merken
PLUS Zittau

Ungeahnte Spuren der Verwüstung

Im August 2010 verwandelte eine Jahrhundertflut Zittau und seine Umgebung in eine Wasserlandschaft. Eine Kurzchronik der Ereignisse.

Hier schwappte die Mandau schon an die Brücke der Goldbachstraße in Zittau. Wenige Tage zuvor floss sie noch friedlich in ihrem Bett. Kleines
Hier schwappte die Mandau schon an die Brücke der Goldbachstraße in Zittau. Wenige Tage zuvor floss sie noch friedlich in ihrem Bett. Kleines © Heike Schwalbe

Sommer 2010. Nach recht kühlen Junitagen kamen ein heißer Juli und schließlich das schlimme Hochwasser am 7. August. Zittau, das Zittauer Gebirge, die ganze südliche Oberlausitz und die angrenzenden Länder waren davon gleichermaßen betroffen. Die Erinnerungen daran sind nach zehn Jahren noch allgegenwärtig, wie eine Vielzahl von Beiträgen in der Sächsischen Zeitung vom vergangenen Freitag verdeutlichte. Aber wie kam es zu dieser Katastrophe, wie verlief sie, welche Auswirkungen hatte sie? Hier der Versuch einer Kurzchronik der Ereignisse.

Eine sogenannte Vb-Wetterlage, zurückzuführen auf ein Tief über Oberitalien, hatte zu ungewöhnlich großen Regenmengen geführt. So waren in Bertsdorf-Hörnitz bis zu 145 Liter Regen auf den Quadratmeter gefallen. „Das war deutscher Rekord“, schrieb die SZ. Bereits am 6. August, einem Freitag, hatte es stetig geregnet, und der Niederschlag hielt an bis zum nächsten Tag. Zuerst traf es die Wälder südlich von Zittau. Die Böden konnten das viele Wasser bald nicht mehr aufnehmen. Bald waren die Gebirgsbäche übervoll und traten über die Ufer. Die Wassermassen nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war, über- und unterspülten Straßen, beschädigten Brücken, Wege und Gebäude. Bachmauern stürzten ein, Keller und Gruben waren im Nu vollgelaufen. Bewohner von Hanggrundstücken klagten über die Fluten, die durch ihr Haus flossen, Chaos und Schlamm zurücklassend. Schlimm traf es zum Beispiel Olbersdorf. Eine kurz zuvor aufgebrachte Asphaltstraßendecke brach wieder auf und verschob sich enorm.

Anzeige
Görlitz zapft an!
Görlitz zapft an!

München muss pausieren, Görlitz feiert: Am 2. und 3. Oktober steigt im L2 Club die Premiere des Görlitzer Oktoberfestes!

Auf der Löbauer Straße mussten sich Fußgänger wie Autofahrer durch die Wassermassen kämpfen. Die Flut wurde zum Medienereignis. Nicht nur Zeitungen und Agenturen waren vor Ort, Radio- und TV-Reporter berichteten live.
Auf der Löbauer Straße mussten sich Fußgänger wie Autofahrer durch die Wassermassen kämpfen. Die Flut wurde zum Medienereignis. Nicht nur Zeitungen und Agenturen waren vor Ort, Radio- und TV-Reporter berichteten live. © Heike Schwalbe

Das Wasser suchte sich weiter seinen Weg und strömte rasend schnell zur Mandau. Der in Zittau zwischen zwei Dämmen verlaufende Fluss lief randvoll. Ergebnis: Das Gelände südlich der Mandau wurde überflutet. Die Äußere Oybiner Straße wurde ein Fluss. Anlieger wie der „Dresdner Hof“ oder die Mensa der Hochschule wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Kraft des Wassers verschob riesige Betonblöcke und überspülte zwei Fußgängerbrücken, jedoch nicht die großen Zittauer Hauptbrücken. Am Zusammenfluss von Mandau und Neiße an der Lusatia-Wiese entstand ein gewaltiger Rückstau, verursacht durch das Neißehochwasser. Zudem hatte der Kristýnasee bei Hartau den Damm zur Neiße durchbrochen. Der hohe Pegel hatte bald das Wohngebiet Zittau-Ost überschwemmt und auch Fische verschiedener Größe mitgebracht, darunter einen Wels von einem Meter Länge. Auch das Zittauer Klärwerk war von der Überflutung betroffen. Alle Neißewiesen bis zum Weinaupark waren überspült, mittendrin der Tierpark. Die Rettungsaktion des Kamels Mustafa machte damals Schlagzeilen, allerdings kam für viele Tiere jede Hilfe zu spät.

Inzwischen war längst Katastrophenalarm ausgelöst worden, alle Rettungskräfte befanden sich im Dauereinsatz. Nachbarn und Freunde halfen Betroffenen. Viele Einwohner konnten in Sporthallen Schutz finden. Straßen und Brücken mussten gesperrt werden, ein Verkehr Richtung Gebirge war nicht mehr möglich. Die Schmalspurbahn musste ihren Betrieb vorübergehend einstellen. Neißeabwärts brachen viele Deiche, dadurch wurden Teile von Drausendorf und Hirschfelde überflutet. Auch hier traf es ein Klärwerk. Im Bereich des Kraftwerkes brachte die Küpper vom Osten her ihre Wassermassen in den Grenzfluss. Die Pegel stiegen und stiegen. Hinzu kam die Angst der Anwohner, auch im polnischen Ort Turow, dass die stark aufgeweichten Böden nachgeben und in den Tagebau rutschen könnten.

Erhebliche Schäden verursachte das Hochwasser auch in Bogatynia (Reichenau). Deren Beseitigung beanspruchte Zeit. Dieses Foto entstand im September 2010.
Erhebliche Schäden verursachte das Hochwasser auch in Bogatynia (Reichenau). Deren Beseitigung beanspruchte Zeit. Dieses Foto entstand im September 2010. © Heike Schwalbe

Am nächsten Tag waren die Regenwolken verschwunden, die Sonne brannte vom Himmel, als wäre nichts geschehen. Erst jetzt wurden die Schäden sichtbar. Überall lag Schlamm, der nun langsam trocknete. Fußgänger mussten aufpassen, auf dieser Masse nicht auszugleiten. Die Luft schwirrte vor stechbereiten Mücken, die schnell ihre Opfer fanden.

Die Liste der Schäden wurde lang und länger, Hilfen wurden dankbar angenommen. Auch viele Kleingärten waren von der Zerstörung betroffen. Familienfeiern mussten abgesagt oder abgebrochen werden, schließlich wurden an diesem Wochenende viele Kinder eingeschult. Wer mit der Bahn nach Görlitz fahren wollte, konnte monatelang nur mittels Schienenersatzverkehr dorthin gelangen. Nicht nur die Gleise am Berzdorfer See waren schraubenartig verdreht.

Unmut über Geringschätzung

Weiterführende Artikel

Alles unter Wasser

Alles unter Wasser

Wie geht es den Opfern der Flut vom 7. August 2010 heute? Drei Betroffene aus der Zittauer Region erzählen, wie sie die Katastrophe gemeistert haben.

Doppeltes Pech für Schüler-Jahrgang

Doppeltes Pech für Schüler-Jahrgang

Vor zehn Jahren vermieste das Hochwasser den Schulanfang, jetzt torpediert Corona die Abschlussparty. Zwei Ebersdorfer erzählen, wie sie sich jetzt fühlen.

Für viel Unmut sorgte neben der ausgebliebenen Warnung vor der nahenden Hochwasserkatastrophe die Geringschätzung in Sachen Fluthilfe durch die damalige sächsische Regierung. Bis zur südlichen Oberlausitz reichte ihr Blick offenbar nicht, er endete an der oberen Elbe und ihren Nebenflüssen. Dabei sprach man beim Hochwasser 2010 vom Schlimmsten seit dem Jahre 1866. Die großen Wasserbau-Maßnahmen an Mandau (114 Jahre vorher) und Neiße (76 Jahre vorher) erlebten bei diesem Jahrhundert-Hochwasser einen außerordentlichen Härtetest. Sie hätten ihn eigentlich bestanden, doch diesmal waren die Umstände zu besonders. (mit Rß)

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau