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Löwenmilch für das Adelskind

Alles nur Legenden? Im Schloss Moritzburg erzählt eine Ausstellung vom Mythos Augusts des Starken. Teil 1 unserer Serie "Starker August"

Geht August der Starke etwa wieder um in Schloss Moritzburg?
Geht August der Starke etwa wieder um in Schloss Moritzburg? © Ronald Bonß

August der Starke ließ sich in Moritzburg aus einem alten Jagdhaus ein Wasser- und Lustschloss bauen. Das gehört in Sachsen zur Allgemeinbildung. Viele haben zudem schon mal davon gehört, dass der Herrscher bei einem Kostümfest in Moritzburg mit einer attraktiven Blondine anbandelte. Die Frau hieß Gräfin Aurora von Königsmarck und gab sich lustvoll dem Mann hin. So jedenfalls lautet die Legende.

Die erzählte schon ein halbes Jahr nach dem Tod des Monarchen 1733 ein Publizist aus Leipzig. David Faßmann wagte sich an den Lebenslauf des Hochwohlgeborenen. Doch die 1.030 Seiten der Biografie brachten dem Autor nur Ärger ein. Die Behörden ließen ihn in der Messestadt verhaften und verhinderten das Erscheinen seines Buches. Der Inhalt sei nicht mit dem sächsischen Hof abgestimmt, zudem werde das Bild des Monarchen besudelt, meinten die Zensoren empört. Also ab in den Knast mit dem sogenannten Journalisten.

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Dass der erste Biograf des starken Kurfürstkönigs in Haft kam, erfahren Besucherinnen und Besucher jetzt folgerichtig im Moritzburger Schloss, in dem August Frauen im Akkord verführt haben soll. In der Ausstellung „350 Jahre Mythos August der Starke“ lagern die Büsten der Mätressen auf Sockeln, deren Höhe die Länge der Zeit der Zweierbeziehung verdeutlichen soll. Der Mythos vom gekrönten Lüstling ist jedoch nicht neu, denn schon während seiner Regentschaft konstatierte der Freiherr Johann Michael von Loen, Goethes Großonkel, dass die Sachsen nicht fürs Militär taugen würden, „weil sie zu wollüstig und zu gemütlich sind“.

Neu ist in der Ausstellung die Zusammenfassung sämtlicher Legenden, deren Rezeption und Wirkung. Wie die Nachfahren das Bild von August dem Starken pflegten oder verkommen ließen, das wollen die Kuratoren André Thieme und Matthias Donath in den Räumen des Schlosses erklären. Dabei hilft natürlich die Geschichte von der Verhaftung des ersten Biografen. Die Story steht symbolhaft für die permanente Korrektur des August-Mythos.

In einem der Räume darf der Gast einer Frauenfigur sogar unter den Rock fassen, um festzustellen, wie viele Kinder der oberste Wettiner einst zeugte und als die seinen anerkannte. Immer wieder taucht die Zahl 365 auf, um zu illustrieren, über welche Manneskraft der Sachse angeblich verfügte. Tatsächlich sind neun Kinder namentlich bekannt. Der Vater scharte sie einmal, anno 1728, zur Familienfeier um sich. Er mochte es, in der Öffentlichkeit als potent, geliebt, verehrt und unwiderstehlich betrachtet zu werden. Er verstand etwas von absolutistischer Imagepflege, auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab.

Doch Biograf Faßmann musste, wollte er wieder auf freien Fuß kommen, sämtliche sexistische Ausschweifungen des Verstorbenen und auch die „Bastarde“ aus seinem Text streichen. Die Zeiten hatten sich offenbar geändert und adlige Wollust als Renommee gehörte der Vergangenheit an. Dass August Hufeisen zerbrechen, Kutschen aufhalten oder literweise Wein in sich hineinschütten konnte, wurde jedoch gedruckt. Der sächsische Sultan sei als Knabe mit Löwenmilch aufgezogen worden und deshalb so stark. Auch das stand in dem Buch. Deshalb lagert in der Moritzburger Ausstellung ein ausgestopfter Leu. Die Legende vom Löwenmilchbubi verbreitete sich, andere Schriftsteller nahmen sie später dankbar auf und schrieben fort, was noch nie gestimmt hatte.

Im 18. und 19. Jahrhundert, so die Kuratoren, galt Friedrich August allerdings als Buhmann, nicht als „Goldener“, sondern als „Schwarzer Reiter“. Nachfolger seien daran interessiert gewesen, nicht ewig im Schatten des sächsischen Sonnenkönigs zu stehen, der übrigens zu Lebzeiten nie als „der Starke“ bezeichnet wurde.

Nach den Befreiungskriegen 1815 verlor Sachsen zwei Drittel seines Landes mit reichlich einem Drittel seiner Bevölkerung an den Nachbarn. Das Reich der Wettiner war in die Zweitklassigkeit abgestiegen und galt nunmehr als Land der Verlierer.

Erst im frühen 20. Jahrhundert, so lernen die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, rehabilitierte der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt den fast vergessenen August und schrieb ihm die Rolle als größtem deutschen Bauherren des Barock und europäischem Herrscher zu. „Die sächsische Heimatschutzbewegung erkor August zum neuen Idol und Synonym für die kulturelle Blütezeit Sachsens“, schreiben Donath und Thieme im Katalog zur Ausstellung. Interessant zudem, dass 1952 mit der Auflösung des Landes Sachsen die Wiederbelebung des frisch gewonnenen Mythos zerbrach. Alles Sächsische habe fortan unter ideologischem Vorbehalt gestanden und diente als „Vehikel einer diffusen Opposition“.

Dem DDR-Fernsehen ist der Beginn einer neuen „Sachsen-Renaissance“ in den Jahren 1984 und 1985 zuzuschreiben. „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ hieß die teuerste Literaturverfilmung der DDR nach den Büchern des polnischen Schriftstellers Józef Ignacy Kraszewski. Der Schauspieler Dietrich Körner spielte einen guten Monarchen, den sich ein Volk schon deshalb wünschte, um die alten Herren des Politbüros vom Thron stoßen zu können.

An der Leipziger Karl-Marx-Universität erforschte zur selben Zeit der Historiker Carl Czok das Leben des Kurfürsten und brachte 1987 die Biografie „August der Starke und Kursachsen“ heraus. In der Moritzburger Ausstellung wird der Wissenschaftler als „SED-Historiker“ bezeichnet, was seine Arbeit merkwürdig diskreditiert. Die Kuratoren ziehen Bilanz, indem sie darauf hinweisen, dass die neue Regierung um Kurt Biedenkopf nach 1990 an dem aufpolierten Königsmythos anknüpfen konnte. „Dieser August startete durch als populäres, marketinggerechtes Synonym für Sachsen, als Chiffre für Kunstbesessenheit, Maßlosigkeit, Lebensfreude und eine produktive Umtriebigkeit, die man gut sächsisch auch als Fischelanz bezeichnen kann“, schreiben Matthias Donath und André Thieme. Eine Omnipräsenz sei die Folge gewesen, die den Charakter beliebig werden ließ. August der Starke mutierte zum Werbe-August und dient zunehmend als Maskottchen der Tourismusbranche.

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Eine Ausstellung auf Schloss Moritzburg feiert den 350. Geburtstag des Herrschers auf besondere Art und Weise.

Insgesamt wirkt die Schau trotz der gut durchdachten Konzeption wie zusammengeklaubt, gerade so, als hätten die Kuratoren sich überall bedient, um noch einmal etwas Originelles anzubieten nach den großen Inszenierungen im vorigen Jahr rund um das Jubiläum der Hochzeit von Augusts Sohn. Bis zur Präsentation von einigen Souvenirs reichen die Exponate, die auf einem Tisch liegen wie die Reste eines Trödelmarktes. Sollte das gewollt sein, um die Lächerlichkeit dieser Mitbringsel zu zeigen, ist es gelungen. Dass der Mythos behäbig geworden sei, bilanzieren die beiden Historiker schon in der Einleitung des Ausstellungskatalogs. Die Herausgeber glauben, dass „die identitätsstiftende, solitäre Stellung Augusts des Starken im kulturellen Gedächtnis Sachsens langsam schwindet.“ Der glatt gebügelte, mythisch gewissermaßen festgefahrene August wirke in der Zeit gesellschaftlicher Konfrontation fast anachronistisch. Da haben sie recht. Sie wünschen allerdings dem Kurfürsten zum 350. Geburtstag, dass er als „mentaler Kitt“ für kommende Generationen in Sachsen tauge. Doch welcher König möchte postum als „mentaler Kitt“ enden?

„Mythos August – Geschichte. Macht. Ihr.“
Schloss Moritzburg, täglich 10 – 18 Uhr.

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