert Prozent Kundenzufriedenheit“, sagt Lutz. Sein Rhythmus: fünf Tage wach auf Crystal, dann vier Stunden schlafen, verteilt auf zwei Tage. Zweieinhalb Jahre geht das so. Dann stürzt er ab.

Ende 2013 weist Lutz sich selbst in die geschlossene Psychiatrie ein. Es sind Dinge passiert, die ihn dazu gebracht haben, zu sagen: So geht es nicht weiter. Dinge, über die er heute ungern spricht. Die ersten zwei Wochen auf Entzug wird er von Wahnvorstellungen verfolgt. Er traut sich nicht zum Rauchen vor die Tür.

Einkaufen, wie geht das?

In der Therapie kommen Gefühle wieder, von denen er gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt. Heute lebt Lutz in einer Wohngemeinschaft mit ambulanter Betreuung. Er nennt sie die „Clean-WG“. Es herrschen klare Regeln: Wer konsumiert, muss zwei bis drei Tage den Schlüssel abgeben. Wer mehrmals erwischt wird, fliegt. Alle paar Monate muss Lutz einen Drogentest machen, jede Woche gibt es ein Einzelgespräch. Früher hatte Lutz viel Geld zur Verfügung. Jetzt muss er sich 50 Euro Taschengeld in der Woche einteilen.

Manchmal, sagt Lutz, fühle er sich wie ein Fünfjähriger, wie ein Kind, das anfängt, die Welt zu entdecken. „Ich musste alles neu lernen.“ Im Supermarkt weiß er nicht, wie das gehen soll, Einkaufen. Damit er regelmäßig Nahrung zu sich nimmt, schreibt er sich bis heute Kalendereinträge ins Handy. Früher wog er um die 63 Kilogramm, bei 1,92 Meter Körpergröße. Es fällt ihm schwer, genügend zu trinken. Zuletzt waren es vier Flaschen Wasser mit Geschmack – in einer Woche. Das Schönste an seinem neuen Leben ist, dass er sich an alles erinnern kann, was er macht. „Es ist fast ein Wunder, dass ich jetzt so ruhig sitzen kann“, sagt er. Er sitzt gar nicht ruhig. Immer wieder stößt er mit den Beinen an den Tisch, was an seiner Größe liegen kann. Aber auch der Oberkörper ist ständig in Bewegung, immer wieder fasst sich Lutz mit den Händen an die Schulter.

Auf der Bühne aber kann er ruhig stehen. Er spricht mit fester Stimme. Der Regisseur von „Ikaros“, Andreas Mihan, hat lange Interviews mit den suchtkranken Teilnehmern geführt, daraus ist anschließend der Text entstanden. Die Geschichten kommen leicht verfremdet auf die Bühne. Dokumentarisch-fiktiv nennen das die Theaterleute. „Stell dir vor“, so beginnen die Texte, die in der „Du“-Form gehalten sind. So entsteht Distanz. Ein genialer Einfall: die Wucht der Lebensläufe zu verquicken mit der Wucht einer uralten Geschichte aus der griechischen Mythologie. Der von Ikaros, der zur Sonne fliegen will, ihr zu nah kommt und jäh abstürzt.

Das Theaterprojekt habe ihn an seine Grenzen gebracht, sagt Lutz. „Aber ich glaube, es wird befreiend sein.“ Freunde und Familie kommen zur Premiere. Er will sich noch ein Jahr in der Clean-WG stabilisieren, dann eine Weiterbildung zum Betriebswirt machen. Die Angst, rückfällig zu werden, ist immer da. Die Papphäuser, die er im Stück zerstört hat, sind im Schlussbild wieder da. Kleine, intakte Häuser.

*Name von der Redaktion geändert. Die Premiere am Sonntagabend ist ausverkauft. Weitere Vorstellungen am 8., 17. und 18. Juni, jeweils 20 Uhr. Karten (8 Euro, erm.

5 Euro): 8107600, www.projekttheater.de