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Kamenz

Aus der Pfalz zur Jugendweihe in den Osten

Weil in den alten Bundesländern ähnliche Angebote fehlen, kam Nils Bruse zur Feierstunde eben nach Kamenz.

Nils Bruse mit seinen Eltern Sylvia und Thomas. Die Familie lebt heute in der Pfalz, nutzte aber das Angebot des Sächsischen Verbandes für Jugendarbeit und Jugendweihe, um in Kamenz feiern zu können.
Nils Bruse mit seinen Eltern Sylvia und Thomas. Die Familie lebt heute in der Pfalz, nutzte aber das Angebot des Sächsischen Verbandes für Jugendarbeit und Jugendweihe, um in Kamenz feiern zu können. © privat

Kamenz. Stolz sind sie alle auf Nils. Wie groß der Junge geworden ist. Und wie schick er aussieht. Er steht mit Gleichaltrigen vorn auf der Bühne im Kamenzer Hotel Stadt Dresden. Aufgeregt, mit schwitzenden Händen. So wie alle. Die Feierstunde des Sächsischen Verbandes für Jugendarbeit und Jugendweihe läuft seit 12 Uhr mittags. Es ist nicht die Erste an diesem 11. Mai. Hunderte hübsch zurechtgemachte Mädchen und Jungen schreiten zur Übergabe auf die Bühne. Buch, Blumen, Händeschütteln feierliche Musik, ein tolles Programm – alles ist so wie seit Jahrzehnten. Die Jugendweihe hat hier im Osten Deutschland eine lange Tradition. Auch wenn kurz nach der politischen Wende im Land kurzzeitig das Interesse abebbte – seit Jahren erlebt sie wieder ihre Renaissance. Doch Nils kennt hier im Saal eigentlich niemanden weiter. Außer den Opa und die Eltern da hinten auf ihren Sitzplätzen. Ein paar Verwandte sind noch mit angereist. Das macht dem 14-Jährigen trotzdem nichts aus. Für ihn ist heute ein super Tag – seine Jugendweihe. Dem fiebert er seit Wochen entgegen. Endlich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden – auch wenn erst einmal nur symbolisch. Das war ihm wichtig. Darauf hat er hingearbeitet. Darum hatte er seine Eltern Sylvia und Thomas Bruse immer wieder gebeten. Und auch wenn er diesen besonderen Tag ohne seine Freunde begehen wird – die Erinnerungen werden bleiben. Er wird ihnen davon in ein paar Tagen berichten.

Die Kumpels aus der Schule und vom Sport leben nämlich ganze 650 Kilometer weiter in Berg in der Pfalz. Und Nils wohnt mit seiner Familie ebenfalls da. Der Achtklässler besucht dort die Integrierte Gesamtschule Kandel. Mama Sylvia arbeitet in Karlsruhe im Steuerbüro. Papa Thomas ist Schreiner. Alles schick. Alles im grünen Bereich. Nur eine Jugendweihe gibt es hier leider nicht. Und in der Kirche sind die Bruses nicht. Während Nils Freunde vor ein paar Jahren die Kommunion feierten oder nun der Konfirmation entgegenfieberten, merkte der 14-Jährige, dass es ihm ganz und gar nicht gefiel, dass er nicht etwas Adäquates vorweisen konnte. „Wir haben dann erzählt, dass es früher in der DDR ja die Jugendweihe gab“, so Sylvia Bruse. „Und das hat ihn dann gleich interessiert. Wir bekamen schnell heraus, dass es das alte Ritual im neuen Gewand immer noch gibt. Und fanden das alle prima.“ Beide Eltern stammen nämlich aus dem Osten. Früher lebten sie in Königs Wusterhausen und Wolfen. Das Paar lernte sich beim Studium an der Offiziershochschule Ende der Achtziger in Kamenz kennen. Hier schließt sich der Kreis. „Der Vater meines Mannes lebt noch oder besser gesagt seit ein paar Jahren wieder hier in der Lessingstadt“, erzählt Sylvia Bruse. Daher der Bezug. Man musste also nur Opa Siegfried fragen, ob er nicht etwas arrangieren konnte. Und der konnte. „Ich bin sehr stolz, dass mein Enkel nun in Kamenz die Jugendweihe gefeiter hat“, sagt er. Die Party am 11. Mai fiel dann dementsprechend aus. Der Opa besuchte sogar die Stellprobe ein paar Tage vorher, um Nils in alles einweisen zu können. Geklappt hat es prima. „Die Feierstunde war sehr festlich und schön“, so Sylvia Bruse.

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Aufgeregt war der 14-Jährige natürlich wie alle anderen Jugendweihlinge in Kamenz vor der großen Feierstunde im Stadt Dresden.
Aufgeregt war der 14-Jährige natürlich wie alle anderen Jugendweihlinge in Kamenz vor der großen Feierstunde im Stadt Dresden. © privat

In ein paar Tagen wird in der Pfalz zünftig nachgelegt. Dann werden Freunde und Verwandte noch einmal zusammen kommen, feiern und gespannt zuschauen, wie Nils auf die Bühne in Kamenz steigt und seine Jugendweihe empfängt. Denn dass man so etwas für die Nachwelt im Film festhält, ist Ehrensache. „Die meisten sind schon sehr gespannt darauf, wie alles abgelaufen ist. Hier kennt keiner dieses Fest. Aber schon beim ersten Erzählen fanden es alle toll“, so Mama Sylvia. Ost-West-Beziehungen der schönen Art.