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Landtagswahl 2019

Woher kamen die Stimmen für die AfD?

Die Protestwähler in Sachsen wählten Blau. Die CDU profitierte mutmaßlich vom strategischen Wählen. Eine Übersicht über die Wählerwanderung.

Die Auswertung der Wählerwanderung zeigt, dass in Sachsen viele Menschen einer anderen Partei ihre Stimme gaben als noch vor fünf Jahren.
Die Auswertung der Wählerwanderung zeigt, dass in Sachsen viele Menschen einer anderen Partei ihre Stimme gaben als noch vor fünf Jahren. © dpa/Robert Michael

Die Landtagswahl ist vorbei, jetzt beginnt die politische Aufarbeitung. In den Parteien werden dieser Tage vor allem zwei Fragen heiß diskutiert: Wie konnte die CDU ein derart unerwartet hohes Ergebnis einfahren, während das linke und grüne Lager entgegen aller Prognosen drastische Verluste einstecken musste? Welche Wählertypen stecken wiederum hinter den hohen Prozentzahlen der AfD?

Wie bei jeder Wahl ist es mehr als aufschlussreich, im Anschluss einen Blick auf die Wählerwanderungen zu werfen. 

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Die Zahlen, die jetzt von Infratest dimap für die Sachsen-Wahl veröffentlicht wurden, zeigen: Besonders zwischen dem rechten und linken Lager sind deutliche Verschiebungen zu erkennen. Gleichzeitig mobilisierte die Wahl auch eine hohe Zahl an Menschen, die der Wahlkabine bei der Landtagswahl vor fünf Jahren fern geblieben sind. So profitierte etwa die CDU am stärksten von insgesamt 139.000 Nichtwählern. 

©  SZ-Grafik

Den ersten Stimmungsbildern zufolge dürften die ihr Kreuz vor allem aus Gründen der Sympathie für Kretschmer und seine politische Arbeit gemacht haben - oder um die AfD als stärkste Kraft zu verhindern.

Bemerkenswert ist auch, dass die sächsische Union bei Sozialdemokraten und Linken insgesamt 46.000 Wähler abwerben konnte, was jeweils etwas mehr als einen Prozentpunkt ausmacht. Ob es sich bei den ehemaligen Linken-Wählern mehrheitlich um besänftigte Protestwähler oder strategische Entscheider handelt, bleibt unklar.

Umgekehrt kann davon ausgegangen werden, dass der Anteil strategischer Ex-Grünen-Wähler eher gering war: Die Ökopartei konnte der CDU insgesamt sogar mehr als 4.000 Stimmen abringen, ähnlich wie die FDP.

Die Linke, die mit einem Verlust von über acht Prozent eine herbe Niederlage einstecken musste, verlor den höchsten Teil ihrer Wähler an die AfD (26.000), neben der CDU konnten aber auch die Grünen erfolgreich im linken Lager fischen.

© SZ-Grafik

Sie mussten etwa 2.000 Stimmen an die AfD abtreten, gewannen dafür aber 25.000 Wähler von SPD und Linken, sowie rund 30.000 Nichtwähler.

Obwohl die sächsischen Sozialdemokraten weiter im Regierungsboot sitzen könnten, zeigte sich doch eine deutliche Tendenz der Wählerwanderung hin zur CDU, auch die Grünen zogen ordentlich Stimmen. Da konnten auch 23.000 neue SPD-Wähler den Abwärtstrend der Partei um Martin Dulig nicht aufhalten.

Insgesamt profitiert - neben der Union - nur die AfD von einer erheblichen Anzahl an ehemaligen Nichtwählern. Alleine durch 241.000 neue Stimmen konnte die Partei um Spitzenkandidat Jörg Urban ihr Ergebnis von 2014 um über zehn Prozent steigern.

Sie ist auch die einzige politische Kraft, die aus allen Lagern Stimmen abziehen konnte, am häufigsten kamen diese von ehemaligen CDU-Wählern (81.000).

©  SZ-Grafik

Holger Zastrows FDP hingegen erreichte zwar nicht den Einzug in den Landtag, die Zugewinne im Vergleich zu 2014 kamen jedoch maßgeblich durch Nichtwähler zustande (24.000).

Die Zahlen zeigen: Die These von einer Zuspitzung des Wahlkampfes auf die Frage "AfD ja oder nein?" hat durchaus ihre Berechtigung. Nicht wenige Sachsen dürften diesmal ihre gefühlte politische Heimat in der Wahlkabine verlassen haben, um aus ihrer Sicht Schlimmeres zu verhindern.

Aber auch Frust und Enttäuschung über die Arbeit der Parteien in Sachsen und sicher auch im Bund haben viele zum Wählen bewegt, die letztes Mal zu Hause geblieben sind.

Klare Verlierer sind hierbei Linkspartei und SPD, die weder die Wünsche nach sozialer Gerechtigkeit kanalisieren noch als Bollwerk gegen eine wie erwartet starke AfD punkten konnten.

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