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Bautzen

Alles auf Abstand: So wirkt die Ausgangssperre

Ein Streifzug durch Bautzen, Bischofswerda und Kamenz zeigt: Gedränge herrscht nur noch an einem Ort.

Die Reichenstraße - normalerweise eine Anziehungspunkt für Bummler - ist am Montag menschenleer.
Die Reichenstraße - normalerweise eine Anziehungspunkt für Bummler - ist am Montag menschenleer. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Es ist ein surrealer Montagmorgen. Die Temperaturen liegen knapp über dem Gefrierpunkt, die Sonne aber strahlt. Wo sich unter normalen Umständen die Menschen tummeln um den Winter abzuschütteln, wirkt es heute einsam und verlassen. 

Ein einsamer Jogger dreht seine Runden am Bautzener Stausee. Nur vier Autos glitzern auf dem großen Parkplatz im Sonnenlicht. Als sollten auch sie sich an die verschärften Ausgangsbeschränkungen halten, haben ihre Besitzer sie mit maximalem Abstand voneinander geparkt.

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Nähert man sich der Bautzener Innenstadt, verändert sich das Bild kaum. Die Schilleranlagen sind menschenleer. In der Bahnhofsstraße hält Karl-Heinz Pikau seine Nase in die Sonne: "Ich warte hier auf meine Frau. Sie ist beim Arzt." In der Tasche hatte das Ehepaar bei seinem Aufbruch seine Ausweispapiere, außerdem das Bestellkärtchen des Arztes. Später wird Pikaus Ehefrau die Berechtigung ihres Arbeitgebers abholen. Weitere Vorsichtsmaßnahmen wollen beide beim Verlassen des Hauses auch in den kommenden Tagen nicht treffen. "Die Vorgaben sind doch eh eher lasch", sagt Pikau.

An ihm vorbei gehen Helga Seidel und Rita Babruski. Die beiden Seniorinnen wollen in den nahe gelegenen Einkaufsmarkt. "Wir besuchen uns nicht mehr gegenseitig, sondern haben uns nur zum Einkaufen getroffen", sagen sie fast entschuldigend. Der nächste Weg führt beide direkt nach Hause.

Im Bautzener Kaufland shoppt es sich am Montag ruhiger als normalerweise. In anderen Einkaufsmärkten bietet sich ein ganz anderes Bild.
Im Bautzener Kaufland shoppt es sich am Montag ruhiger als normalerweise. In anderen Einkaufsmärkten bietet sich ein ganz anderes Bild. © SZ/Uwe Soeder

Einkaufen scheint für viele an diesem Montag der beste Grund zu sein, das Haus zu verlassen. In einem Supermarkt Am Carolagarten in Bautzen fällt es schwer, ob der Menge der Menschen den Mindestabstand einzuhalten. Höflich tanzen die Kunden umeinander herum. Immer wieder schalt es aus dem Kassenbereich: "Bitte nehmen Sie sich einen Einkaufswagen. Der Einkauf ist nur noch mit Wagen gestattet." Eine Verkäuferin fragt ihre Kollegin entnervt: "Warum hängen wir eigentlich Zettel auf?" Auffällig ist: Es sind vor allem ältere Menschen, die hier ihre Besorgungen erledigen.

Wesentlich weniger geschäftig geht es derweil am Bautzener Bahnhof zu. Dort wartet Laura Müller auf den Zug nach Dresden. Als am vergangenen Wochenende die Ausgangssperre in der Landeshauptstadt griff, hat sie sich kurzerhand ins Auto gesetzt, ist zu ihrem Freund nach Bautzen gefahren. Über ihrem Kopf dreht die Schrift auf der Anzeigentafel ihre Runden: "Geben Sie acht auf sich und andere. Fahren Sie nur, wenn es unumgänglich ist."

"Irgendwie muss ich ja wieder nach Hause", sagt Laura Müller unbeeindruckt. In ihrer Handtasche hat sie Personalausweis und Desinfektionsmittel, auch der Frust begleitet sie: "Was soll ich denn machen? Natürlich werde ich weiter mit meinem Hund rausgehen. Und mit meiner Tochter." Laura Müller ist eine der ersten, die die Folgen der Corona-Krise in aller Deutlichkeit zu spüren bekommt. Auf die Frage, ob sie zu denen gehört, die derzeit nicht arbeiten müssen, antwortet sie: "Ich bin gekündigt worden. Ich war in der Probezeit in der Gastro. Die letzten, die kamen, sind die ersten, die gehen müssen."

Bischofswerdas Einwohner halten sich am Montag weitestgehend an die Bitte, voneinander Abstand zu nehmen. In den Einkaufsmärkten am Stadtrand regeln beschränkte Zugänge die nötige Distanz.
Bischofswerdas Einwohner halten sich am Montag weitestgehend an die Bitte, voneinander Abstand zu nehmen. In den Einkaufsmärkten am Stadtrand regeln beschränkte Zugänge die nötige Distanz. © Steffen Unger

Auch in Bischofswerdas Innenstadt ist es am Montag noch ruhiger als sonst. Die Passanten auf dem Marktplatz sind kurz vor dem Mittag an den Fingern einer Hand abzuzählen. Die Bürgersteige der vom Markt abgehenden Straßen sind so gut wie leer. Zu den wenigen Läden, die jetzt noch öffnen dürfen, gehört Schreibwaren und Bürobedarf Förster. Postdienst und Zeitungsverkauf berechtigen zur Ladenöffnung. Lohnenswert ist das kaum: In den ersten beiden Stunden des Vormittages kamen rund zehn Kunden, berichtet Rico Förster. Normal für einen Montagvormittag wäre etwa die fünffache Zahl.

Das Einkaufsleben verlagert sich am Montag offenbar an die Märkte am Stadtrand. Auch Rewe lässt nur noch Kunden mit Einkaufswagen in den Markt. Am Zugang wird eine Strichliste geführt. Auch hier fällt auf: Ein Großteil der Kunden ist über 65. Genau jene Altersgruppe, die jetzt eigentlich zu Hause bleiben sollte.

Bischofswerdas Oberbürgermeister Holm Große appellierte in den vergangenen Tagen wiederholt an die Einwohner der Stadt, sich an die Auflagen zu halten. Selbst will die Stadt die Beschränkungen nicht durchsetzen. Die Kontrollen zur Einhaltung der Allgemeinverfügung obliegen dem Gesundheitsamt und nachfolgend der Polizei, heißt es aus dem Rathaus. Die Parks im Stadtgebiet bleiben für die Öffentlichkeit zugänglich – unter der Voraussetzung, dass man maximal zu zweit, besser einzeln unterwegs ist.

Landkreisweit seien zunächst keine weiteren Sperrungen von öffentlichen Parks oder Plätzen geplant, heißt es auch aus dem Bautzener Landratsamt. Für die Stadt Bautzen bestätigt Sprecher André Wucht: "Bautzen plant diesbezüglich keine weiteren Maßnahmen."

In der Großröhrsdorfer Tratoria dell Arte weißt nunmehr ein Schild darauf hin, dass hier vorerst nicht mehr gespeist werden darf. Immerhin: Der Gastronom bietet Essen zum Mitnehmen.
In der Großröhrsdorfer Tratoria dell Arte weißt nunmehr ein Schild darauf hin, dass hier vorerst nicht mehr gespeist werden darf. Immerhin: Der Gastronom bietet Essen zum Mitnehmen. © Matthias Schumann

Eine erste Bilanz für Kamenz zieht der Erste Polizeikommissar Siegmar Günther: "Es sind auffällig wenig Menschen unterwegs und sie sind sehr diszipliniert." Bisher hätten keine Ermahnungen ausgesprochen werden müssen. Auch die Unfallzahlen seien drastisch gesunken. Die Kamenzer Polizei patroulliere in der Stadt, fahre Spielplätze ab, kontrolliere Geschäfte und Gaststätten schaue nach Menschenansammlungen, zählt er auf. 

Viel zu tun haben sie nicht, denn am Montagvormittag ist auch auf dem Kamenzer Mark kaum Betrieb: An der Drogerie sind zwei Kunden im Gespräch, sonst nur wenige Läden geöffnet. Im Minimarkt, wo Lebensmittel, Obst und Gemüse verkauft werden, hat die Verkäuferin mit Mund- und Nasenschutz vorgesorgt. Ab Dienstag sei vorerst ganz geschlossen - zum Schutz von Kunden und Verkäufern. Eine ältere Dame im Geschäft hat Verständnis dafür.

Ein paar Eingänge weiter hat der Spiel- und Haushaltwarenhändler Klaus Lehmann noch geöffnet. Kontrolleure vom Ordnungsamt schauen herein.  Klaus Lehmann bietet auch einen Paket- und Briefservice an. Viele Kunden erwarteten wichtige Sendungen wie Apothekenpäckchen oder Desinfektionsmittel, sagt er. Die Kontrolleure lassen offen, geben die Auflage, einen Hinweis an der Tür zu befestigen, dass nur der Postservice zur Verfügung steht. Beim Hörgeräteservice auf der anderen Marktseite gibt es Hilfe nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Auf ein Klopfen hin werde geöffnet. Einen Notservice bietet auch der Optiker. Mehr als zwei Kunden dürfen das Geschäft aber nicht betreten. Auch am Backstand im Rewe stehen die Kunden genau auf Distanz, ganz so, wie Klebestreifchen am Boden es vorschreiben. 

Menschenleer ist dafür der Pulsnitzer Stadtpark. Warnzäune blockieren die Eingänge. Die gilt  auch für Spielplätze und Sportstätten. In Großröhrsdorf an der Walther Rathenau-Straße sollen Plakate mit Anweisungen die entsprechende Wirkung entfalten. Ein paar frische Fußabdrücke sind dennoch zu sehen.

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Auf Anfrage bestätigt die Polizeidirektion Görlitz die Eindrücke aus den Innenstädten: Die Maßnahmen zeigen Wirkung. Nur wenige Male hätten die Ordnungshüter seit Inkrafttreten der Allgemeinverfügung gegen Verstöße eingreifen müssen, heißt es in einer Pressemitteilung. Sprecherin  Katharina Korch antwortet auf eine SZ-Anfrage, dass die Beamten die Durchsetzung der Bestimmungen im regulären Streifendienst prüfen. Wichtig sei im Falle eine Kontrolle vor allem, dass die Gründe für den Aufenthalt außerhalb der eigenen vier Wände glaubhaft seien. Neben gültigen Personaldokumenten seien es vor allem Arbeitgeberbescheinigungen, die den Beamten vorgelegt werden können. "Diese können auch digital vorliegen. Es gibt hierbei keine gültige Formvorschrift", versichert Korch.

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