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Aus für Arbeitslosenhilfe in Kamenz

Einst beschäftigte der Verein in Nähstuben, Kleiderkammern und Holzwerkstatt bis zu 200 Leute. Jetzt fehlt es ihm nicht nur an Geld.

Hartmut Wiesner arbeitet in der Holzwerkstatt der Arbeitslosenselbsthilfe Kamenz. Auch er wäre von der Schließung betroffen.
Hartmut Wiesner arbeitet in der Holzwerkstatt der Arbeitslosenselbsthilfe Kamenz. Auch er wäre von der Schließung betroffen. © Matthias Schumann

Kamenz. Das Gerücht kursiert schon länger. Und es hielt sich hartnäckig. Nun wurde es bestätigt: Die Arbeitslosenselbsthilfe Kamenz (ASH) löst sich bis Jahresende auf. Anja Steinborn, Chefin des Vereines, erklärt schweren Herzens, wie es dazu kam. „Wir haben den endgültigen Schritt in der Mitgliederversammlung Ende Januar mit Mehrheit beschlossen. Und seitdem treiben wir das Auflösungsverfahren des Vereines voran. Das ist nicht einfach – praktisch wie auch emotional“, sagt die 43-Jährige.

Seit 2011 führt sie die Geschäfte der ASH. Bereits am 18. Dezember 1990 wurde der Verein in Kamenz gegründet. Damals erlebte man einen Aufschwung. Es entstanden zwei Nähstuben für Kostüme, Trachten und Haushaltswäsche, eine Holzwerkstatt, ein riesiger Kostümfundus sowie mehrere Kleiderkammern. Anfangs gehörten bis zu 200 Leute der ASH an. Heute passen alle Mitarbeiter an einen langen Tisch in der Kantine. Die Zeiten haben sich geändert. Die Hallen liegen zudem ein bisschen ab vom Schuss, an der Oswald-Kahnt-Straße in Kamenz-Nord. Und sie sind auch in die Jahre gekommen. Aber sie erfüllten immer noch ihren Zweck. Die ASH kämpft nicht erst seit 2019 ums Überleben. Jahr für Jahr musste sich der Verein neu erfinden, damit der Betrieb weiterläuft.

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Noch zehn Stammleute

Bis jetzt gelang das. Nun ist man mit der Kraft am Ende. Zuerst lösten Ein-Euro-Jobs die ABM-Stellen ab. Manche Leute blieben, nur die Projekte wechselten. Mittlerweile arbeitet man mit zehn Stammleuten vor Ort. Dazu kommen die dringend notwendigen ehrenamtlichen Helfer. „Die haben mittlerweile einen Altersdurchschnitt von 63 Jahren“, sagt Anja Steinborn. Ihre Finanzerin wollte sich bereits Ende 2019 zurückziehen in den wohl verdienten Ruhestand. Und sie selbst muss sich aus privat und beruflichen Gründen auch Ende 2020 herausnehmen. Eigentlich arbeitet sie als Erzieherin 40 Stunden Vollzeit. Die Vereinstätigkeit lief nebenher – mit viel Zeitaufwand und persönlichem Engagement.

Spagat Wirtschaftlichkeit und Verein

Außerdem spielen auch finanzielle Probleme eine Rolle. Immer größere Verluste wurden in den letzten Jahren geschrieben. Die Ausgaben waren über Monate höher als die Einnahmen. „Der Verein hat viel zu hohe Lohnkosten“, so Anja Steinborn. Der jahrelange Kampf, die Gemeinnützigkeit zu erhalten, hat alle zermürbt. Einerseits war der wirtschaftliche Bereich – Holzwerkstatt und Schneiderei – notwendig, um den Verein zu erhalten. Andererseits sollte der wirtschaftliche Bereich aus Sicht des Finanzamtes weniger Gewinn erwirtschaften als der ideelle. 

Und noch etwas kam erschwerend dazu: „Die Arbeitslosen nutzen nicht mehr so oft die angebotene Unterstützung“, weiß Anja Steinborn. Generell hätte sich die Grundeinstellung der Arbeitslosen geändert. Und auch die Arbeitsmoral. Schwierig sei das manchmal gewesen. Wenn man morgens nur mit der Hälfte der Leute dastand. Arbeitsmoral und Zuverlässigkeit einiger zugewiesener Projektteilnehmer sind leider mangelhaft. Und durch Personalausfall kann ein optimaler reibungsloser Arbeitsablauf nicht gewährleistet werden. Eine weiterführende Absicherung beziehungsweise Genehmigung des Projektes „Kleiderkammer“ durch das Landratsamt ist nicht sicher.

Die 200 Vereinsmitglieder sind lange Geschichte. Zu guten Zeiten saßen allein in der Schneiderwerkstatt zehn Näherinnen. Doch die großen, lukrativen Projekte liefen leider aus. „18. Jahrhundert – auf Lessings Spuren“, titelten sie vor gut 13 Jahren. Die Ergebnisse dürfen sich heute noch sehen lassen. Ob für die 775-Jahr-Feier in Kamenz, andere Feste der Region oder für den Festumzug 2006 in Dresden – die Vielfalt der Ideen war groß. Doch was wird nun mit dem wunderbaren Kostümfundus? „Wir arbeiten hier mit der Citymanagerin Anne Hasselbach zusammen und werden uns etwas einfallen lassen“, verspricht Anja Steinborn.

Noch ein paar Monate geöffnet

Das alles trifft nicht nur die verbleibenden Mitglieder ins Mark, sondern vor allem auch die Bedürftigen, die vor allem den Service der Kleiderkammern gern nutzten. In Kamenz sowie Großröhrsdorf werden diese noch in den kommenden Monaten weiterbetrieben. Ebenso das kleine Geschäft „Nächstenliebe“ an der Bautzner Straße. Anschließend werden alle drei Stellen geschlossen.

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