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Sachsen

Aus dem Alltag eines Pizzaboten

Für Dominik Müller aus Sachsen ist die Straße eine Kampfzone. Nicht alle Dienste haben faire Arbeitsbedingungen.

Hungrig? Dominik Müller ist einer von rund 40 Berufsradlern für Domino’s in Sachsen.
Hungrig? Dominik Müller ist einer von rund 40 Berufsradlern für Domino’s in Sachsen. © Toni Söll

Dominik Müller verbringt fast täglich neun Stunden im Sattel. Gerade jetzt, wenn es draußen kalt ist, hat er viel Arbeit. Denn in Sachsen wird dann mehr Pizza geordert als im Sommer. Kommt eine Bestellung an, schwingt er sich aufs E-Bike. Seit einem Jahr arbeitet Müller beim Chemnitzer Pizzalieferdienst Domino’s. Er liebt Fahrradfahren, einen Führerschein besitzt er noch nicht. Im Schnitt legt er von der Filiale bis zum Kunden drei bis vier Kilometer zurück. Neben Fitness braucht der 25-Jährige Stressresistenz. Denn Auseinandersetzungen mit Autofahrern und Fußgängern gehören zum Geschäft.

„Mir wird zum Beispiel regelmäßig die Vorfahrt von rechtsabbiegenden Autos genommen“, sagt Müller. „Einmal hätte ich fast einen schweren Unfall gehabt, weil ein Pkw viel zu nah an mich herangekommen ist. Der Fahrer wollte es unbedingt noch über die Ampel schaffen und hätte mich fast mitgenommen.“ Nicht selten würden parkende Autos plötzlich aus der Lücke kommen, ohne auf den Verkehr zu achten. „Manchmal kreuzen aber auch Fußgänger die Straße, ohne zu schauen.“

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Und die Radfahrer selbst? „Der Begriff Kampfradler kommt ja nicht von ungefähr“, sagt Müller. „Es gibt Radfahrer, die ohne Handzeichen abbiegen, die schnell überholen und dabei zu weit auf die Straße ausscheren.“ Gegenseitige Rücksichtnahme und mehr Gelassenheit – das ist in seinen Augen der beste Weg, um Konflikte zu entschärfen. Um Problemen vorzubeugen, nutzt er deshalb, wenn möglich, Schleichwege. Schneller als manche Kollegen mit dem Auto sei er dabei in der Regel auch.

„Zwar hat noch niemand die Unfallbeteiligung von Fahrradkurieren ermittelt“, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Der Zeitdruck und hohe Fahrleistungen bedeuteten aber ein erhöhtes Risiko. Erst mit der Erfahrung sinke dieses. In Sachsen sind rund 40 Radler für Domino’s unterwegs – „Tendenz steigend“, so Sprecherin Julia Janssen.

Wie viele Kilometer Dominik Müller an einem Tag zurücklegt, kann er nicht pauschal sagen. Im besten Fall schafft er eine Lieferung von Tür zu Tür in zehn, maximal 15 Minuten. So sieht es der Arbeitgeber vor. Schnelligkeit gehört zum Berufsprofil. „Im Schnitt fahre ich schätzungsweise mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde.“ Das Rad stellt die Firma, ebenso wie Wetterkleidung und Helm.

Lieferando ist Monopolist

Ähnlich wie Domino’s verfährt auch der Lieferdienst Lieferando. Ende 2019 ging dessen britischer Konkurrent Deliveroo insolvent, 2018 ging zudem das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero mit den Diensten Lieferheld und Foodora in Lieferando auf. Viele ehemalige Fahrer sind nun in markanten orangefarbenen Jacken und sperrig wirkenden Rucksäcken des Anbieters unterwegs. Der Dienst gehört zur niederländischen Firma TakeAway und hat auch in Sachsen eine Monopolstellung erreicht. So sind allein in Dresden und Leipzig derzeit etwa 150 Fahrer im Einsatz. „Die Zahl der Fahrten pro Tag variiert und ist abhängig von Wochentag und Wetter“, sagt Sprecherin Ann-Kathrin Donwald. „In der Regel legen unsere Fahrer fünf bis sieben Kilometer pro Stunde zurück.“

 Die Radler seien angestellt, versichert und würden in den meisten Städten mit E-Bikes ausgestattet. „Zudem erhalten sie wettergerechte Kleidung. Dazu gehören Poloshirts, Regenhose, Regenjacke, Sommerjacke, Handschuhe, Wintermütze, Helm und Winterjacke.“ Auch bei Domino’s ist das laut Berufsfahrer Müller so. Gezahlt wird nach Mindestlohn – also 9,35 Euro die Stunde. Trinkgeld dürfen die Fahrer behalten.

© dpa

Das alles sind laut Volkmar Heinrich positive Entwicklungen. Der Chef der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten für die Region Dresden/Chemnitz sieht dennoch Probleme im Berufsalltag von Fahrradlieferanten – vor allem bei Lieferando. „Aus dem Kontakt mit Fahrern weiß ich, dass noch immer eine hohe Zahl mit dem Privatrad unterwegs ist. Für Wartung und Reparatur wird zwar eine Pauschale gezahlt. Die ist nach viel Kritik auch gestiegen, aber sie deckt die Kosten meist trotzdem nicht. Zudem sind die Arbeitszeiten kaum planbar, da die Aufträge per Smartphone-App reinkommen. Das kann mal viele Bestellungen bedeuten und dann wieder große Leerzeiten. So wächst der Druck, Geld zu verdienen.“

Genau das könne das Unfallrisiko steigern. Denn wenn Fahrer gehetzt durch die Stadt radeln, begünstige das einen unachtsamen Fahrstil. Daher rät Heinrich Berufsradlern, auf die eigene Sicherheit zu achten. Zu lange Fahrten oder Auslieferungen bei extremen Wetterlagen sollten beispielsweise abgelehnt werden. „Nur so werden Arbeitgeber in die Pflicht genommen, die Arbeitsverhältnisse anzupassen.“ Wie viele Lieferfahrer in Sachsen unterwegs sind, kann Heinrich nicht beziffern. Das Problem: Die Fahrer sind nicht gewerkschaftlich organisiert, es fehle an Strukturen und somit an belastbaren Zahlen. Auch das müsse sich ändern.

Pannen kommen vor

Solche Probleme kennt Dominik Müller nicht. Er sei fest angestellt, versichert und glücklich mit seinem Team, sagt er. Auch Reparaturen muss er am Rad nicht selbst erledigen. „Für solche Fälle kommt immer ein Fachmann. Einmal bin ich durch Glas gefahren und hatte einen platten Reifen. Ein anderes Mal war der E-Bike-Akku leer. Das sind Pannen, die vorkommen.“ Entweder schiebt er dann das Rad zurück zur Filiale, wo es abgeholt und auf Vordermann gebracht wird. 

„Ich wurde aber auch schon mit dem Lieferwagen eingesammelt, wenn es Probleme gab.“ Auch bei Extremwetter müsse er nicht vor die Tür. „Zuletzt war das beim Orkan Sabine der Fall. Da war klar, dass es keinen Sinn hat, loszufahren.“ Und zu lange Strecken? Darüber kann Müller nicht klagen. Nur einmal sei er bisher an die Stadtgrenze gefahren. „Das waren vielleicht zwölf Kilometer hin und zurück.“

Wunsch nach einem Bremslicht

Domino’s ist in Sachsens Städten mit 26 Filialen vertreten, die von selbstständigen Franchisenehmern betrieben werden. Der ländliche Raum spiele laut Sprecherin Janssen keine Rolle. Nur innerhalb von Groß- und Kleinstädten könnten Lieferzeiten von maximal 30 Minuten gewährleistet werden – ganz gleich, ob mit dem Rad oder mit dem Auto. Auch seien mehr E-Fahrzeuge im Einsatz, die sich gerade für mittellange Strecken in der Stadt anböten. 

Lieferando erklärt auf Nachfrage hingegen, auch im ländlichen Raum wachsen zu wollen. „Allerdings ist das abhängig von der Zahl der Restaurants, die Lieferungen anbieten.“ Momentan verzeichne man bundesweit gut 18.000 angeschlossene Restaurants.

Am Telefon stimmt sich Müller mit einem Kollegen ab, gibt das Okay für die nächste Auslieferung. Er packt die Pizzakartons in die Wärmekiste auf seinem Rad und tritt in die Pedale. Unterwegs zum nächsten Kunden. 

Eine Sache gibt es, die er sich für die Zukunft als Berufsradler wünscht: „Alle E-Bikes sollten standardmäßig mit einem Bremslicht ausgestattet sein.“ Immer häufiger erlebt Müller, dass Autofahrer kaum einschätzen können, wie schnell so ein E-Rad eigentlich unterwegs ist. „Wenn ich zum Beispiel auf eine Ampel zufahre und dann mein Bremslicht aufleuchten würde, wäre das ein Warnsignal, das animiert, selbst die Geschwindigkeit zu drosseln und nicht zu dicht aufzufahren.“ So würde er sich sicherer fühlen.