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Dresden

Automatische Organspende? Unbedingt!

Für Spenderorgane hat ein Dresdner Herzchirurg schon sein eigenes Leben riskiert. Den Gesetzentwurf, der jeden zum Spender macht, kann er nur begrüßen.

Sems Malte Tugtekin ist Oberarzt am Herzzentrum in Dresden und hat in seiner Laufbahn schon viele Spenderorgane transportiert und sich teilweise damit selbst in Gefahr gebracht.
Sems Malte Tugtekin ist Oberarzt am Herzzentrum in Dresden und hat in seiner Laufbahn schon viele Spenderorgane transportiert und sich teilweise damit selbst in Gefahr gebracht. © Sven Ellger

Mit 120 Stundenkilometern rast Sems Malte Tugtekin durch die engen Straßen Barcelonas. Er riskiert sein eigenes Leben, um ein anderes zu retten. Als sein Fahrer eine Kurve nicht bekommt und mit dem Auto gegen eine Wand kracht, sieht er sich schon im Sarg. Tugtekin überlebt und mit ihm auch seine kostbare Fracht: Ein Herz, das wenige Stunden später in der Brust eines Patienten des Dresdner Herzzentrums wieder anfängt zu schlagen.

Mehr als 20 Jahre hat der Chirurg passende Spenderherzen aus Krankenhäusern abgeholt, in denen sie hirntoten Patienten entnommen worden sind. Sein Leben hat er dabei immer wieder aufs Spiel gesetzt. Denn die Zeit ist knapp. Von dem Moment an, in dem das Herz vom Rest des Körpers getrennt und mit einer Speziallösung durchspült wird, dürfen maximal fünf Stunden vergehen, bis es im Körper des Empfängers eingesetzt wird. Dauert es länger, nimmt es Schaden oder fängt erst gar nicht mehr an zu schlagen. „Dann sterben gleich zwei Menschen sinnlos. Der Spender und der Empfänger“, sagt er. 

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Auf den Ärzten lastet ob dieser Verantwortung ein unglaublicher Druck. Schließlich ist die Zahl der Spenderorgane gering und war zuletzt jahrelang sogar noch rückläufig – keines darf verschwendet werden. Laut Oberarzt Tugtekin erhalten von zehn Patienten, die auf ein Spenderherz warten, tatsächlich nur vier bis sechs die positive Nachricht. Die anderen sterben.

In solchen Transportboxen werden Spenderorgane zum Krankenhaus geliefert. (Symbolfoto)
In solchen Transportboxen werden Spenderorgane zum Krankenhaus geliefert. (Symbolfoto) © Jens Kalaene/ZB/dpa

Deshalb befürwortet Tugtekin ganz klar den Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der vorsieht, jeden Erwachsenen automatisch zum Organspender zu machen, wenn er nicht widerspricht. In Spanien wird dieses System ihm zufolge mittlerweile erfolgreich praktiziert. Angst davor, dass jemand zum Spender wird, wenn er und seine Familie das partout nicht wollen, müsse niemand haben. „Man wird das nicht gegen den Willen der Angehörigen machen“, sagt Tugtekin.

Er wünscht sich aber, dass die Spenderzahlen wieder deutlicher steigen. Vergangenes Jahr wurden laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation deutschlandweit 955 Organe gespendet. Das bedeutet ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Denn je mehr Organe hirntoter Patienten zur Verfügung stehen, desto mehr Kranken kann natürlich geholfen werden. Außerdem verkürzen sich damit vermutlich auch die Wege, die zurückgelegt werden müssen. „Am besten für uns ist tatsächlich, wenn wir ein Herz aus dem Uniklinikum zugesprochen bekommen. Dann müssen wir mit der Styroporbox nur über den Hof laufen“, sagt Tugtekin. 

Oft genug hat der heute 51-Jährige die Box jedoch geschnappt und ist zum Flughafen gefahren. Sieben Minuten war der Rekord bis dahin. „Dieses Blaulicht setzt unglaubliche Kräfte frei.“ Andere Autos weichen aus, die Fahrer treten das Gaspedal bis Anschlag durch, holpern über Schienen und Schwellen.

In seinen ersten Jahren ist Tugtekin quasi nächtlich angerufen worden, weil Spenderherzen zur Verfügung standen. Dann galt es abzugleichen, ob das Organ wirklich gut auf den potenziellen Empfänger passt und ob der überhaupt gerade gesund und bereit für die Transplantation ist. Oft genug musste der Oberarzt ablehnen, auch weil die Distanzen zu groß waren. Das Telefon hatte er damals quasi rund um die Uhr am Körper.

Wenn die Entscheidung für eine Transplantation fällt, setzt sich ein komplexer Organisationsapparat in Bewegung. Früher hat Tugtekin selbst noch Fahrer und Fahrzeuge organisiert, Flugzeuge für 20.000 Euro gechartert, das Organ geholt und manchmal in Dresden sogar noch eigenhändig eingesetzt.

Spenderorgane werden vor allem nachts entnommen, da dann die OP-Säle in den Krankenhäusern frei sind.
Spenderorgane werden vor allem nachts entnommen, da dann die OP-Säle in den Krankenhäusern frei sind. © dpa/Maurizio Gambarini

Vom Anruf bis zum Abschluss der Transplantation vergehen auch heute noch etwa zwölf bis 13 Stunden unter Dauerstrom. Denn oft kommen die Anrufe in der Nacht, weil nachts auch die Spenderorgane entnommen werden. „Dann sind die OP-Säle frei. Für die Krankenhäuser würde es einen finanziellen Verlust bedeuten, wenn sie die Organe tagsüber entnehmen müssten.“ Oft genug hat sich Tugtekin mit Flughäfen darüber gestritten, dass er nachts starten und landen darf. Aber der Vorwurf, ein Menschenleben zu gefährden, versetze Berge. In Deutschland ist er oft genug auch mit dem Hubschrauber geflogen, bei Regen und Sturm, inklusive Notlandung. „Dafür muss man jung sein. Heute würde ich das so auch nicht mehr machen.“

Mittlerweile übernimmt die Deutsche Stiftung Organtransplantation den organisatorischen Part. Die Ärzte müssen „nur noch“ das Herz entfernen und rechtzeitig an den verabredeten Treffpunkten sein. Zum Prozess gehört es, dass das Herz des hirntoten Patienten noch beim Schlagen beobachtet und selbst entfernt wird. Sollte später etwas nicht funktionieren, gibt es keine Vorwürfe an Kollegen. „Wenn das Herz draußen ist, kriegt das Team in Dresden ein Zeichen, das dann entsprechend den Patienten vorbereitet.“ 

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Wenn das Herz in der Styroporbox in den OP gebracht wird, ist der Patient schon an die Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und der Brustkorb geöffnet. Die Anspannung nach einem solchen Tag falle erst ab, wenn das neue Herz plötzlich wieder anfängt zu schlagen. „Aber eigentlich erst so richtig, wenn die Patienten das Haus verlassen und irgendwann aus der Kur eine Postkarte schreiben.“ Was die Beteiligten für den Transport des Organs auf sich nehmen, wüssten die Patienten oft nicht – und würden es leider auch oft nicht schätzen.

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