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Aus dem Land der Musik

Mit seiner Gitarre bringt ein Austauschschüler aus Brasilien in Deutschland die Menschen zusammen.

© Kristin Richter

Von Julemarie Vollhardt

Kamenz. Arthur Araújo de Lacerda ist 17 Jahre alt. Der Brasilianer wohnt seit Anfang des Schuljahres bei einer Möhrsdorfer Familie. Er hat seine Gitarre dabei. Seine Finger fliegen über die Saiten. Wie nebenbei erzählt er von seiner Heimat, dem Land der Musik, und dem, was ihn an Deutschland besonders reizt.

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„Mein Zuhause ist da, wo die Leute zum Urlaubmachen hinfahren“, sagt Arthur. Die Bilder, die er zeigt, unterstreichen das. In Brasilien geht der Schüler einmal pro Woche in das Kino. An anderen Tagen ist er am Strand, um zu surfen und zu schnorcheln – dafür muss er nur zwei Minuten zu Fuß von der Schule aus laufen. Oder er geht mit Freunden an den Strand, um zu singen und Musik zu machen. „Dabei findet man ganz schnell neue Freunde und bringt die Menschen zusammen“, sagt Arthur.

Auch in Kamenz hat er schnell Anschluss gefunden. Der Schüler des Gotthold-Ephraim-Lessing Gymnasiums spielte zum Beispiel mit der Musiklehrerin im Unterricht oder hatte auf dem Frühlingskonzert dieses Jahres einen Auftritt. Und das Sozialleben fällt ihm auch leicht: „Ich habe in der Zeit hier Freunde fürs Leben gefunden“, sagt Arthur. Mit seiner positiven Art ist der 17-Jährige in der Schule beliebt. „Viele Mitschüler grinsen mich an und grüßen mich, obwohl ich noch nie mit ihnen gesprochen habe. Die Deutschen sind einfach freundlich und offen zu mir. Ich kann gar nicht nachvollziehen, warum manche die Deutschen so ernst und verschlossen finden“. Unterschiede zwischen Deutschen und Brasilianern sind dennoch schnell gefunden. Die Brasilianer hören und machen insgesamt viel mehr Musik. Manch brasilianischer Lehrer bringt sein Instrument mit in den Unterricht und versingt den Lernstoff oder sorgt einfach für eine lockere Atmosphäre. „Musik macht viele Situationen entspannter“, stellt Arthur fest. „Ich höre sogar im Schlaf und unter der Dusche Musik“.

Unter brasilianischen Schülern stehen die Austauschländer Kanada und Deutschland sehr hoch im Kurs. Arthur findet besonders die Sehenswürdigkeiten, das Klima, das Essen und die Musik gut. Denn er hat eine Vorliebe für Johann Sebastian Bach. Und Arthur hat noch nie einen Winter erlebt. „Der Schnee war in diesem Jahr zwar nicht hoch, aber jetzt freue ich mich trotzdem riesig auf den Frühling“, sagt der junge Brasilianer strahlend. Der Frühling ist seine Lieblingsjahreszeit, obwohl er bis jetzt auch noch keinen erlebt hat. Allein durch gelesene Frühlingsgedichte glaubt der Brasilianer, dass keine andere Jahreszeit so schön sein kann.

Arthur ist Einzelkind, und außer ihm spielt keiner in seiner Familie ein Instrument. Umso erstaunlicher war es für seine Mutter, dass ihr Sohn sie irgendwann nach einer Gitarre fragte. Als er das Instrument bekam, brachte er es sich selbst bei und übt mittlerweile jeden Tag. Der Grund für seinen Ehrgeiz ist das Gefühl, das er bei dem Spielen bekommt. „Musik ist sehr interessant, weil sie unglaublich mathematisch strukturiert ist. Alle denken, dass Mathe nicht innerlich bewegen kann, aber Musik beweist das Gegenteil. Wenn ich spiele, dann habe ich eine Art Weg. Es ist für mich ganz natürlich – wie laufen“, sagt Arthur.

Der Stil des Austauschschülers ist von seinen Lieblingsmusikrichtungen geprägt, Música Populare de Brasilieira (MPB) und Bossa-Nova. MPB ist die Popmusik der Brasilianer. Sie ist dort viel verbreiteter und umfassender, als der Pop hierzulande. Das liegt einerseits an der Vielzahl der regionalen Musikstile und andererseits an der Nähe der Brasilianer zu ihrer Musikkultur. Der Bossa-Nova Stil ist ein Mix aus traditioneller und moderner, zum Teil auch amerikanischer Musik. Seine Entstehung fand die Musikrichtung in einer damaligen modernen und intellektuellen Gesellschaftsschicht. Deshalb sind viele Stücke anspruchsvoll und kompliziert. „Diese musikalische Komplexität ist beeindruckend, auf solche Akkorde und Griffe kommt man nicht einfach so“, sagt Arthur.

Die von ihm gespielte Musik kennt man hier zulande nicht wirklich. Einerseits ist die Stimmung melancholisch und die Lieder klingen, auch ohne Text, sehr tiefsinnig. Andererseits wandern die Finger schnell über die Saiten und alles klingt sehr leichtfüßig. Das Lied, das er gerade spielt, heißt „Chega De Saudade“ (Schluss mit der Sehnsucht) von João Gilberto und ist in Brasilien sehr bekannt. Es ist eine Mischung, die einen sofort glücklich macht.

Für europäische Ohren ist die brasilianische Musik ungewohnt. Doch lohnt es sich in jedem Fall, dieser einzigartigen Klangkultur Aufmerksamkeit zu schenken. Denn: „Musik ist das Einzige, was Leute auf der ganzen Welt verbindet. Sie macht alles lebendiger und glücklicher“, sagt Arthur und zaubert weiter auf den Saiten …