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Radebeul

Aufregung um Radebeuls neuen Kulturamtschef

Jörg Bernig kritisiert die Migrationspolitik und Journalisten. Nun wurde er, offenbar mit Stimmen von CDU und AfD, zum neuen Kulturamtsleiter gewählt.

Jörg Bernig bei seiner Rede anlässlich seiner Auszeichnung zum Kunstpreisträger der Stadt Radebeul am 12. Oktober 2013.
Jörg Bernig bei seiner Rede anlässlich seiner Auszeichnung zum Kunstpreisträger der Stadt Radebeul am 12. Oktober 2013. © André Wirsig

Radebeul. "Osten, Sachsen, Nazis. Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Das ist eine der Reaktionen, die im Netz auf den aktuellen Artikel der Süddeutschen Zeitung zur Wahl des neuen Kulturamtsleiters in Radebeul kursieren. Andere drücken sich weniger drastisch, aber inhaltlich ähnlich aus. Gemeint ist Jörg Bernig, der am Mittwochabend in nichtöffentlicher Stadtratssitzung in geheimer Wahl von den Räten für das Amt bestimmt wurde.

Die Überschriften quer durch die Republik sind nicht anders: Überall steht zu Bernig „Neurechter“ oder „Rechter“. Die Empörung ist groß, weil Jörg Bernig wesentlich mit den Stimmen von CDU und AfD gewählt worden sein soll, wie es einzelne Stadträte auf Twitter verbreiten.

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Was ist da am Mittwochabend im Ballsaal des Hotels Goldener Anker geschehen, wohin der Stadtrat wegen mehr Platz für die Hygieneregeln auswich? Eigentlich dürfte aus dem nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung nichts dringen. Erst zur nächsten Sitzung im Juni wäre verkündet worden, was im nichtöffentlichen Teil beschlossen wurde. Das sagen die Festlegungen. Doch einer, diesmal mehrere, plauderten, weil die Empörung groß ist.

OB Wendsche hat andere Kandidaten abgelehnt

Die Geschichte begann im vorigen Jahr. Der bisherige Kulturamtsleiter Alexander Lange ist – im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung – ins zweite Glied zurückgetreten und jetzt Leiter der Stadtgalerie und verantwortlich für den Tourismus. Lange, wenn überhaupt politisch, dann eher ein Grüner. Die neue Ausschreibung des Amtes brachte zwar viele Bewerbungen, aber im ersten Anlauf keinen geeigneten Kandidaten. Beim zweiten Anlauf zu Jahresbeginn waren es wieder über 50 Personen, die das einzige Kulturamt einer Kommune im Kreis Meißen leiten wollen. Darunter auch die Bewerbung Jörg Bernigs. Es gab ein Auswahlverfahren, an dem Stadtverwaltung und vor allem der Ältestenrat der Stadträte sowie der Verwaltungsausschuss beteiligt waren. Übrig blieben zuerst sieben Bewerber, zuletzt zwei.

Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) hat das Recht, vorgeschlagene Bewerber abzulehnen. Bei zweien soll er das getan haben. Eine davon war eine Frau, welche von der Fraktion Bürgerforum Grüne/SPD vorgeschlagen worden war. Dies hätte Wendsche auch bei Jörg Bernig tun sollen, sagt jetzt diese Fraktion. Aber offenbar war sich die Stadtführung relativ sicher, dass ihr Vorschlag durchkommen würde. Nämlich auch eine Frau, aus Annaberg-Buchholz, mit Verwaltungs-, Führungs- und Kulturmanagementerfahrung.

Das Radebeuler Kulturamt im Fachwerkhaus am Dorfanger in Altkötzschenbroda. Die Stadt Radebeul leistet sich als einzige Kommune im Kreis Meißen noch ein solches Amt. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter sind hier beschäftigt.
Das Radebeuler Kulturamt im Fachwerkhaus am Dorfanger in Altkötzschenbroda. Die Stadt Radebeul leistet sich als einzige Kommune im Kreis Meißen noch ein solches Amt. Etwa ein Dutzend Mitarbeiter sind hier beschäftigt. © Arvid Müller

Doch am Mittwochabend lief es anders. Es gab einen ersten Wahlgang, bei dem bekam weder die von der Verwaltung favorisierte Frau noch Jörg Bernig die absolute Mehrheit. Im zweiten Wahlgang reicht die einfache, die relative Mehrheit. Es sollen zwei Stimmen mehr für Bernig gewesen sein – 17 zu 15, bei zwei Enthaltungen. Im Stadtrat sind 35 Räte, 34 waren anwesend. Die CDU hat neun Stimmen. Die AfD sechs. Wie die SZ erfuhr, haben nicht alle der CDU für Bernig gestimmt. Dennoch: Vor allem mit den Stimmzetteln von CDU und AfD sei Bernig gewählt worden. Allerdings reichen deren Stimmen nicht allein. Es müssen auch andere zugestimmt haben. Keiner weiß es hundertprozentig, es war eine geheime Wahl.

Doch wer ist eigentlich Jörg Bernig? Fragt man in Radebeul auf der Straße, kennt ihn kaum jemand. Geboren 1964 in Wurzen. Gelernt hat er Bergmann mit Abitur. In Leipzig 1985 bis 1990 Germanistik und Anglistik studiert. Danach Lehrer in Schottland und Lektor in Wales. Promoviert hat er zum Thema „Schlacht um Stalingrad im deutschsprachigen Roman nach 1945“. Danach Redakteur bei der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege und als Lehrbeauftragter und Mitarbeiter an kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekten an der TU Dresden. Seit 1995 lebt er in Radebeul. Hier ist er seitdem als Autor tätig. Ab dem Jahr 2000 hat er für seine Werke mehrere Preise bekommen – 2013 den Kunstpreis der Stadt Radebeul.

Schaden für Radebeuls Kultur?

Seit 2015 äußert sich Bernig wiederholt kritisch zur Einwanderungspolitik der Bundesregierung. Seine Kritik wendet sich auch gegen Teile der Medieneliten und deren Umgang mit dem Thema Migration. Dies auszudrücken wählte Bernig unter anderem das nach eigener Definition neoreaktionäre „Tumult-Magazin“. Er schrieb für die „Sezession“ des als rechts bekannten Verlegers Götz Kubitschek. Er gehört zu den Erstunterzeichnern der „Gemeinsamen Erklärung 2018“, in welcher Uwe Tellkamp und weitere Intellektuelle ähnliche Ansichten zur „illegalen Masseneinwanderung“ äußern.

In der Sächsischen Zeitung schrieb Jörg Bernig erstmals öffentlich unter dem Titel 2015 im Essay „Zorn allenthalben“ seine Kritik zur Zuwanderungspolitik nieder. In einem Streitgespräch in der Dresdner Kreuzkirche forderte der Radebeuler zu mehr Respekt auf und sagte: Nicht jeder Asylkritiker sei ein Rassist, nicht jeder Journalist ein Lügner. Jetzt wurde er mit nur einer Zweistimmenmehrheit zum Kulturamtsleiter gewählt. Die Reaktionen blieben nicht aus.

Deutliche Kritik kommt von Bürgerforum/Grüne und SPD. „Mit der Wahl von Dr. Bernig zum Kulturamtsleiter einer Großen Kreisstadt – die sich gerne für ihre Lebensqualität und Weltoffenheit rühmt – werden wir erneut Zeuge einer unrühmlichen Zusammenarbeit von AfD und CDU“, sagt Fraktionsvorsitzende Eva Oehmichen. Der SPD-Ortsverein erklärt: „Wir wollen die Kulturschaffenden unserer Stadt nicht von jemandem vertreten sehen, der völkischem, nationalistischem und identitärem Gedankengut anhängt und es verbreitet.“ Ähnlich sieht es Daniel Borowitzki, Fraktionsvorsitzender der Linken: „Ich befürchte, dass mit dieser Entscheidung die Kulturlandschaft Radebeuls langfristig beschädigt ist. Die KünstlerInnen der Stadt werden nur schwer in der Lage sein, mit einer politisch so brisanten Person zusammenzuarbeiten.“

Amtsantritt wohl im August

Zu behaupten, dass die AfD komplett für Bernig gestimmt habe, sei eine steile These, erklärt indessen deren Fraktionsvorsitzender René Hein. Er könne sich sogar vorstellen, dass es auch aus Reihen des Bürgerforums/Grüne Stimmen für Bernig gab, um Bürgermeister Bert Wendsche, der die andere Kandidatin favorisierte, eins auszuwischen. „Die Welle, welche die Wahl jetzt schlägt, finde ich widerlich. Das stellt das demokratische System infrage“, so Hein.

Dass es Aufregung um die Wahl gibt, könne er nachvollziehen, sagt Ulrich Reusch, Vorsitzender der CDU-Fraktion. Denn Bernig sei als Essayist ein streitbarer Geist, der sehr zugespitzt und pointiert formuliere. Für ihn sprächen seine persönliche Verbundenheit mit der Stadt, ebenso wie sein gesellschaftliches, kulturelles und literarisches Schaffen. „Ich habe keine Zweifel, dass er geeignet ist, diesen Kulturbetrieb administrativ zu führen“, so Reusch. Mehr Bedenken hat Eva-Maria Schindler von den Freien Wählern. Ihre Fraktion sei gespalten gewesen, erklärt die Vorsitzende, sie persönliche hätte aber jemand mit Leitungserfahrung favorisiert.

Leitungsqualitäten, die Bernig bisher nicht zeigen konnte, werden gerade im Radebeuler Kulturamt erwartet, welches de facto gut ein Jahr ohne Führung war. Selbst Radebeuls OB Wendsche sagt, darauf angesprochen: „Es wird nicht einfach.“ Den Menschen Bernig bezeichnet Wendsche als intellektuell und bodenständig. Der Favorit der Verwaltung sei nicht Bernig gewesen.

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Jörg Bernig wolle sich zu Nachfragen der SZ erst äußern, wenn er das Amt antrete. Nur so viel: „Ja, ich nehme die Wahl an und freue mich darauf.“ Nach jetziger Sicht und mit Abstimmung mit der Stadtverwaltung könnte das im August sein. Vorher müsse er noch einiges regeln, woran er derzeit arbeite. Bernig ist seit 2016 auch als Lehrer für Deutsch als Zweitsprache an einer Coswiger Oberschule beschäftigt und unterrichtet dort, so er selbst, vor allem Schüler aus Nordafrika.

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