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Die Wut nach der Flut

Nachdem das Wasser im August 2010 weg war, begann für die ISG-Sportler in Hagenwerder der nächste Kampf.

Nicht mehr geschafft: Dieser Gast einer Schulanfangsfeier wollte am 7. August 2010 in Hagenwerder sein Auto noch vor den Wassermassen in Sicherheit bringen, doch sie waren schneller.
Nicht mehr geschafft: Dieser Gast einer Schulanfangsfeier wollte am 7. August 2010 in Hagenwerder sein Auto noch vor den Wassermassen in Sicherheit bringen, doch sie waren schneller. © Nikolai Schmidt

Das war ein glücklicher Moment. Als Sachsens Innenminister Roland Wöller im Dezember 2018 die Sportler der ISG Hagenwerder besuchte, brachte er die frohe Botschaft mit, dass die ISG ihren Sportplatz behalten kann. Für den Moment waren vor allem die Fußballer froh darüber. Letztlich aber überwiegt in ganz Hagenwerder – nicht nur bei der ISG – die Wut darüber, dass sie nach der Augustflut so viele Jahre um alles hart kämpfen mussten: Um die Sanierung ihres Kindergartens beispielsweise. „Das waren über vier Jahre unhaltbare Zustände“, sagt ISG-Chef Thomas Zimmermann. Im gleichen Gebäude war die Feuerwehr untergebracht. Nach jahrelanger Diskussion bekam sie letztlich einen Neubau.

Am tiefsten sitzt in Hagenwerder aber der Turnhallen-Stachel. Bis heute kann niemand verstehen, warum die Halle, in der, wie im ganzen ISG-Komplex, das Wasser nur wenige Zentimeter hoch stand, nie mehr genutzt werden darf. Wie schnell damals Mitarbeiter der Stadt kamen und alles rausschmissen, sogar ein handgearbeitetes Vereinsschild – das bringt Thomas Zimmermann bis heute zum Kochen. „Das war mit dem Wasser gar nicht in Berührung gekommen. Zufällig hat das einer unserer Sportler vom Schutthaufen gerettet.“

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Sachsens Innenminister Roland Wöller (2.v.r) besuchte am 10. Dezember 2018 die ISG Hagenwerder und teilte mit, dass der Sportplatz in Hagenwerder nun doch weiter genutzt werden darf. Darum hatte die ISG (Vorsitzender Thomas Zimmermann ganz rechts im Bild)
Sachsens Innenminister Roland Wöller (2.v.r) besuchte am 10. Dezember 2018 die ISG Hagenwerder und teilte mit, dass der Sportplatz in Hagenwerder nun doch weiter genutzt werden darf. Darum hatte die ISG (Vorsitzender Thomas Zimmermann ganz rechts im Bild) © nikolaischmidt.de

Dass mit der Halle scheint nun Geschichte, dafür wurde mit Flutgeldern eine neue in Görlitz gebaut – jene auf der Hugo-Keller-Straße. Später dann der nächste Deal, den die Menschen in Hagenwerder nicht verstanden haben: In Görlitz wird aus Hochwassermitteln das Stadion der Freundschaft saniert, sie dürfen dafür bei der ISG ihren Sportplatz nicht mehr nutzen. Völliger Irrsinn, in den Augen von ganz Hagenwerder. Nach langem und groß angelegten Protest kommt schließlich die erlösende Nachricht. Doch die Wunden sind bei den Menschen noch lange nicht verheilt, jetzt zum Jahrestag kommt vieles wieder hoch. „Was unsere Eltern und Großeltern in vielen freiwilligen Arbeitsstunden aufgebaut haben, wurde hier einfach kaputt gemacht“, sagt Zimmermann. Als ob die Menschen in Hagenwerder mit dem Wasser in ihren eigenen Häusern nicht schon genug betroffen waren.

Reste von der Flut waren nach einiger Zeit noch im Tor zu sehen, dem Platz selbst war nichts passiert.
Reste von der Flut waren nach einiger Zeit noch im Tor zu sehen, dem Platz selbst war nichts passiert. © ISG

Auch Familie Zimmermann. Sie feierten am 7. August 2010 gerade den Schulanfang von Thomas Zimmermanns Neffen – dem Sohn von Ortsvorsteher Andreas Zimmermann und einer aus dem Pechvogel-Jahrgang, der wegen der Flut einen verkorksten Schulanfang und wegen Corona keinen richtigen Schulabgang hatte. „Zum Glück war der größte Teil der Feier damals schon vorbei, als es losging“, erinnert sich sein Onkel. Am späten Nachmittag stieg das Wasser in den Neißewiesen immer höher, die Männer gingen immer nachsehen. „Wir dachten noch, wir haben schon so viele Hochwasser erlebt, da passiert schon nichts. Aber zur Abendbrotzeit lief das Wasser plötzlich richtig schnell. Da wussten wir: Das wird eng.“ Kinder und Großeltern wurden in die oberen Stockwerke gebracht, die Autos sollten noch weggefahren werden. Einem Gast gelang das nicht mehr, er steckte mit seinem blauen T4 im Wasser fest. „Dann hatten wir zwei Stunden lang 70 Zentimeter hoch das Wasser im Hof stehen, gegen 21 Uhr war es wieder weg.“ Eine Woche kein Strom und hoher Schaden am Haus und im Hof war die Folge. „Und dieser Gestank“, sagt Thomas Zimmermann. „Den habe ich heute noch in der Nase.“

Manches wurde in Hagenwerder nur zum Trocknen vor die Tür gestellt, anderes war Schrott. Diebe unterschieden in den Tagen nach der Flut offenbar nur wenig, sodass manches abhanden kam.
Manches wurde in Hagenwerder nur zum Trocknen vor die Tür gestellt, anderes war Schrott. Diebe unterschieden in den Tagen nach der Flut offenbar nur wenig, sodass manches abhanden kam. © privat

Wie den meisten Bewohnern in Hagenwerder war auch Zimmermanns schnell klar: Das war kein normales Hochwasser. Dass es dann so lange dauerte, bis auch offiziell gesagt wurde, dass es die Flutwelle des gebrochenen Witka-Staudamms war, brachte viele in Hagenwerder noch mehr in Rage. Zu allem Überfluss wurden damals einige, die ihr Hab und Gut zum Trocknen herausgestellt hatten, bestohlen. „Das war schon eine aufgeheizte Stimmung“, sagt Zimmermann. Und trotzdem: Dass im August 2010 zumindest auf deutscher Seite kein Mensch sein Leben lassen musste, grenzt immer noch an ein Wunder. „Nur eine Woche vorher hatte im Badgelände ‚House of Summer‘ stattgefunden – mit hunderten jungen Gästen auf dem Zeltplatz. Der ist komplett überflutet worden. Nicht auszudenken, was da passiert wäre, wenn sie alle noch dort gezeltet hätten. 

Zeitzeuge Werner Mönnich erinnert sich

Ich war am 7. August 2010 in Neukirch, die Feuerwehr bat Bürger am Nachmittag zur Mithilfe beim Sandsäckefüllen. Das kleine Bächlein Wesenitz hatte sich in einen Strom verwandelt. Im Fernsehen lief Bayern gegen Schalke, ich entschied mich zur Mitarbeit. Es waren dann mehr Helfer als Säcke da.

Am Abend las ich im Videotext, dass Görlitz von einer Flutwelle bedroht wurde. Versuche zu telefonieren, schlugen fehl. Mein Neffe war aus Bielefeld zu Besuch nach Hagenwerder gekommen, hatte seinen nagelneuen Pkw in einer Garage nahe der Pließnitz abgestellt, das Wasser stand dann dort bis zu den Kopfstützen im Fahrzeug. Sonntagfrüh machte ich mich auf den Weg und meldete mich im Betriebshof als Helfer. Zu der Zeit war ich in das Liegenschaftsamt abgestellt, weil der Kollege, der die Sportstättenplanung bearbeitet hatte, im Juli verstorben war und ich dieses Gebiet vor ihm im Schul- und Sportamt bearbeitet hatte. Wir stellten dann am 8. August Verkehrsschilder in Weinhübel auf.

Äußerlich recht unversehrt: der ISG-Komplex in Hagenwerder nach der Flut. Innen stand das Wasser nur einige Zentimeter im Haus.
Äußerlich recht unversehrt: der ISG-Komplex in Hagenwerder nach der Flut. Innen stand das Wasser nur einige Zentimeter im Haus. © ISG

Die Woche darauf half ich in Hagenwerder beim Entsorgen des Mülls aus den Kellern der Wohnblöcke. Im Schul- und Sportamt hatte ich dann die Aufgabe die Planung der Nutzung der Sportstätten für das neue Schuljahr 2010/11 für Schulen, Vereine und andere Nutzer zu bearbeiten, allerdings ohne der Halle in Hagenwerder und der Hirschwinkelturnhalle.

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Es war nicht leicht, aber irgendwie ging es und im Liegenschaftsamt herrschte ein gutes Arbeitsklima. Nun ist vieles vorbei, auch der Kampf um den Sportplatz in Hagenwerder. Warum die Halle in Hagenwerder nach wie vor vor sich hindümpelt, wird für mich ewig fraglich bleiben. Andere Sportstätten in unserer Region wurden saniert. Wenigstens konnte der Sportplatz in Hagenwerder erhalten bleiben, dank auch der Unterstützung der Landesregierung und des jetzigen Oberbürgermeisters Octavian Ursu. (SZ)

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