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Aufstand der Kleingärtner

Der Baubürgermeister will etliche Gartenanlagen zum Bauland machen. Doch Dresdens größte Lobby weiß, die Politik für ihre Interessen zu mobilisieren.

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Von Denni Klein

Mit den Gartenfreunden verscherzt man es sich nicht, das wissen im Rathaus eigentlich alle Amtsträger. Fast alle. Offenbar außer dem Baubürgermeister Jörn Marx (CDU), denn er hat seine Pläne ohne die größte organisierte Lobbyistengruppe der Stadt gemacht. So ließ Marx den Wissenschaftsstandort Ost in seinen Amtsstuben entwickeln, der Flächen für neue Forschungszentren ausweisen und Investoren anlocken soll. Großzügig wurde dabei auch das Land von sechs Kleingartenvereinen als potenzielles Bauland verplant – ohne die betroffenen Kleingärtner darüber rechtzeitig zu informieren.

Auf dem Kleingärtnertag des Stadtverbands der Dresdner Gartenfreunde war am Sonnabend traditionell die erste Reihe des Saals im Theater Wechselbad für die Vertreter des Rathauses und der Politik reserviert. Dresdens Erster Bürgermeister, Dirk Hilbert, nahm genauso Platz wie zahlreiche Amtsleiter und verantwortliche Mitarbeiter diverser Behörden im Rathaus und Stadträte der verschiedenen Fraktionen. Wer nicht kam, hatte eine gute Begründung und war ordnungsgemäß krankgemeldet. Mehr als 50 000 Kleingärtner sind bei den Dresdner Gartenfreunden organisiert, und die meisten haben Partner und Familie. Das rechnet sich schnell auf über 100 000 Bürger und potenzielle Wähler.

Kampfansage an die Rathausspitze

Frank Hoffmann weiß um diese Bedeutung seines Verbands. So lässt Dresdens oberster Kleingärtner keinen Zweifel daran, dass der Baubürgermeister seine Pläne nicht ohne Widerstand durchsetzen kann. „Bürgermeister Marx hat die Kleingärtner ignoriert und nicht einbezogen. Die sechs betroffenen Vereine haben aus der Zeitung davon erfahren.“ Dabei gehe es um Pläne, die großteils erst nach 2020 relevant werden. Aber durch das Bekanntwerden sinke der Wert der Flächen, und es werde deutlich schwerer, freie Parzellen zu vergeben.

Da der Baubürgermeister den Kleingärtnertag nicht besuchte, wurde die Kritik beim Amtskollegen Dirk Hilbert abgeladen. Verbandschef Hoffmann forderte den Wirtschaftsbürgermeister auf, die Kritik mitzunehmen. Kleingärtner seien nicht gegen Stadtentwicklung, aber sie müssten angemessen entschädigt und mit Ersatzflächen versorgt werden. „Kleingartenanlagen sind mehr als Kartenzeichen, und es braucht mehr als einen Radiergummi, um sie zu versetzen. Wir werden um jeden Quadratmeter Gartenland kämpfen.“

Diese Kampfansage untermauert Hoffmann mit dem Verweis auf die Zukunftsziele für Dresden von Oberbürgermeisterin Helma Orosz. Sie habe der Lebensqualität in der grünen Stadt hohe Priorität beigemessen. Er gehe davon aus, dass die Stadträte im Kleingartenbeirat ihre Vermittlerrolle zur Stadtverwaltung in gewohnter Weise wahrnehmen werden. Der Verband fordert Regeln, wonach die Kleingärtner bereits von Investorenanfragen informiert werden, die Garten- zu Bauland machen wollen. Darüber hinaus sollte das Kleingartenentwicklungskonzept der Stadt fortgeschrieben werden. In die Pflicht genommen wurde in Abwesenheit Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann, der schriftlich zugesichert hat, dass die Entwässerung eines Weges in der Gartenanlage Hansapark noch 2013 gebaut wird. Dirk Hilbert beließ es als Vertreter der Rathausspitze dann auch bei einem freundlichen Grußwort.