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Görlitz

Autozündlerin muss zur Entziehung

Das Amtsgericht hat die Görlitzerin, die vergangenes Jahr vier Autos in Weinhübel anzündete, ohne Bewährung verurteilt. Die Taten sind auch Folge traumatischer Erlebnisse. 

Die Brandstifterin auf dem Weg in den Gerichtssaal. Den gesamten Donnerstag verhandelte das Amtsgericht den Fall der Görlitzerin. Sie hatte die meisten Taten zugegeben.
Die Brandstifterin auf dem Weg in den Gerichtssaal. Den gesamten Donnerstag verhandelte das Amtsgericht den Fall der Görlitzerin. Sie hatte die meisten Taten zugegeben. © Danilo Dittrich

Für die betroffenen Autofahrer ist es wohl nur ein schwacher Trost. „Ich entschuldige mich bei den betroffenen Fahrzeugebesitzern. Ich weiß, wie lange es dauert, bis man ein Auto zusammengespart hat“, sagt sie, kurz bevor das Urteil am hiesigen Amtsgericht fällt. Die Görlitzerin zündete im vergangenen Jahr vier Autos im Stadtgebiet an. Sie gibt alle Anschuldigungen zu, weder sie, noch die Verteidigung, noch die Staatsanwaltschaft wollen das Urteil anfechten. Damit ist es, wie es so schön heißt, rechtskräftig.

Was treibt eine junge Frau dazu, Fahrzeuge mit Grillanzünder, den sie mal auf die vorderen, mal auf die hinteren Reifen legte, abzufackeln? Dieser Frage geht das Amtsgericht am Donnerstag nach. Zwischen Mitte Mai und Anfang November 2018 hatte die Frau unter anderem in Rauschwalde zugeschlagen. Nur in Weinhübel, in einem Fall, bei dem gleich zwei Autos brannten, der konnte ihr nicht nachgewiesen werden, den bestritt sie auch. „Sie war an dem betreffenden Wochenende bei unserer Familie“, sagt ihre Mutter, die außerhalb von Görlitz wohnt, und verschafft der Angeklagten damit ein Alibi.

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Eigentlich scheint der Fall klar zu sein. Dann allerdings verschafft ein Gutachter, Oberarzt und Psychiater am Sächsischen Fachkrankenhaus Großschweidnitz, den Beteiligten einen ganz anderen Blick darauf. Er bescheinigt der Angeklagten unter anderem eine postraumatische Belastungsstörung. Die geht offenbar auf einen sexuellen Missbrauch als Teenager durch eine flüchtige Internetbekanntschaft zurück. Was genau im Detail passierte, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Das Gericht schließt das Publikum aus, als die Angeklagte über Privates, Intimes redet. So viel steht allerdings fest: Mit ihren jungen Jahren hat die Görlitzerin Einiges durchgemacht, Ausbildungen vorzeitig geschmissen, ebenso ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ), hatte viele Bekanntschaften, die fast nie lange hielten, bekam eine Tochter, war oft im Krankenhaus wegen physischer aber auch psychischer Probleme. Und: Sie ist medikamentenabhängig in Kombination mit Alkohol. Die erste Erfahrung hatte sie wohl mit Schmerzmittel, die sie damals bekam und die heute nicht mehr angewendet werden, wie der Gutachter sagt. Beim FSJ in Dresden kam sie an härtere Sachen heran. „Darunter befinden sich Opiate, auch Mittel, die man Patienten im finalen Stadium einer Erkrankung gibt“, sagt der Psychiater. Er diagnostiziert eine Persönlichkeitsveränderung. Die Staatsanwältin formuliert es in ihrem Abschlusswort so: „Durch die Taten, das Abbrennen der Autos, wollte die Angeklagte Druck abbauen, der sich aufgestaut hatte.“ Die Taten an sich seien klar. Zwischen 11 700 Euro und 500 Euro sind die abgebrannten Autos wert, von Mercedes bis Honda. Anfangs will sich die Angeklagte vor Gericht nicht selbst äußern, lässt einen ihrer Anwälte sprechen. An die Taten habe sie nur bruchstückhafte Erinnerungen, weiß aber, dass sie sie begangen hat, sagt er. Jeweils davor habe die Angeklagte einen Medikamentencocktail zu sich genommen.

Wie sehr sich die Persönlichkeit der jungen Frau veränderte, bekam auch die Polizei zu spüren. Die hatte die Angeklagte immer wieder angerufen, wollte Aussagen machen, zunächst als Zeugin, später als Beschuldigte. „In einer der Vernehmungen fragte sie, ob sie eine Tablette gegen Kopfschmerzen nehmen könnte. Dann nahm sie plötzlich mehrere hintereinander, wir konnten gar nicht so schnell reagieren“, so der Mann von der Kripo.

Die Vernehmung war damit vorbei, die Görlitzerin kam ins Krankenhaus, aus dem sie davonlief. Später wollte die Frau eine weitere Aussage machen. Als der Polizist diese wegen Terminschwierigkeiten verschieben wollte, bekam er eine SMS auf das Diensttelefon: „Scheißdrecksbulle, geh an Dein Handy“. Ansonsten sei er für das nächste Feuer verantwortlich. Zwar machte die Kripo daraufhin die Vernehmung schnell möglich, es brannte dennoch. Für diese Beleidigung und Nötigung kassiert die Angeklagte gestern noch eine Geldstrafe. Sie entschuldigte sich bei dem Beamten, der als Zeuge aussagt.

Zwei Jahre kassiert die Görlitzerin am Ende, ohne Bewährung und nicht im Gefängnis. Sie muss jetzt in eine Entziehungsanstalt. „Im Maßregelvollzug schaffen sie es, von den Medikamenten loszukommen“, sagt Richter Ulrich von Küster. Eine Bewährungsstrafe schließt er jedoch aus: Das wäre eine latente Gefährdung für die Autos in der Stadt.“ Und: Die Verurteilte bleibt bis zur Entziehung in Haft in Chemnitz. Dort sitzt sie bereits sein Anfang November.

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