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Aus der Kinderstube in die freie Natur

Die Zoos in Weißwasser und Hoyerswerda wollen Steinkäuze in der Oberlausitz auswildern. Einfach ist das aber nicht.

Eines der beiden Steinkauz-Pärchen im Tierpark Weißwasser. Ob es auch in diesem Jahr mit Küken klappt, ist eine spannende Frage. Der Zoo beteiligt sich seit Jahren an einem Artenschutzprogramm zur Auswilderung im Harzvorland. Jetzt geht man noch einen
Eines der beiden Steinkauz-Pärchen im Tierpark Weißwasser. Ob es auch in diesem Jahr mit Küken klappt, ist eine spannende Frage. Der Zoo beteiligt sich seit Jahren an einem Artenschutzprogramm zur Auswilderung im Harzvorland. Jetzt geht man noch einen © Joachim Rehle

Ob es diesmal mit Küken klappt? So ganz sicher ist sich Gert Emmrich da nicht. Die beiden Steinkauz-Pärchen im Tierpark Weißwasser haben in diesem Jahr noch keinen Nachwuchs. Ein Ei gibt es zumindest schon mal, so bleibt es spannend, wie der Leiter der Einrichtung sagt. Die Aussicht auf Jungtiere löst in jedem Zoo Begeisterung aus. Das ist in Weißwasser nicht anders. Aber was die Steinkäuze angeht, hat das einen ganz besonderen Grund.

Nicht zufällig ist die Eule das Maskottchen des Tierparks, der vor Jahren diese Vögel zu seiner Leitart erklärt hat. Fast alle Eulenarten sind in Deutschland stark gefährdet und deshalb besonders geschützt. Bei den Uhus gelingen in Weißwasser regelmäßig Nachzuchten. Wenn die Gefiederten die Stattlichkeit ihrer Eltern samt der Pinselohren erreicht haben, gehen die Jungvögel an andere Zoos oder an private Züchter.

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Auf der Roten Liste

Die Steinkäuze gehören ebenfalls zu den Eulen. In Deutschland 1972 zum Vogel des Jahres erklärt, findet sich der Steinkauz auf der Roten Liste der stark gefährdeten Arten wieder. Noch 6.000 Paare leben nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu in freier Natur. In seiner Verantwortung für den Artenschutz beteiligt sich der Tierpark Weißwasser seit langem an einem Auswilderungsprojekt in Sachsen-Anhalt. 16 Vögel wurden bisher an den Tierpark Thale geliefert, die meisten von dort aus ausgewildert. Jedes Jahr bekomme er den Ergebnisbericht, sagt Gert Emmrich. Der Bestand im Harzvorland habe sich gefestigt, sei sogar leicht gestiegen. Auch in Weißwasser ist man ein bisschen stolz darüber.

Über sechs flauschige Steinkauzküken freute sich Anfang Juni der Zoo in Hoyerswerda. Diese Einrichtung beteiligt sich ebenfalls schon lange an einem Artenschutzprogramm. 2019 zogen vier junge Steinkäuze in ein Wiederansiedlungsprojekt in den Naturpark Nuthe-Nieplitz um. Das wird auch 2020 so ein. Für Zooleiter Eugène Bruins geht damit ein Herzenswunsch in Erfüllung. Diese Form des Naturschutzes sei für jeden Zoologen „die schönste Verwirklichung seiner Arbeit“.

Es wäre ein toller Gedanke, das auch in Sachsen zu tun, sagt Eugène Bruins. „Naturschutz fängt zu Hause an“, begründet er seine Idee. Es sei wichtig, Artenschutzprojekte weltweit zu unterstützen; das machen die hiesigen Tierparks auch, aber es sei nicht weniger bedeutsam, vor Ort etwas zu tun. Naturschutz pur eben. Im Tierpark Weißwasser traf der Zoochef aus Hoyerswerda auf offene Ohren. Mit im Boot sind ebenso die Naturschutzstation Neschwitz und der sächsische Ornithologenverband.

Viel Überzeugungsarbeit nötig

Ein bisschen aber bremst Eugène Bruins die Erwartungen. „Zu solch einem Projekt gehört mehr dazu als bloß ein paar Steinkäuze freizulassen“, sagt er. Noch stehe man ganz am Anfang. Das bestätigt Angelika Schröter. Streuobstwiesen um Hochkirch böten sich an. Für den Erfolg des Projekts müssten aber die Eigentümer der Flächen überzeugt werden, so die Geschäftsführerin der Naturschutzstation Neschwitz. „Es bringt ja nichts, wenn sich die Besitzer der Flächen übergangen fühlen“, sagt sie. Für Streuobstwiesen gibt es Fördermittel, die Naturschutzstation würde bei der Beantragung helfen. Aber abgesehen von der Kommunikation mit den Leuten vor Ort müsse generell das Bewusstsein für Streuobstwiesen als Lebensraum für viele Tierarten gestärkt werden.

Für die Ansiedlung von Steinkäuzen seien die Gegebenheiten in der Oberlausitz gar nicht so schlecht. Angelika Schröter verweist auf den Insektenbestand wie auch die extensive Beweidung. Mit einer Anschubfinanzierung aus dem sächsischen Mitmach-Fonds hätte das Projekt starten können. Das hat im ersten Anlauf nicht geklappt. Davon lassen sich die Beteiligten aber nicht entmutigen. Die Naturschützerin sucht nach anderen Wegen. Und Eugène Bruins findet, dass man es „nicht übereilen, sondern lieber vernünftig angehen“ sollte. Auch einige behördliche Hürden wären zu nehmen, „die aber vielleicht doch gar nicht so hoch sind“, so Gert Emmrich.

Eignung durch DNA-Nachweis

Und dann ist da noch die nicht unwesentliche Frage, ob sich die Käuze der beiden Zoos für eine Auswilderung überhaupt eignen, also ob sie genetisch zusammenpassen. Das müsse ein DNA-Test belegen. Ein paar Federn seien dazu eingeschickt worden. Auch die Tierparks Bischofswerda und Zittau haben ihr Mitmachen signalisiert.

Nicht zu den Eulen gehörend, aber dennoch von besonderem Interesse sind in Weißwasser die Bali-Stare. Da arbeitet der Tierpark sogar an einem Europäischen Zuchterhaltungsprogramm der hochgefährdeten Art mit. Es sollen möglichst viele Vögel in menschlicher Obhut gezüchtet werden, um sie ebenfalls eines Tages in ihrer Heimat Bali auswildern zu können. In Weißwasser kann man noch keinen Zuchterfolg vorweisen. Der Zuchtbuchführer in Köln stellte das Pärchen aus verschiedenen Zoos zusammen. Eier wurden zwar gelegt, aber nicht ausgebrütet. „Vielleicht mögen sich die beiden nicht so. Nicht jedes Vogelpaar kann sich schnäbeln“, vermutet Gert Emmrich. Oder sie wurden gestört. Noch aber gebe man die Hoffnung nicht auf, dass es doch irgendwann mit Küken klappt.

Dating-Center für Vogel des Jahres

Nicht dienen kann der Tierpark Weißwasser seinen Besuchern mit Beos, dem Vogel des Jahres 2020. Seit 2016 gibt es die Aktion der Deutschen Zoologischen Gesellschaft für den Artenschutz weltweit. 2016 wurden 80.000 Euro für den Schutz von Leoparden zusammengetragen, 2019 mehr als 200.000 Euro für Gibbon-Projekte. Maximal acht Prozent sind Verwaltungs- und Werbungskosten, der Rest geht direkt in den Tierschutz vor Ort“, sagt Gert Emmrich, der auch Präsident der Deutschen Tierpark-Gesellschaft ist. Schon ab einem Euro kann man online spenden. Und auch der Tierpark Weißwasser sammelt Geld.

Beos gehören zur Familie der Stare und sind in tropischen Wäldern Asiens beheimatet. Um Beos zu „verkuppeln“, hat der Vogelpark Marlow ein Dating-Center gegründet. Nach Prüfung der genetischen Eignung werden in großen Volieren viele Vögel zusammengebracht. Paare, die sich selbst finden, werden auf Zoos verteilt. Das erhöht die Chancen auf Küken. „Eine klasse Geschichte “, wie Gert Emmrich findet. Das wäre auch was für die Bali-Stare, aber logistisch sehr aufwendig, sagt er.

Aber egal ob Steinkäuze, Bali-Stare oder Beos: „All das ist Naturschutz im Tierpark und direkt vor Ort“, so der Zoochef in Weißwasser. Aber genau das würden manche Tierschützer den Zoos aberkennen.

Tierpark Weißwasser, Teichstraße 56, geöffnet täglich 9 bis 18 Uhr; Telefon: 03576 208366

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