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Aufschwung ohne Jubel

In den USA steigt das Wirtschaftswachstum, dennoch fehlen neue Jobs. Mit einer ähnlichen Entwicklung muss auch Europa rechnen.

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Von Christiane Oelrich

Washington. Von den amerikanischen Wachstumsraten können die Europäer nur träumen, doch eitel Freude herrscht in den USA bei weitem nicht. Der herbeigesehnte Haupteffekt des Aufschwungs – neue Arbeitsplätze – ist bislang nicht in Sicht. Auf Ähnliches müsse sich auch Europa gefasst machen, wenn dort der Aufschwung komme, warnt Thomas Kochan, Professor für Arbeitsmarktforschung am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (US-Staat Massachusetts).

„Wir werden in Zukunft wesentlich höhere Wachstumsraten brauchen als in der Vergangenheit, um Arbeitsplätze zu schaffen“, sagt Kochan. „Mit dem Produktivitätszuwachs durch neue Technologien können Unternehmen expandieren, ohne neue Jobs zu schaffen.

Die US-Wirtschaft ist seit zwei Jahren wieder auf Wachstumskurs. Nach 3,1 Prozent im zweiten Quartal halten Wirtschaftswissenschaftler in den gerade abgelaufenen drei Monaten sogar mehr als fünf Prozent Wachstum für möglich. Doch die Arbeitslosenquote ist trotz Wachstums gestiegen und verharrt bei sechs Prozent. Die neun Millionen Betroffenen sind schlecht dran: Das Arbeitslosengeld beträgt im Schnitt umgerechnet 854 Euro im Monat für ein halbes Jahr, danach ist Schluss.

Firmen nur zu drei

Viertel ausgelastet

Im September gab es einen ersten Lichtblick: Das Arbeitsministerium meldete netto 57 000 neue Arbeitsplätze. Finanzminister John Snow frohlockte umgehend: „Das im nächsten Jahr erwartete Wachstum von 3,8 bis vier Prozent wird bis zum Herbst 2004 zwei Millionen neue Jobs schaffen.“ Wenige Arbeitsmarktexperten teilen seinen Optimismus.

„Es gibt keinerlei Anzeichen, dass dieses ehrgeizige Ziel erreicht werden kann“, sagt Professor Kochan. Er nennt dafür drei Gründe: Die Industrie leide unter erheblichen Überkapazitäten. US-Fabriken seien nach wie vor nur zu drei Viertel ausgelastet. Zudem lagerten immer mehr Firmen Produktionsbereiche selbst in der Informationstechnologie ins billigere Ausland aus. Drittens schreckten Unternehmer wegen der rasant wachsenden Kosten für die Krankenversicherung vor Neueinstellungen öfter zurück.

Die Lohnnebenkosten sind in den USA bei einem mageren Sozialnetz zwar niedriger als in Deutschland, doch stiegen etwa die Krankenversicherungskosten dort seit 2000 um zehn Prozent im Jahr. Vor allem die beiden letzten Punkte träfen für Europa genauso zu wie für die USA, sagt Kochan. „Der Druck, die Kosten niedrig zu halten, wird anhalten und in Deutschland besonders auf den Arbeitsmarkt drücken, weil es dort ohnehin schwierig ist, einmal Eingestellte wieder zu entlassen“, sagt Kochan. (dpa)