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Feuilleton

Aus der Morgendämmerung

Das Heinrich-Schütz-Musikfest spannt den Bogen von intimen Geigenstücken zur sakralen Pracht des „Schwanengesangs“.

Leila Schayegh
Leila Schayegh © Foto: Marco Borggreve

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Vor 400 Jahren war Heinrich Schütz (1585-1672) Dresdner Hofkapellmeister, und ab 1625 stand ihm mit Carlo Farina aus Mantua ein Konzertmeister zur Seite, der bis heute als einer der prägenden Geiger des Frühbarock gilt. Beim diesjährigen Musikfest zu Ehren von Schütz gastierte am Montag die Schweizerin Leila Schayegh mit ihrem Ensemble La Centifolia und einem erlesenen Farina-Programm. Dessen fünf Sammlungen mit Tänzen, Sonaten und Canzonen, rare Schätze der Musikgeschichte, werden seit jener Zeit in Dresden verwahrt.

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Im Alten Pumpenhaus an der Marienbrücke, das erstmals Barockmusik erlebte und sich als nobler Klangraum erwies, spielte die charismatische Geigerin, in wechselnden Konstellationen begleitet von Johannes Keller am Cembalo, Daniele Caminiti an der Theorbe und Jonathan Pešek an Gambe und Cello, sechs dieser Sonaten. Darunter war die atemberaubende „Franzosina“, die nicht nur das längste einschlägige Werk jener Epoche ist, sondern, mit vielen Doppelgriffen und extrem wechselnden Tempi, ungemein kühn anmutet.

Leila Schayegh setzt die mit Darmsaiten bespannte Geige nicht zwischen Schlüsselbein und Kinn an, wie das später üblich wurde. Gemälde und Texte überliefern, dass das Instrument zu jener Zeit tiefer gehalten wurde, zwischen Schulter und Brust, wodurch es, nur von der Greifhand fixiert, deutlich freier schwingt. Der warme, bewegliche Klang, mitunter spröde, aber immer sehr lebendig, prägte den exzellenten Vortrag. Ergänzend waren Solostücke unter anderem von Nau, Rossi und Melli zu hören – ein faszinierendes Programm mit schimmernden Perlen aus der Morgendämmerung der Kammermusik.

Tags zuvor war, zum Auftakt des Schütz-Festes, das „Opus ultimum“ von Farinas Chef in der Annenkirche in einem besonders prächtigen Arrangement aufgeführt worden. Justin Doyle, sein RIAS-Kammerchor und Katharina Bäumls Capella de la Torre boten den „Schwanengesang“ dar. Der greise Schütz hatte 1671 den Psalm 119 vertont und die elf zweichörigen Gesänge zu je vier Stimmen um den Psalm 100, „Jauchzet dem Herren“, und das ebenfalls deutsch zu singende Magnificat ergänzt. Zur Begleitung der zutiefst demütigen Glaubensbekenntnisse waren einst nur „2 orgelinnen“ gedacht. Doch Referenzaufnahmen wie die von Rademann oder Herreweghe bedienen sich durchaus gut besetzter Barockorchester, und auch hier war die Instrumentalbasis mit Schalmei, Posaunen, Dulzian, Altpommer und Zink vor allem in den Bläsern überaus kräftig gebaut. Das hat die Mittelstimmen des Chors etwas überdeckt, doch insgesamt kam Doyles griffige, oft recht zügige, aber stets dem Wort verpflichtete Interpretation gut ausbalanciert zum Tragen. Die vokale Brillanz hatte bisweilen etwas Kühles, was aber durch die profund geerdete Begleitung aufgefangen wurde. Zuvor erklang das erhabene Magnificat (1615) von Giovanni Gabrieli, bei dem Schütz einst in Venedig gelernt hatte – ein Hauch von San Marco in der kleinen Annenkirche.

Hörtipp: Leila Schayegh – Farina (Glossa/Note 1)

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