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„Ausgeschaltete Ampeln sind nicht vertretbar“

Die Unfallstatistik spricht nicht nur in Riesa eine klare Sprache. Ein Gespräch mit Verkehrsexperte Reinhold Maier.

© Wolfgang Wittchen

Als Professor für Straßenverkehrstechnik an der TU Dresden berät Reinhold Maier den Freistaat und seine Unfallkommissionen zum Thema Verkehrssicherheit auf deutschen Straßen. Auch Versicherungen stützen sich auf seine Studien. Nach dem tödlichen Unfall auf der Kreuzung am Lutherplatz in Riesa sprach die Sächsische Zeitung mit dem Experten über die Probleme im Straßenverkehr bei Nachtabschaltung von Ampeln.

Herr Maier, erhöhen nachts ausgeschaltete Ampeln das Unfallrisiko auf den deutschen Straßen?

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Ganz eindeutig ja. Untersuchungen belegen das. Demnach ist die Gefahr für Autofahrer nicht nur doppelt so hoch, mit einem anderen Fahrzeug zusammenzustoßen. Insbesondere nimmt die Unfallschwere drastisch zu. Auch die Anzahl der Vorfahrtsunfälle steigt um hundert Prozent. Diese Ergebnisse gelten bundesweit. Allerdings ist diese Auffälligkeit erst zu erkennen, wenn man die Untersuchungen über einen langen Zeitraum durchführt. Denn die Anzahl der Unfälle, die tagsüber geschehen, mit denen bei ausgeschalteten Signalen zu vergleichen, ist nicht eins zu eins möglich, weil nachts natürlich grundsätzlich weniger Verkehr herrscht. Die daraus resultierenden Erkenntnisse gibt es aber bereits seit über zehn Jahren.

Der Verkehr in Riesa ist nicht zu vergleichen mit dem in einer Großstadt wie Dresden. Gelten an kleineren Kreuzungen die gleichen Ergebnisse?

Eine differenzierte Betrachtung nach geometrischen und verkehrstechnischen Eigenschaften der untersuchten Kreuzungen lässt nicht erkennen, dass es Ansätze für Kriterien gibt, nach denen eine Abschaltung eher zu vertreten wäre. Auch einfache Knotenpunkte dürfen nach unseren Erkenntnissen aus Sicherheitsgründen offensichtlich nicht abgeschaltet werden. Klar ist aber: Je komplexer eine Kreuzung durch Fahrstreifen oder aufwendige Ampelsteuerung ist, desto negativer fallen die Ergebnisse noch mal zusätzlich aus.

Sind Autofahrer oftmals auch selbst schuld, weil sie nicht aufmerksam genug sind?

Natürlich machen Menschen auch Fehler. Das ist nicht auszuschließen. Aber die Ampelanlagen sind ja dazu da, ihnen an unübersichtlicher Stelle die größtmögliche Unterstützung im Straßenverkehr zu geben. Deshalb ist die weit verbreitete Praxis der Städte nicht vertretbar, Lichtsignale nachts abzuschalten.

Wenn die Ergebnisse doch so eindeutig sind: Weshalb schalten so viele Kommunen dennoch ihre Ampeln aus?

Unserer Erfahrung nach ist das meist eine Geldfrage. Die Städte und Gemeinden wollen Energiekosten sparen. Das darf aber nicht zu Kosten der Sicherheit der Autofahrer gehen.

Die Stadt Riesa behauptet, es gehe ihr in erster Linie nicht ums Sparen, sondern darum, nachts den Verkehrsfluss zu gewährleisten – auch der Zeit und Kraftstoffkosten der Fahrer zuliebe ...

Diese immer wieder genannten Gründe sind wenig überzeugend. Denn die Fahrzeiteneinsparung bei Stadtfahrten normaler Länge bei maximal einer Minute. Auch die Reduzierung des Kraftstoffverbrauchs, der Lärm- und Schadstoffbelastung ist marginal. Den Verkehrsfluss kann man anders verbessern. Moderne Technik bietet die Möglichkeit, die Signalanlagen individuell zu schalten oder z.B. mit einer Induktionsschleifen zu versehen. Dann erkennt das System, wenn ein Auto kommt. Städte, die sich die Technik nicht leisten können, können nachts auf kürzere Rotphasen setzen – funktioniert auch bei älteren Systemen.

Riesa muss derzeit ein Haushaltsloch von drei Millionen Euro stopfen. Da spielen Kosten immer eine Rolle. Wie viel lässt sich durch nächtliches Abschalten wirklich sparen?

Pro Jahr und Ampelkreuzung lassen sich nach optimistischen Annahmen maximal 500 Euro sparen. Wenn Riesa, wie Sie sagen, 27 Ampelknotenpunkte hat, wären das etwa 13 500 Euro jährlich. Dieses Geld lohnt es sicher nicht, ein erhöhtes Risiko einzugehen, zumal volkswirtschaftlich bereits ein Unfall meist erheblich höhere Kosten verursacht. Gespräch: Jens Ostrowski