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Omi wird von der Straße gedrängt

Zwischen Schönborn und Lampertswalde: Als die Autofahrerin auf einer Wiese landet, kümmerte sich niemand um sie.

Auf dieser Straße zwischen Schönborn und Lampertswalde landete die Rentnerin mit ihrem Auto auf der Wiese. Sie musste einem überholenden Fahrzeug aus dem Gegenverkehr ausweichen.
Auf dieser Straße zwischen Schönborn und Lampertswalde landete die Rentnerin mit ihrem Auto auf der Wiese. Sie musste einem überholenden Fahrzeug aus dem Gegenverkehr ausweichen. © Foto: Anne Hübschmann

Lampertswalde. Zwölf Tage ist es nun her. Zwölf Tage, in denen Martha Richter* noch keine Ruhe gefunden hat. In denen die Rentnerin wieder und wieder jene Momente durchlebt, die sie nachts um den Schlaf bringen. Die durch ihre Träume geistern und sie auch dann immer beschäftigen, wenn sie allein ist, Kartoffeln schält oder im Gärtchen still vor sich hinwerkelt. Dann holt Martha Richter die Erinnerung ein und ihr Blut beginnt zu pulsieren. Sie sieht die Bilder vor sich und blickt in die weit aufgerissenen Augen jenes Mannes, von dem sie weder weiß, wie er heißt, noch, wohin er wollte. Der aber schuld daran ist, dass plötzlich nichts mehr zu sein scheint, wie es vor jenem 26. Juni gewesen ist. Ein Mann, der sie so kurz vor ihrem runden Geburtstag beinah ins Grab gebracht hätte.

Dabei wollte die Lampertswaldaerin an diesem bewussten Nachmittag doch nur nach Hause fahren. Immerhin, die Haare hatte sie nach dem Besuch des Friseurs in Thiendorf wieder schön, der Wochenendeinkauf im Supermarkt war auch erledigt, da konnte sie sich guter Dinge auf den Heimweg machen. "Aufgrund der Umleitung habe ich mir kurzzeitig überlegt, ob ich nicht den Schleichweg in Schönfeld, vorbei an der Schule, nehmen sollte. Dann aber sagte ich mir, dass das verboten ist und fuhr vorschriftsmäßig über den Schäferweg nach Schönborn, wo ich dann auf der Hauptstraße Richtung Lampertswalde einbog", beschreibt Martha Richter.

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Als sie gut die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe, wäre es schließlich passiert. Drei Pkw seien ihr da entgegen gekommen. Ob sie blau, braun oder schwarz gewesen sind, könne sie im Nachhinein nicht mehr sagen. Woran sie sich jedoch momentan mehr erinnere, als ihr lieb sei: Plötzlich wäre das wohl hinterste Fahrzeuge aus der Kolonne herausgeschossen und habe begonnen, zu überholen. Immer näher und näher sei es auf sie zugekommen. "Mir war instinktiv klar, dass er es nicht mehr schaffen würde, an den anderen Autos vorbeizuziehen, ohne mit mir zusammenzustoßen. Ich ging automatisch auf die Bremse und sah ihn direkt auf mich zurasen", erinnert sich Martha Richter und atmet tief durch.

Obgleich ihr das Reden über das schreckliche Erlebnis helfe, es zu bewältigen, falle es ihr trotzdem gleichsam schwer, in Worte zu fassen, was sie rund um die Uhr quält. Je dichter das Auto gekommen sei, um so größer sei ihre Angst gewesen. Unvermeidlich schien der direkte Zusammenstoß, ein Bewältigen des Weges seinerseits schier unmöglich. Würden sie jetzt also gleich kollidieren? Alles auf dieser Landstraße zu Ende sein, hier, einfach so? Dabei wollte sie doch nur zum Friseur und fürs Wochenende einkaufen." Mir schossen innerhalb von Sekunden die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf! Das kann man einfach gar nicht beschreiben", versucht Martha Richter zu erklären, was in ihr vorgegangen ist. 

Und dann war es schon soweit. Die Entfernung zum herannahenden Auto war in Nullkommanichts so dahingeschmolzen, dass sie nun in die schreckgeweiteten großen Augen eines schwarzhaarigen Mannes sehen konnte. Augen, die sie seitdem verfolgen. Das Letzte, woran sie sich erinnert, bevor sie das Lenkrad mit einem Ruck nach rechts herumreißt und auf die benachbarte Wiese fährt. Gut möglich, dass sie sich gleich überschlagen und schwere Verletzungen davon tragen werde - aber wenigstens nicht tot. 

Nach ein paar Minuten ist klar: Nichts von alledem passiert. Das Auto ruckelt über die glücklicherweise abgemähte Wiese und kommt irgendwann zum Stehen. Es ist alles noch einmal gutgegangen. "Als ich das realisiert habe, war ich unendlich froh und habe dem lieben Gott gedankt. Dann aber schaute ich zur Straße und konnte weit und breit keine Menschenseele entdecken", erzählt Martha Richter. Keines der dunklen Autos, erst recht nicht jenes, was sie in diese lebensbedrohliche Lage gebracht habe, sei zu sehen gewesen. Nachdem sie ein paar Mal Luft geholt hat, versucht sie, ihr Fahrzeug zu starten. Tatsächlich tut es, was es soll und findet sich wenig später auf der Straße wieder. 

Ein traumatisches Erlebnis, das der rüstigen älteren Dame nicht mehr aus dem Kopf gehen mag. Unbegreiflich sei es ihr, dass nicht eines der dunklen Pkw angehalten habe. Ihr niemand zu Hilfe eilte, als sie in letzter Sekunde auf die Wiese ausgewichen war und keinen der Fahrer die Sorge umtrieb, ob letztlich nicht doch etwas passiert ist. 

Martha Richter meldet den Vorfall ein paar Stunden später bei der Polizei und gibt zu Protokoll, was ihr widerfahren ist. Vor allem auch deshalb, um andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Nicht ungefährlich sei diese Strecke, auf der ganz gern mal aufs Gas getreten werde. So wie vor zwölf Tagen. Dem 26. Juni, an welchem hätte alles zu Ende sein können. (*Name von der Redaktion geändert)  

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