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Ausstellung in Elstra spürt Rätselhaftes auf

Auf elf Schautafeln zeigt Werner Liebscher seine Heimatstadt im Wandel der Zeit. Ihm ist einiges aufgefallen.

Von Manuela Reuß

Die Kirchgasse ist nicht die Kirchgasse. Es ist die Schulstraße. Das kann man auf ein paar Zeichnungen im Rathaus erkennen. Die hängen in einer Ausstellung, die der Elstraer Werner Liebscher dort präsentiert. Der 72-Jährige, dessen Leidenschaft das Sammeln von Werken des Elstraer Malers Otto Garten ist, hat in historischen Lithografien eines unbekannten Malers Ungereimtheiten entdeckt und stellt sie klar. – Dazu gehört die Straßenansicht, unter der „Kirchstraße“ steht. „Das ist sie aber nicht. Es ist die Schulstraße“, erklärt der Elstraer. Zur Orientierung stellte er ein aktuelles Foto daneben. Zudem malte er die schwarz-weiß-Abzüge der Lithografie mit Buntstiften aus und passte sie so „den heutigen Gegebenheiten an“. Und so genügt ein Blick, um genau zu erkennen: Die abgebildeten Häuser stehen tatsächlich an der Schulstraße. Dabei kommt dem Betrachter entgegen, dass sich die Stadtansichten in Elstra nicht groß verändert haben. Die Häuserzüge sehen oft noch aus wie vor Jahrhunderten. Nur eben viel bunter – dank liebevoll sanierter Fassaden.

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Solcherart Fehlinterpretation hat Werner Liebscher nicht nur in puncto Kirchgasse entdeckt. Auch in einer Broschüre über Elstras älteste Stadtansichten und in einem Hausbuch fand der Senior Ungereimtheiten. Als ihm schließlich auf dem Dachboden der Familie Sembdner noch eine Stadtansicht von Otto Garten in die Hände fiel, die er für seine Sammlung fotografieren durfte, kam ihm die Idee mit der Ausstellung. „Ich wollte die Bilderrätsel mal auflösen und zeigen, wie ich denke, dass es richtig ist“, sagt der ehemalige Elektromeister, der seit vielen Jahrzehnten in Elstra lebt, 15 Jahre lang die Kabelanlage in der Stadt betreute und jedes Haus im Ort kennt. Wenn er alte Ansichten von Elstra sieht, dann entwickle er schon den Ehrgeiz, herauszufinden, wo das eigentlich ist, so Werner Liebscher .

Auch die Geschichte um die ehemalige Bandfabrik Schurig und das Beamtenhaus, ist in der kleinen Ausstellung zu erfahren. In einem alten Hausbuch von Elstra steht, dass die Schurig’sche Fabrik, nachdem die Bahn das Gelände gekauft hatte, abgerissen wurde und dort das Beamtenhaus hingebaut worden sei. Doch das stellt Werner Liebscher „ganz groß infrage“. Nach seiner Erkenntnis wurde die Fabrik nicht abgerissen, sondern zum Beamtenhaus um- und ausgebaut. Der Senior deutet auf die Dachgauben und andere Ähnlichkeiten der Gebäude. „So dumm waren unsere Altvorderen nicht, dass sie ein Gebäude abreißen und das gleiche an der Stelle wieder aufbauen“, begründet er seine Mutmaßung. Damit sich die Betrachter ein Bild von dem Ganzen machen können, hat er Zeichnungen, die ein Bahnbeamter von dem Haus gemacht hat, und alte Fotos von der Bandfabrik in einer der Schautafeln gegenübergestellt. Dazu gibt es eine Überblickskarte und eine Fotomontage, die zeigt, wo das Haus mal stand. Vier Wohnungen habe es im Beamtenhaus gegeben. In dem kleinen Seitenanbau war die Geschäftsstelle der Bahnmeisterei untergebracht. Bis 1945 habe das Gebäude existiert. „Ich kenn’ eine Frau, die ist 1941 in dem Beamtenhaus geboren.“

Rätsel gibt auch das Elstraer Schloss auf. Eine historische Zeichnung zeigt dass 1902 abgebrannte Bauwerk, welches 1903/04 neu aufgebaut wurde. Darunter steht „Links das Hofgärtnerhaus mit Steigerturm, 1903 vollständig abgebaut.“ Doch auf dem Foto darunter erkennt man sowohl den Turm des neuen Schlosses, als auch den Turm der Schlossgärtnerei, die laut Literatur von Elstra eigentlich abgerissen wurde, bevor das neue Schloss fertiggestellt war. „Wie geht das“, fragt sich Werner Liebscher. Warum so viele historische Lithographien des unbekannten Malers falsch gekennzeichnet sind, weiß der Elstraer nicht. Vielleicht hatte er sich mit der Stadt, die die Zeichnungen sicher in Auftrag gegeben hatte, überworfen und dies war eine kleine Rache? Wie dem auch sei, gut ein viertel Jahr ist Werner Liebschers Ausstellung jetzt im Rathaus zu sehen.

Material für weitere Ausstellungen hat der Elstraer noch reichlich in petto. Gut 500 Fotos von Otto-Garten-Werken trug er bereits zusammen. Und es sollen noch mehr werden. Deshalb würde sich Werner Liebscher freuen, wenn sich Besitzer von Bildern des Elstraer Malers bei ihm melden und er die Werke fotografieren dürfte.