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Hundeliebe und Ausländerhass

Warum es so viele Menschenfeinde in der Tierschutzszene gibt. Ein Plädoyer für eine Reform der Szene.

© dpa

Von Michael Bittner

April 2018 biss in einer Wohnung in Hannover der Staffordshire-Mischling „Chico“ seinen 27-jährigen Besitzer und dessen Mutter tot. Das grausige Ereignis weckte eine Welle des Mitleids, jedoch nicht für die beiden menschlichen Opfer, die noch mit Häme und Vorwürfen überzogen wurden, sondern für den aggressiven, offenbar fehlerzogenen Hund. Bei Protesten, an denen auch Neonazis beteiligt waren, wurde die Entlassung des „Freiheitshelden Chico Guevara“ aus dem Tierheim gefordert. 

Als die Behörden sich stattdessen für eine Einschläferung des Hundes entschieden, erhielten die beteiligten Beamten und Tierärzte Morddrohungen. Der Fall veranschaulicht auf drastische Weise, dass Tierliebe und Menschenhass sich nicht ausschließen, ja bisweilen sogar in einer merkwürdigen Wechselbeziehung stehen.

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Sechs Beine, zwei davon schlecht

In ihrem Buch „Vier Beine gut, zwei Beine schlecht“ beschäftigt sich die Autorin Mira Landwehr kritisch mit menschenfeindlichen Tendenzen innerhalb der Tierschutzszene. Landwehr kennt die Bewegung aus jahrelanger Teilnahme. Sie ist aber keine Renegatin, der es darum ginge, nach ihrem Abschied Spott über die Bewegung zu gießen. Landwehr kämpft weiterhin für ein Ende der Ausbeutung von Tieren, wehrt sich jedoch dagegen, diesen Kampf von dem für die Emanzipation der Menschen zu trennen. Ihr kluges und kenntnisreiches Buch dürfte ihr den Hass einiger Fanatiker einbringen, könnte aber auch zu einer selbstkritischen Erneuerung der Bewegung beitragen.

Im ersten Teil ihres Buches beschäftigt sich Landwehr mit dem in urbanen Milieus schon fast modischen Veganismus. Dabei gilt ihre Kritik nicht an sich dem Versuch, sich ohne Vernutzung von Tieren zu ernähren. Sondern der Tendenz, die vegane Ernährung einerseits zu entpolitisieren, andererseits zur Ersatzreligion zu erhöhen. Für manche Trendveganer ist ihre aufwendige Ernährung vor allem ein Mittel, die eigene Person als „moralisch wertvoller“ zu inszenieren und vom gewöhnlichen Pöbel abzugrenzen. Dieses elitäre Selbstverständnis geht mit eifriger „Selbstkasteiung“ durch Verzicht einher und kann sektenhafte Züge annehmen. In den Schriften des „Reinkarnationstherapeuten“ Ruediger Dahlke wird der Veganismus engstens mit esoterischer Scharlatanerie verquickt.

Ein Blick auf die gerade heute wieder auflebende Bewegung des völkischen „Siedlertums“ belegt, das ökologisches und rassistisches Denken einander nicht notwendig ausschließen. Die Vergötterung einer vermeintlich reinen und unfehlbaren „Natur“ kann gerade Tierfreunde dazu bringen, einer biologistischen Abwertung von Menschen das Wort zu reden. Mit solchen Tendenzen in der Tierrechtsszene beschäftigt sich der zweite Teil von Landwehrs Buch. Dabei geht es nicht nur darum, dass manche Tierrechtler – der Parole „Hauptsache für die Tiere“ folgend – auch Zweckbündnisse mit Rechtsradikalen nicht scheuen. Die Verbindungen liegen tiefer. Schon beim philosophischen Vordenker der Tierbefreiungsbewegung, dem australischen Philosophen Peter Singer, verbindet sich die Aufwertung von Tieren mit der Entwürdigung von Menschen. Während Singer höheren Säugetieren Persönlichkeitsrechte einräumen will, spricht er sie mit sozialdarwinistischen Nützlichkeitsargumenten behinderten und dementen Menschen ab.

Mehr Initiativen für Tierschutz

Bei Tierrechtlern, die jede Bevorzugung von Menschen gegenüber Tieren als „Speziesismus“, also „Rassismus gegen Tiere“, ablehnen, nimmt solches Denken bisweilen militante Züge an. So etwa, wenn Paul Watson, der Chef der Meeresschutzorganisation „Sea Shepard“, dazu aufruft, nicht Wale zu harpunieren, sondern jene amerikanischen Ureinwohner, die es sich erlauben, Wale zu jagen. Überhaupt hält Watson eine – notfalls gewaltsame – Reduktion der menschlichen Weltbevölkerung für nötig, um die Natur zu retten. Mit diesem kruden Plan ist er in der Tierrechtsszene nicht allein. Er ist eine logische Konsequenz der Grundentscheidung, Menschen gegenüber Tieren keine besondere Würde zuzugestehen, ja die Tiere sogar idealisierend den Menschen vorzuziehen.

Landwehr selbst plädiert hingegen dafür, die „Speziesgrenze“ zwischen Mensch und Tier nicht zu leugnen, „ohne jedoch die grundlegenden Bedürfnisse anderer Lebewesen auf diesem Planeten und insbesondere derjenigen, die direkt von uns abhängig sind, als unwichtig abzutun.“ Eine Befreiung der Tiere und der Menschheit zugleich erhofft die Autorin sich von einer Überwindung des Kapitalismus, der Umwelt, Tiere und Menschen gleichermaßen zu „Waren“ reduziere. Landwehr ist sich bewusst, dass eine solche Hoffnung derzeit utopisch ist.

Zeichen für ein sich wandelndes Verhältnis von Mensch und Natur lassen sich indes durchaus schon heute in vielen Initiativen zu besserem Tierschutz erkennen. Trotz aller Verdrängung dürfte der Gedanke daran, wie wir Menschen mit den Tieren umgehen, inzwischen auch vielen Fleischessern Unbehagen bereiten. Wenigstens veranstalten Schlachthäuser wohl nicht ohne Grund selten Tage der offenen Tür.

Mira Landwehr: Vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Zum Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass in der veganen Tierrechtsbewegung. Konkret-Verlag, 124 Seiten, 15 Euro

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