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Alles unter Wasser

Wie geht es den Opfern der Flut vom 7. August 2010 heute? Drei Betroffene aus der Zittauer Region erzählen, wie sie die Katastrophe gemeistert haben.

Die Gewächshäuser der Gärtnerei Rudolph in Hainewalde stehen am 7. August 2010 unter Wasser.
Die Gewächshäuser der Gärtnerei Rudolph in Hainewalde stehen am 7. August 2010 unter Wasser. © Matthias Weber/photoweber.de

Ruhig fliest die Mandau durch Hainewalde - vorbei an der Gärtnerei Rudolph in der Talstraße. Andreas Rudolph führt sie mit seiner Frau Angelika nun schon in der dritten Generation. Lange hatten sie es verdrängt, was hier vor zehn Jahren geschah. Aber heute kommt alles wieder hoch. Plötzlich stand am 7. August 2010 alles unter Wasser. Ihre Gärtnerei liegt direkt an der Mandau. 

Gewächshäuser drohten in den Fluten zu versinken

Ihr Wohnhaus und ihre Gärtnerei waren überflutet. Bis auf 2,10 Meter staute sich das Hochwasser an einigen Gewächshäusern und vernichtete alle Pflanzen darin. Wie durch ein Wunder haben die sieben Glas- und Folien-Gewächshäuser dem Wasserdruck stand gehalten. Die Frühbeetkästen allerdings nicht. "Vor den Gewächshäusern standen mehrere Paletten mit je 40 Säcken mit je 70 Litern Muttererde drauf. Die hatte die Mandau trotz ihres Gewichtes alle mitgerissen", schilderten sie damals.

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Angelika und Andreas Rudolph heute vor den Gewächshäusern ihrer Gärtnerei in Hainewalde.
Angelika und Andreas Rudolph heute vor den Gewächshäusern ihrer Gärtnerei in Hainewalde. © Matthias Weber/photoweber.de
Und so sieht es hier heute nach zehn Jahren aus. 
Und so sieht es hier heute nach zehn Jahren aus.  © Matthias Weber/photoweber.de
Gewächshäuser Land unter.
Gewächshäuser Land unter. © privat
Die gesamte Gärtnerei steht unter Wasser.
Die gesamte Gärtnerei steht unter Wasser. © Matthias Weber/photoweber.de

"Wir hatten im Wohnhaus versucht, schnell noch was zu retten. Aber das war nicht viel. Und im Verkaufshaus war die Mühe umsonst. Alles, was sie in der Eile auf die Tische gestellt hatten, ist mit ihnen zusammengebrochen und in den Fluten versunken. 

"Hätte ich damals nicht so schnell so viele Helfer gehabt, ich weiß nicht, wie schlimm es noch geworden wäre. Ich stand im Wasser und wusste nicht, was ich tun soll. Man hat doch nur zwei Hände", erinnert sich der 61-Jährige heute an die schlimme Zeit. Gärtnereien und Floristikgeschäfte bis aus der Stadt Dresden und deren Umgebung hatten ihnen mit Sachwerten, Pflanzen, aber auch mit Arbeitskräften geholfen.

Etwa 120.000 Euro Schaden richtete bei ihnen die Flut 2010 an, circa 50.000 Euro davon allein am Wohnhaus. In Küche, Wohnstube, Büro, den Abstellräumen und Fluren musste der Putz abgehackt werden und der Fußboden raus. "Zu Weihnachten hatten wir wieder eine Küche. Das war unser Weihnachtsgeschenk", sagt Angelika Rudolph.

Heute ist fast alles so, wie vor der Flut. Nur etwas kleiner aufgestellt ist die Gärtnerei. Nicht nur, weil es ein Folie-Zelt weniger gibt. Damals hatten sie noch zwei Mitarbeiter. Inzwischen bewirtschaften sie die Gärtnerei allein. Auf Wochenmärkte fahren, so wie früher, ist da nicht mehr drin. Sie hoffen, dass es so eine Flut nie wieder gibt. Sein Opa hatte den Familienbetrieb 1933 gegründet. 

Gaststätte Kaiserkrone stand plötzlich in einer Badewanne

Ein paar Meter weiter entfernt, war sich am 7. August 2010 Simone Stegner sicher, dass die Talstraße wie ein Damm das Wasser von der Mandau von ihrem Wohnhaus und ihrer Gaststätte "Kaiserkrone" fern halten wird. "Ich half bei den Nachbarn auf der gegenüberliegenden Seite, wo das Wasser schon im Keller war", erzählt sie. Doch leider war dann ein Straßendurchlauf verstopft, und das ganze Wasser vom Gampenstein und vom Feld kam jetzt doch auf ihr Grundstück.

Simone Stegner heute auf dem Parkplatz ihrer Gaststätte "Kaiserkrone" in Hainewalde.
Simone Stegner heute auf dem Parkplatz ihrer Gaststätte "Kaiserkrone" in Hainewalde. © Matthias Weber/photoweber.de
Simone Stegner zeigt, wie hoch das Wasser am 7. August 2010 an dieser Toilette stand.
Simone Stegner zeigt, wie hoch das Wasser am 7. August 2010 an dieser Toilette stand. © Matthias Weber/photoweber.de
Die Toiletten der Gaststätte sind überflutet.
Die Toiletten der Gaststätte sind überflutet. © privat
Der Parkplatz und das schon für den nächsten Tag aufgebaute Festzelt stehen unter Wasser.
Der Parkplatz und das schon für den nächsten Tag aufgebaute Festzelt stehen unter Wasser. © privat

Wie eine Badewanne lief der Parkplatz der Gaststätte voll. Leider schafften es die Helfer nicht, es oberhalb vom Parkplatz umzuleiten. Etwa einen Meter stand das Wasser im Erdgeschoss ihres Wohnhauses. Büro und Schlafstube waren hier. "Ich hatte noch schnell versucht, alles Mögliche oder Wichtige in die oberen Etagen zu retten", erzählt Simone Stegner.

Da alle Nachbarn mit sich zu tun hatten, musste sie es nun allein bewältigen. "Etwas Angst hatte ich später bekommen, weiterhin ins Hochwasser zu gehen, da ja die ganze Elektrik nun auch unter Wasser stand", schildert sie. Aber zuerst hat man in so einer Situation damals funktioniert und einfach gehandelt. Erst, als sie nichts mehr tun konnte, beschlich sie ein Gefühl von: "Was soll nur werden oder wer weiß, bin ich dafür überhaupt versichert?"

Am nächsten Tag wollte sie ihr Sommerfest mit den "Burkauern" ausrichten. Sie bedankt sich beim Zeltverleih und den Burkauern, die auf ihre Rechnungen verzichteten. Aber wie sollte es mit der Gaststätte weitergehen? Das große Übel war der Zustand der Toiletten. Hilfe oder Spenden kamen fast gar nicht, da ja sehr viele selbst betroffen waren, schildert sie.

Die wenigen Hilfen und Spenden schätzte sie deshalb um so mehr. "Es hat einen aus der Hoffnungslosigkeit geholt, angespornt, doch weiter zu machen und dafür möchte ich mich auch heute noch bedanken", sagt Simone Stegner. Zwar erst nach Widerspruch, aber dann doch mit Hilfe der SAB konnten beide Toiletten im Erdgeschoss der Gaststätte erneut werden. Privat sind Elementarschäden bei ihr nicht versichert gewesen.

Zehn Jahre danach, ist die untere Etage des Wohnhauses deswegen immer noch leer. "Was bei mir lange auch aufs Gemüt schlug. Wichtig war für mich immer das Aufbessern der Gaststätte, was mir auch gelungen ist", sagt sie.

Noch in diesem Jahr will sie oberhalb des Parkplatzes einen Spielplatz anlegen. Eigentlich sollte auch die Fassade der Gaststätte endlich saniert werden. Die Bestätigung für die Fördermittel hat sie schon. Aber durch Corona wird es nun erst 2021. "Ich wollte es schon viel früher machen, aber dann musste ich erst einmal Brandschutzauflagen, wie einen zweiten Rettungsweg, erfüllen", erzählt sie. 2021 möchte sie ebenso die untere Etage im Wohnhaus sanieren.

Land unter bei Engemanns Fleischerei

So schlimm die Flut-Katastrophe auch war, ans Aufgeben haben Rosemarie und Henry Engemann nie gedacht. 500.000 Euro Schaden richtete das Hochwasser bei ihnen vor zehn Jahren im Hirschfelder Ortsteil Rosenthal an. Vor allem die Fleischerei, aber auch  die Gaststube und ihr Veranstaltungshaus "Alte Wäscherei" waren buchstäblich abgesoffen. "Im Laden mussten wir komplett alles neu machen", schildert Henry Engemann. 100.000 Euro sind allein dafür notwendig gewesen.

Rosemarie und Henry Engemann können jetzt wieder lachen.
Rosemarie und Henry Engemann können jetzt wieder lachen. © Matthias Weber/photoweber.de
So sah es bei Engemanns am 7. August 2010 in Rosenthal aus. 
So sah es bei Engemanns am 7. August 2010 in Rosenthal aus.  © privat
Die Schlauchboote kamen sogar zum Einsatz.
Die Schlauchboote kamen sogar zum Einsatz. © privat
So hoch stand das Wasser. 
So hoch stand das Wasser.  © privat
Der Garten und die Neiße sind eins.
Der Garten und die Neiße sind eins. © privat

Wer eine ganz feine Nase hat, riecht im Keller vielleicht noch etwas Öl, erzählt er. Obwohl es hier nun schon zehn Jahre keine Ölheizung mehr gibt. Beim Hochwasser 2010 hatten hier die Wände das auslaufende Öl aus den Tanks wie ein Schwamm aufgesogen. Fünfmal hatte er danach den Putz von den Wänden abgehackt. "Ich habe sogar mit einem Brenner das Öl von den Wänden abgebrannt", fügt er hinzu.

Rosemarie und Henry Engemann sind noch heute froh und dankbar, dass ihnen damals so viele Leute so schnell geholfen haben. Bereits wenige Tage nach der Flut stellten ihnen Zulieferfirmen Ersatzmaschinen zur Verfügung und sie konnten wieder produzieren. Auch die Feiern in der "Alten Wäscherei" liefen schnell wieder an. Etwa  zwei Wochen nach der Flut wurde bereits eine Hochzeit in den oberen Räumen gefeiert. Und im September 2010 war auch das Feiern im Erdgeschoss möglich.

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"Wenn wir in zwei Jahren den Kredit abgezahlt haben, ist fast alles so wie vorher", sagt  Henry Engemann. 35 Mitarbeiter hat ihr Unternehmen. Aus einer kleinen Fleischerei haben sie ein florierendes Unternehmen mit mehreren Standbeinen gemacht. Neben der Produktion und dem Verkauf von Fleisch und Wurst betreiben Engemanns heute auch einen Imbiss, eine Cocktailbar, die "Alte Wäscherei" als Veranstaltungshaus, einen Schlauchbootverleih und Leihräder, einen Catering- und Partyservice sowie Zeltverleih. Und sogar Urlaub machen kann man bei ihnen in einer kleinen Ferienwohnung. Wie alle hoffen sie, dass sich so etwas nie mehr wiederholt.

Bilder vom August-Hochwasser 2010

Die Mandau im August 2010: Bis zur Brücke steht das Wasser.
Die Mandau im August 2010: Bis zur Brücke steht das Wasser. © Matthias Weber
Das Stadion wie auch der Rest der Weinau ist überflutet.
Das Stadion wie auch der Rest der Weinau ist überflutet. © Thomas Mielke
Mitarbeiter und Helfer müssen das geschwächte und verstörte Kamel Mustafa im Zittauer Tierpark mit vereinten Kräften retten.
Mitarbeiter und Helfer müssen das geschwächte und verstörte Kamel Mustafa im Zittauer Tierpark mit vereinten Kräften retten. © Matthias Weber
In Zittau-Ost werden Bewohner mit Schlauchbooten evakuiert.
In Zittau-Ost werden Bewohner mit Schlauchbooten evakuiert. © Matthias Weber
Andere retten sich zu Fuß.
Andere retten sich zu Fuß. © Matthias Weber
Bis zu einem Meter hoch steht das Wasser in der Zittauer Kleingartenalage "Zur Weinau" - eine stinkende Brühe, überzogen mit einem Ölfilm.
Bis zu einem Meter hoch steht das Wasser in der Zittauer Kleingartenalage "Zur Weinau" - eine stinkende Brühe, überzogen mit einem Ölfilm. © Matthias Weber
Diese Spundwand an der Ostritzer Bahnhofstraße hat verhindert, dass Wasser weiter in die Stadt dringen kann.
Diese Spundwand an der Ostritzer Bahnhofstraße hat verhindert, dass Wasser weiter in die Stadt dringen kann. © Matthias Weber
Auch im Nachbarort Hradek hat das Wasser Schäden angerichtet.
Auch im Nachbarort Hradek hat das Wasser Schäden angerichtet. © Katja Zimmermann

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