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Ausgemergelte, hoffnungslose Gesichter

Als 14-Jähriger erlebte ein Wilsdruffer einen Todesmarsch durch die Stadt. Das war vor 69 Jahren. Nun taucht in seinem Nachlass ein Bild auf.

Von Annett Heyse

Den Anblick könne er nie vergessen. Nie! Jahrzehnte später noch erzählte Walter Birkner davon. Als Hobbykünstler sammelte er Steine an der Nordsee und stapelte sie zu Figuren in seinem Garten. „In einigen Steinen sah ich die Gesichter. Was mag aus den Menschen geworden sein, ob jemand überlebte?“, schrieb er später auf. Birkner war 14 und in Wilsdruff groß geworden, als er in den letzten Kriegstagen mit zwei Freunden aus der Schule kam. Die Jungs liefen über den Marktplatz, da sahen sie die Menschen. Eine Todeskolone.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Der gebürtige Wilsdruffer Walter Birkner lebte in Friesland.
Der gebürtige Wilsdruffer Walter Birkner lebte in Friesland.
Mario Lettau Hobbyhistoriker
Mario Lettau Hobbyhistoriker

Dass es solche Transporte durch die Kleinstadt gegeben hat, war aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt worden. „Ich habe davon bis vor Kurzem noch nie etwas gehört“, berichtet Mario Lettau. „Keiner der älteren Wilsdruffer hat je davon erzählt.“ Lettau ist Hobbyhistoriker und hat in den vergangenen Jahren eine umfassende Chronik über Wilsdruff ab 1830 verfasst. Beim Studium alter Tagebuchaufzeichnung der Wilsdruffer Lehrer und Heimatfreunde Artur Kühne und Alfred Ranft stieß er erstmals auf dieses dunkle Kapitel. Beide schrieben von Zügen gefangener Soldaten, die Richtung Nossen liefen – wohl um die 1 000 Mann. Und von einem weiteren Zug Juden und anderer Gefangener, die Richtung Tharandt getrieben wurden – etwa 2 000 Leute. Die Eintragungen datieren vom 21. April, möglicherweise waren es dieselben Todesmärsche, die auch der Schüler Walter Birkner sah.

„Menschen, die kaum noch gehen konnten und die, die nicht mehr gehen konnten, wurden auf selbstgezimmerten Karren gezogen oder geschoben. Rechts und links von den Menschen liefen SS-Soldaten mit Schäferhunden“, so erinnerte sich der Zeuge. Sie kamen die Dresdner Straße hinauf und liefen Richtung Nossen. Am tiefsten, so schrieb er später, hätten ihn die ausgemergelten Gesichter erschüttert, in denen Hoffnungslosigkeit, Trostlosigkeit, Grauen und Entsetzen stand.

Walter Birkner lebt nicht mehr. Er starb vor eineinhalb Jahren in seiner Wahlheimat Nordstrand, einer friesischen Halbinsel nahe des Städtchens Husum. Aber als Hobbykünstler hat er mehr als einige Zeilen der Erinnerung an den Todesmarsch hinterlassen. Er, der zeit seines Lebens gern und viel malte, hinterließ ein Bild.

Schemenhaft sieht man die Wilsdruffer Markthäuserzeile mit der Apotheke, davor die Gefangenen in ihrer gestreiften Häftlingskleidung. Birkner zeichnete die SS-Soldaten mit ihren Hunden und die Karren, auf denen die Erschöpften geschoben wurden. „Dieser Fakt mit den Karren ist ein ganz neuer Aspekt, davon hatte ich in Zusammenhang mit solchen Märschen noch nie gehört“, sagt Mario Lettau. Der Hobbyhistoriker hat über seine Mutter Kontakt mit der Witwe Birkners aufgenommen, von ihr bekam er schließlich das Bild. Genau genommen sind es zwei Bilder.

Denn die Schuljungs, die „wie gelähmt dastanden“ und auf die Gefangenen schauten, wurden plötzlich vom Ortsgruppenleiter Curt Richter angeschnauzt. Was sie so gaffen würden, habe er gesagt, so Birkner. Sie sollten lieber nach Osten gehen, mit der Panzerfaust das Vaterland verteidigen. Birkner: „Verstört gingen wir die Meißner Straße runter.“ Auch von der Begegnung mit dem strammen Nazi gibt es ein Bild.

„Es ist ein sensationeller Fund, der da aufgetaucht ist“, schwärmt Mario Lettau über die zwei Zeichnungen. Wie fehlende Puzzleteile fügen sie sich in die Wilsdruffer Stadtgeschichte ein und ergeben neue Einblicke in die letzten Kriegstage. Lettau hofft nun, dass weitere alte Wilsdruffer sich bei ihm melden und von dem Zug berichten. „Irgendwer muss doch etwas gesehen haben“, ist sich Lettau ganz sicher.

Zumal es wohl mindestens einen weiteren Todesmarsch gegeben hat. Vermutlich am 16. Februar 1945 passierte ein Zug jüdischer Frauen und Mädchen die Stadt. Einige der Erschöpften sollen sogar in der Schule mit Suppe verpflegt worden sein.