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Aus Liebe zur Lok

Ein Fernsehbeitrag im Stadtarchiv würdigt die Arbeit eines Traditionsbahners in den 70er-Jahren.

Von Beate Erler

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38 Jahre sind sie alt, leicht gelbstichig und sehr dünn: Die A3-großen Seiten der DDR-Fernsehzeitschrift „FF dabei“. Das einzige Exemplar, das im Radebeuler Stadtarchiv noch zu finden ist, kündigte den Lesern das Hörfunk- und Fernsehprogramm für die Woche vom 18. bis 24. Juni 1977 an.

Matthias Erler aus dem Stadtarchiv blättert die Illustrierte vorsichtig durch und deutet auf einen Artikel mit der Überschrift „Auf schmaler Spur durch den Lößnitzgrund“. Auf großen Farbfotos ist der Traditionszug der Schmalspurbahn mit dem offenen Aussichtswagen zu sehen, auch wenn es an diesem Tag „wie aus Ölkannen goss“, wie es im Artikel steht. In diesem kommt nicht nur der Grundwurm, wie der Lößnitzdackel damals noch genannt wurde, zu ehren, sondern auch der Leiter des Traditionszuges, Manfred Viertel. Die Fotos zeigen einen stattlichen Mann in blauer Uniform mit goldenen Knöpfen, blauem Hütchen und einer großen Glocke in der Hand, die er zur Abfahrt läutet. Der Traditionszug macht seit 1974 während der Sommermonate den Ausflüglern Dampf unter den Hintern. Zu diesen Fahrten hat Manfred Viertel sich damals auch äußerlich ins Ende des 19. Jahrhunderts zurückversetzt. Heute ist er 74 Jahre alt und lebt in Radebeul.

Die Fernsehzeitschrift fiel Matthias Erler beim Umzug des Stadtarchivs 2014 in die Hände. „Ich habe mich gefragt, warum wir die aufgehoben haben, und bin beim Blättern auf den Beitrag gestoßen“, erzählt er. Dabei entdeckt er die kleine Notiz am Ende des Artikels, die einen Auftritt des Modelleisenbahners Manfred Viertel in der damals beliebten Samstagabend-Show „Die Goldene Note“ ankündigt. Er ruft beim Deutschen Rundfunkarchiv in Babelsberg (DRA) an und hat Glück: Für 30 Euro erwirbt das Stadtarchiv den zwölfminütigen Sendemitschnitt. „Ich erinnere mich noch an diese Show, sie wurde teilweise auch aus dem Kulturpalast gesendet“.

Ohne Flimmern und Flackern holt die DVD die 70er-Jahre zurück auf den Schirm. Auf cremefarbenen Plastikstühlen sitzen die Moderatorin Erika Radtke mit hellblondem Pagenschnitt, Manfred Viertel und der Reichsbahninspektor Eduard Schnabel. „Sie sind von Kopf bis Fuß auf Eisenbahn eingestellt“, sagt die charmante Moderation zu Manfred Viertel. Sichtlich aufgeregt erzählt der von seiner Lehre als Lok-Schlosser und das es für ihn nur einen Berufswunsch gab, den des Lokomotivführers. Wegen eines Augenfehlers darf er den Beruf nicht ausüben, arbeitet stattdessen im VEB Synthesewerk in Schwarzheide.

Die Sucht nach Eisenbahnromantik stillt Manfred Viertel dann als Leiter der AG Traditionsbahn Radebeul Ost – Radeburg. Sein Auftritt in der „Goldenen Note“ ist gleichzeitig die öffentliche Würdigung für seine ehrenamtliche Arbeit. Dabei sah es in den 60er- und 70er-Jahren für die Kleinbahn gar nicht gut aus. Es gab Stilllegungspläne, die Züge sollten nur noch im Nebenbahnbetrieb fahren. Grund war die Verlegung der Transporte von der Schiene auf die Straße. 1973 beschloss der Betriebs- und Verkehrsdienst, die Bahn als touristische Attraktion zu erhalten. Auch der reguläre Reise- und Güterverkehr rollte weiter. Heute nutzen die meisten Fahrgäste den Lößnitzdackel als Ausflugszug.

Manfred Viertel hat sich damals aus Liebe zur Dampflok sogar einen Bart stehen lassen, um der Inszenierung Traditionszug in nichts nachzustehen. Obwohl er beim Auftritt in der Fernsehshow noch ernsthaft zugibt: „Sonst bin ich eigentlich gegen das Barttragen.“

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