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Ausweg in letzter Not

Das Prohliser Jugendamt kümmert sich um Notfälle in zerrütteten Familien. Für die Leiterin eine Herausforderung.

Von Nora Domschke

Wenn im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) Prohlis ein Notruf eingeht, muss es schnell gehen. So wie kürzlich, als ein besorgter Anwohner der Prohliser Allee meldete, dass Kinder Kleidungsstücke und Gegenstände aus dem Fenster werfen. In so einem Fall machen sich zwei ASD-Mitarbeiter sofort auf den Weg und prüfen vor Ort, ob die Kinder in Gefahr sind.

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Kinder auf dem Abstellgleis: Wenn der Nachwuchs nicht richtig versorgt wird, greift das Jugendamt ein. In Prohlis spielen Drogen dabei oft eine Rolle.Fotos: dpa/Pleul, Münch
Kinder auf dem Abstellgleis: Wenn der Nachwuchs nicht richtig versorgt wird, greift das Jugendamt ein. In Prohlis spielen Drogen dabei oft eine Rolle.Fotos: dpa/Pleul, Münch © dpa

Häufig treffen die Sozialarbeiter dann auf katastrophale Familienverhältnisse: Eltern, die lautstark streiten, in Wohnungen, die unaufgeräumt sind – für Kinder kein geeignetes Umfeld. „Wenn sie vernachlässigt werden, müssen wir sie manchmal sogar mitnehmen“, sagt Gitte Herzog, die Leiterin des ASD in Prohlis. Dann werden die Kleinen vorübergehend, aber für maximal vier Wochen, in Pflegefamilien untergebracht. Nicht immer empfinden die Kinder das als Rettung, wollen stattdessen bei ihren Eltern bleiben. Auch die protestieren oft heftig, deshalb ist in schweren Fällen meistens ein Polizeibeamter dabei. „Doch das ist unser letzter Ausweg“, sagt Herzog. Oberstes Ziel sei es immer, dass die Familien zusammenbleiben.

Seit einem Jahr leitet Gitte Herzog jetzt den ASD in Prohlis, schaut nun auf eine anstrengende Zeit zurück. Sie und ihre Kollegen kümmern sich um alle Notfälle von Kindern und Jugendlichen. Dabei geht es häufig um körperliche und seelische Gewalt, auch sexueller Missbrauch ist ein Thema. Herzog hat in ihrer Laufbahn als Sozialarbeiterin schon viel erlebt. Seit 1983 arbeitet die 56-jährige Dresdnerin für das Jugendamt. „Trotz dieser langen Erfahrung ist Prohlis noch einmal eine ganz neue Herausforderung für mich“, sagt Herzog, die vorher im ASD in der Altstadt tätig war. „Denn Prohlis ist völlig anders.“

In den sozialen Brennpunkten des Plattenbaugebietes hat es das ASD-Team immer häufiger mit drogenabhängigen Eltern zu tun. „Aber auch Trennungsfälle nehmen zu“, so Herzog. Ständiger Streit zwischen den Eltern ist die Folge. „Die Kinder geraten dabei leicht auf‘s Abstellgleis.“ Wenn zusätzlich Drogen wie Crystal oder Alkohol im Spiel sind, werden die Kleinen oft nicht richtig versorgt. Vor allem für Säuglinge und Kleinkinder kann das schnell lebensgefährlich werden. Mittlerweile bearbeitet der ASD in Prohlis etwa alle 14 Tage einen Fall, bei dem Drogen eine Rolle spielen. „Die Entwicklung ist dramatisch“, sagt Herzog. Und seit Langem absehbar: Immer mehr junge Prohliser, die seit zehn Jahren oder länger Drogen konsumieren, bekommen jetzt selbst Kinder.

Allein im vergangenen Jahr musste der ASD in 235 Prohliser Familien bei der Versorgung ihres Nachwuchses eingreifen. Dabei leben etwa 9 500 Kinder und Jugendliche unter 21 Jahren im Stadtteil. „Betroffen sind aber vor allem die Jüngeren unter drei Jahren“, so Herzog. Die psychisch anspruchsvolle Arbeit in den zerrütteten Familien bleibt auch für ihre Kollegen nicht ohne Folgen: So gab es in den vergangenen fünf Jahren fast 40 Personalwechsel. Derzeit sind von den 16 Stellen zwei unbesetzt, vier Mitarbeiter sind krank. „Die Situation in Prohlis ist ohne Frage angespannt“, räumt auch Marco Fiedler ein. Der Referent von Sozialbürgermeister Martin Seidel (parteilos) stellt jedoch in Aussicht, dass ab Mai zwei neue Mitarbeiter zur Verfügung stehen. „Das reicht aber noch nicht, wir brauchen mehr Leute“, so die ASD-Chefin.

Seit ihrem Amtsantritt kämpft Gitte Herzog gegen die Personalnot. Mittlerweile wird sie bei der Beratung von Eltern durch die anderen sieben Sozialdienste der Stadt unterstützt. „Trotzdem können wir hier in Prohlis nur eingeschränkt agieren.“ Darunter leidet derzeit vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen. Oberste Priorität haben nach wie vor akute Kindernotfälle. „Wir prüfen jeden gemeldeten Verdachtsfall.“ So wie den in der Prohliser Allee. Eine Mutter mit drei Kleinkindern und einem Säugling war von ihrem Mann sitzen gelassen worden. „Die Frau war körperlich am Ende“, sagt Herzog. Nun bekommt sie Hilfe vom ASD.