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Aus Arnsdorfer Patienten wurden Bewohner

Das Haus am Karswald feiert 20. Geburtstag. Auch fürs Personal hat sich viel verändert. Zwei geben Einblicke.

Von Sylvia Gebauer

Ines Schwenke ist mit Leib und Seele Krankenschwester. In der Arnsdorfer Schwesternschule hat die heute 52-Jährige ihren Beruf erlernt. Hier wollte sie bleiben. Die Arbeit mit psychisch Kranken war genau das, was sie sich vorstellen kann, jahrzehntelang zu tun. Es kam so. Ihre Kollegin Antje Gebel arbeitet seit 1991 in Arnsdorf. Erst im Krankenhaus. Seit es das Haus am Karswald gibt, kümmern sich die beiden Frauen um die Bewohner, die früher Patienten waren. Wie es dazu kam und was sich verändert hat, erzählen sie heute im zweiten Teil der SZ-Serie anlässlich des 20. Geburtstages der Wohnstätte.

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Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät
Zwei Patienten, ein Beatmungsgerät

Und nun? Mit Covid-19 kam die Thematik der Triage, dem Sichten und Klassifizieren von Patienten, erneut auf. Ein Interview mit Medizinrechtsexperte Prof. Dr. Erik Hahn.

„Ich hatte jemanden zum Tauschen gefunden, sodass ich hier bleiben konnte“, sagt Ines Schwenke. Seit 1978 arbeitet sie im Arnsdorfer Krankenhaus. Drei Jahre dauerte die Ausbildung in der Schwesternschule. Wenn die Arnsdorferin heute zurückblickt, dann fallen ihr sofort einige Unterschiede ein. Ein gravierender ist schon einmal die Bezeichnung derjenigen, die zu DDR-Zeiten auf dem sogenannten Langzeitbereich des Krankenhauses untergebracht waren. „Früher waren sie Patienten, heute sind sie Bewohner“, sagt Ines Schwenke. Im Haus am Karswald fühlen sie sich zu Hause. 170 werden hier betreut. Von Krankenschwestern mit heilpädagogischer Zusatzausbildung bis zur Heilerziehungspflegerin. Vier Häuser, eine Wohnstätte – das Haus am Karswald. „Heute begleiten wir die Bewohner, unterstützen sie eher. Damals ging es allein um die Pflege der Patienten“, sagt Ines Schwenke. Vor allem die Schwesterschülerinnen übernahmen Aufgaben, für die das Personal einfach keine Zeit hatte. Kein Wunder, betreuten vier Schwestern 180 Patienten, Hilfskräfte, sogenannten Kalfaktoren, unterstützten sie. „Dann lasen wir ihnen beispielsweise vor. Oder setzten uns kurz zu ihnen ans Bett und streichelten sie“, sagt Ines Schwenke. Gern hätte sie mehr getan. Es war einfach keine Zeit dafür.

Heute ist alles viel individueller. Auf die Bedürfnisse der Bewohner wird eingegangen. Genau das ist im Leitbild der Wohnstätte festgeschrieben: „Das Ziel unserer Einrichtung ist, die Würde jedes einzelnen Bewohners zu wahren, ihm Respekt und Verständnis entgegenzubringen, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu erhalten und zu fördern.“ Auch für die Bewohner war es eine Umstellung. Plötzlich wurden sie ganz anders wahrgenommen, behandelt. „Ehrlich gesagt mussten sie erst einmal lernen, ihre Wünsche zu äußern“, sagt Antje Gebel. Viele Beispiele gibt‘s dafür. Wenn die Bewohner heute zum Friseur wollen, dann können sie das. Zu DDR-Zeiten kam alle sechs Wochen der Friseur ins Krankenhaus. „Jeder erhielt den typischen Topfschnitt und dann war gut“, sagt Ines Schwenke und schmunzelt dabei. So war es eben. Eine andere Zeit, in der das Personal auch zur Fixierung griff, um die Patienten ruhig zu stellen. Heut ist das fast unmöglich. „Da braucht es schon eine gerichtliche Anordnung, um zu diesem Mittel greifen zu können“, sagt Antje Gebel.

Verbessert hat sich nach der Wende die Sache mit der Unterbringung. Früher waren die Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern auf einer Station zusammen. Vom Alkoholiker bis zum Schizophrenen. Man kann sich ungefähr ausmalen, dass das Personal schon einmal an die Leistungsgrenze geriet. Die Anspannung groß war. Mit Grausen denkt Antje Gebel an die damalige Unterbringung der Patienten zurück. Schlafsäle waren typisch. Heute leben die Bewohner in Ein- oder Zweibettzimmern. Aber es war nicht alles schlecht. Das klingt sehr plakativ, doch Ines Schwenke kann ein Beispiel nennen: „Zu DDR-Zeiten war immer ein Arzt greifbar. Einmal im Monat schaute er bei jedem Patienten vorbei. Heute freut man sich schon, wenn die Bewohner einmal im Quartal einen Arzttermin bekommen.“

Morgen erscheint der dritte Teil.