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Aufstieg und Niedergang des Kunstseidenwerks

Zwei Autoren geben den bisher detailliertesten Einblick in Pirnas Industriegeschichte – am Beispiel des einst größten Arbeitgebers.

Von Christian Eissner

OSTRALE Biennale O19

Die zweite Biennale und 12. OSTRALE widmet sich ab dem 11. Juni bis zum 1. September dem Leitgedanken „ismus“.

Seine Ausmaße lassen sich heute kaum mehr erahnen. Auf rund 40 Hektar Fläche breitete sich das Kunstseidenwerk, Pirnas größter Industriebetrieb, beiderseits der B 172 zwischen Pirna und Heidenau aus. Die Kunstseidenspinnerei der Firma Küttner hatte Ende der 1920er-Jahre zeitweise über 4 500 Beschäftigte, als VEB Sächsisches Kunstseidenwerk „Siegfried Rädel“ später fast durchgehend mehr als 3 000.

Betriebsangehörige protestieren am 14. Juni 1993 gegen die drohende Schließung der Kunstseide. Repro: SZ

Der promovierte Chemiker Klaus Müller, der lange als Entwicklungsleiter im Kunstseidenwerk arbeitete, hat sich gemeinsam mit Georg-Heinrich Treitschke, dem Enkel des Firmengründers Hugo Richard Küttner, an die Aufarbeitung der Werksgeschichte gewagt. Mit einer sehr persönlichen und bewegenden Präsentation stellten die beiden am Montagabend im Stadtmuseum das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit vor: das gemeinsam mit der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen und dem Pirnaer Kuratorium Altstadt herausgegebene Buch „Kunstseide aus Pirna. Ein Unternehmen in Deutschlands Zeitläufen“.

Auf knapp 300 hochwertig gestalteten Seiten widmen sich die Autoren der Betriebsgeschichte von den Anfängen 1908 bis zum Abriss der Werksgebäude und der Umwandlung der Fläche in einen Gewerbepark Ende der 1990er-Jahre. Das Buch beschreibt, wie Pirna zu einem der wichtigsten Standorte der Kunstfaserproduktion in Europa wurde und wie das Werk die Stadt über Jahrzehnte prägte. Es berichtet aber auch vom Niedergang der Produktion, der schon in den 1980er-Jahren begann, als man aufgrund von Arbeitskräfte- und Geldmangel Maschinen „blind“ laufen ließ und die Produktionsanlagen auf Verschleiß fuhr. Die Folge waren Qualitätseinbußen, zunehmend demotivierte Mitarbeiter und gravierende Umweltprobleme.

Trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen der Pirnaer Betrieb produzieren musste, blieb die Mannschaft innovativ und erzielte beachtliche Erfolge. Um mit der Produktpalette nicht zu stagnieren, begann das Kunstseidenwerk gemeinsam mit Partnern aus der Wissenschaft Ende der 1970er-Jahre mit der Entwicklung einer Viskose-Hohlfaser für den Einsatz zur Blutwäsche in Dialysegeräten. Diese Hohlfaser-Produktion endete erst 2006, lange nach dem Aus der übrigen Betriebsteile.

Was Klaus Müller und Georg-Heinrich Treitschke zum Kunstseidenwerk erforscht haben, verdient Respekt – umso mehr angesichts der teils schwierigen Quellenlage, die unter anderem aus der Vernichtung nahezu des kompletten Firmenarchivs bei der Betriebsabwicklung in den Jahren 1993 und 1994 resultiert. Besonders anzurechnen ist den Autoren zudem, dass die Lektüre nicht nur informativ ist, sondern auch Spaß macht. Das Buch wird daher nicht nur ehemaligen Kunstseidenwerkern gefallen. Es ist eine Empfehlung für alle, die an Pirnaer Stadt- und an deutscher Industriegeschichte interessiert sind.

Bis zum morgigen Freitag wird das Buch exklusiv beim Kuratorium Altstadt Pirna (Kirchplatz 10), im Touristservice am Markt sowie im Stadtmuseum verkauft. Danach ist es auch im Buchhandel erhältlich.

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