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Platz für Flüchtlinge im Stundenplan

Oft sind die Vorstellungen über das Leben von Asylsuchenden falsch. Ein Projekt für junge Menschen soll nun aufklären.

Von Yvonne Popp

Stellen Sie sich vor: Sie kommen als Flüchtling in ein fremdes Land. Sie sind traumatisiert, Sie sprechen die Landessprache nicht und haben weder Geld noch Ausweispapiere. Bis über Ihre Einbürgerung oder Abschiebung entschieden ist, werden Sie in einem Heim untergebracht. Dort stehen Ihnen maximal sechs Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung. Toilette, Bad und Küche teilen Sie sich mit anderen und das im schlimmsten Falle über Jahre. Sie sind gezwungen, vor jedem Arztbesuch beim Sozialamt einen Krankenschein zu beantragen und Sie dürfen den Ort, in dem Sie leben, nicht verlassen. Für uns kaum vorstellbar. Aber das ist das Leben eines Asylbewerbers.

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Ungeschönt und mit klaren Worten gaben in der vergangenen Woche zwei Referenten des Dresdner Ausländerrats am evangelischen Gymnasium in Tharandt, Einblicke in das Alltagsleben von Asylbewerbern in Deutschland. „Durch Zufall bin ich auf das Projekt „Grenzen überwinden“ gestoßen“, sagt Anett Bauer, Lehrerin für evangelische Religion und Englisch.

Sie freut sich, dass Katrin Holinski und Stefan Fehser an die Schule gekommen sind, um das Projekt vorzustellen. Die Schülerinnen der 10. Klasse hatten sich bereits das gesamte Schuljahr über im Rahmen des sozial-diakonischen Unterrichtsprofils mit dem Thema Krisen beschäftigt. Nach dem es im ersten Halbjahr hauptsächlich um die Bewältigung persönlicher Notlagen wie Scheidung, schwere Krankheit oder Behinderungen ging, lag das Augenmerk später auf den weltweiten Krisen und dem, was diese mit sich bringen. Im Vordergrund standen dabei Flucht, Migration und Asyl.

Hier kommt nun das Projekt „Grenzen überwinden“ zum Zug. Es geht ausführlich auf die Probleme Asylsuchender in Deutschland ein. Ziel ist die Förderung einer modernen Integrationspolitik und der Abbau von Vorurteilen und Gewalt gegenüber Einwanderern.

An zwei Tagen arbeiteten die Pädagogin Katrin Holinski und der Soziologe Stefan Fehser gemeinsam mit den Schülerinnen heraus, wo die Schwachpunkte der deutschen Asylpolitik liegen. Als großer Knackpunkt stellte sich die Bürokratie heraus, an der viele Flüchtlinge scheitern würden.

Bestürzt zeigten sich die Schülerinnen auch über die schriftlichen Berichte von Asylbewerbern, in denen diese schildern, unter welchen Bedingungen sie bis zu ihrer Einbürgerung leben müssten – auf engstem Raum und unter ständiger Kontrolle der Behörden. Schnell war für die Schülerinnen klar: Das müsse sich ändern. Aber wie?

„Leider ist es schwer, die Bürokratie in Deutschland zu reformieren“, sagt Katrin Holinski. Die 35-Jährige, die hauptberuflich als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache arbeitet, erklärt aber, dass man schon zur Änderung der Problematik beitragen kann, in dem man seine Mitmenschen darauf aufmerksam macht. Weiterhin kann auch jeder Einzelne helfen, die Vorurteile gegenüber Asylsuchenden abzubauen. Denn im Gegensatz zu dem Klischee des Sozialschmarotzers sind die meisten Flüchtlinge intelligente Menschen, mit Berufs- oder Studienabschlüssen.

Am Ende der beiden Projekttage stand für die Schülerinnen fest, dass sie sich in diesem Bereich weiter engagieren wollen und die Diskussion über Asylpolitik weiter in die Öffentlichkeit tragen wollen.