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Aus für die Bürgerarbeit

Für viele Dresdner Vereine sind die zusätzlichen Helfer ein Segen. Doch Ende des Jahres ist damit Schluss.

© André Wirsig

Von Jana Mundus

Noch haben sie jeden Tag eine Aufgabe. Sie legen Biotope an, töpfern mit Jugendlichen oder helfen im Sportverein. Doch für 750 Dresdner ist damit in diesem Jahr Schluss. Schuld daran ist der Bund, der die sogenannte Bürgerarbeit nach nur drei Jahren einfach wieder abschafft. Betroffen davon ist auch der Verein Naturkulturbad Zschonergrund. Zwei Bürgerarbeiter unterstützen den Verein seit 2012. Frank Schnell und Haymo Bartels helfen bei der Vorbereitung von Veranstaltungen oder übernehmen Grünpflegearbeiten auf dem großen Gelände des Bades. „Schön ist das nicht, dass wir bald keine Arbeit mehr haben“, sagt Haymo Bartels.

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Dabei klang 2011 alles ganz positiv. Als die Bürgerarbeit startete, warb die Bundesregierung mit vollmundigen Worten für ihr Projekt. Arbeitslose Menschen sollten so wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Um Arbeitsplätze nicht zu gefährden, durften sie allerdings nur in zusätzlichen Projekten arbeiten. Finanziert wurde das durch Gelder des Bundes und aus dem Europäischen Sozialfonds. Die derzeit gut 38.000 Stellen in Deutschland fallen jedoch bis zum Ende des Jahres weg.

Auch Dresden profitiert noch von der Bürgerarbeit. Derzeit sind rund 750 Bürgerarbeiter in der Stadt tätig. Dresden unterstützt deren Arbeit pro Monat und Stelle mit einem Zuschuss von 100 Euro für Sach- und Verwaltungskosten der Träger. Bis zum Ende des Jahres laufen die Stellen Stück für Stück aus: 13 im ersten Quartal, 117 im zweiten, 195 im dritten und 428 Stellen im vierten Quartal 2014.

Wenn sie fehlen, liegt ein gutes Stück Arbeit brach. Rund ein Viertel sind in der Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt, so unter anderem auf dem Kinder- und Jugendbauernhof Nickern oder als Spielzimmer-Betreuung im Rathaus und im Dresdner Jobcenter. Ein weiteres Viertel unterstützt soziale und humanitäre Projekte, beispielsweise bei der Dresdner Tafel, und 20 Prozent der Bürgerarbeiter sind in der freien Kulturarbeit tätig, wie zum Beispiel im Erlebnisland Mathematik oder bei der Ostrale. Aber auch in den Bereichen Sport, Denkmalpflege oder Tourismus arbeiten die zusätzlichen Helfer.

Dresdens Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) bedauert das Aus. „Für viele Vereine oder andere Träger ist ihr Wegfall nur schwer zu kompensieren“, sagt er. Vor allem deshalb, weil vonseiten des Bundes keine Alternative geplant ist. Gerade für Projekte, die in den vergangenen Jahren mithilfe der Bürgerarbeiter begonnen wurden, gibt es nun womöglich keine Zukunft mehr.

Das könnte auch bei der Kindervereinigung Dresden passieren. Der Verein ist in der Kinder- und Jugendarbeit tätig. Insgesamt 14 Bürgerarbeiter unterstützen ihn derzeit noch, zehn in Kindertageseinrichtungen, vier in der Kinder- , Jugend- und Familienarbeit. „Bis Ende Juni beziehungsweise Juli laufen all diese Stellen aus“, sagt Personalleiterin Franziska Schulz. Noch unterstützen die Bürgerarbeiter die Fachkräfte in den Kitas bei der individuellen Betreuung und Förderung der Kinder, zum Beispiel bei Spielangeboten, vermitteln Wissen rund ums Thema gesunde Ernährung oder begleiten Ausflüge. „Wie all das ohne sie weitergehen soll, wissen wir derzeit nicht“, fügt sie hinzu. Auch mit Blick auf den knapp kalkulierten Personalschlüssel in den Kitas hofft die Kindervereinigung, eine Möglichkeit für die weitere Finanzierung solcher Projekte zu finden. Ob das gelingt, ist jedoch unklar.

Um den Vereinen solche Sorgen abzunehmen, wurde die Stadt Dresden bereits aktiv. Zusammen mit der Stadt Leipzig hatte sich Martin Seidel im Oktober 2013 an das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr gewandt. Gemeinsam schlugen sie ein sächsisches Modellprojekt vor, eine Kombination von geförderter Arbeit sowie individueller Betreuung und Qualifizierung der am Projekt Beteiligten. Finanziert werden sollte das Ganze aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. „Aber unser Vorschlag fand im Ministerium leider keine Zustimmung“, so Seidel enttäuscht.

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Jana Mundus über das Ende der Bürgerarbeit

Dass das Modell Bürgerarbeit schon ausgedient hat, kann Jürgen von Pistor, Vorsitzender des Zschonergrund-Badvereins, nicht nachvollziehen. „Ohne die Bürgerarbeiter werden wir nicht mehr in der Lage sein, öffentliche Veranstaltungen zu organisieren.“ Die seien aber als Werbung für den Verein und das Auftreiben von Spendengeldern für die Badsanierung notwendig. „Ich persönlich wäre dafür, dieses Projekt weiterzuführen. Aber leider entscheiden das andere.“

Dass die Bürgerarbeit durchaus ein erfolgreiches Instrument sein kann, zeigt das Beispiel der Kindervereinigung Dresden. Sie bietet den Bürgerarbeitern an, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher zu beginnen.