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Azubis sind für Schüler da

Sebnitz. Eine einzigartige Bildungspartnerschaft bringt die Schule den Unternehmen näher – und umgekehrt.

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Von János Joó

Schüler, die vergeblich einen Ausbildungsplatz suchen und Firmen, denen die passenden Bewerber fehlen sind Realität in Deutschland. Dass es auch anders gehen kann, zeigt sich, wenn Schulen und Unternehmen zusammenarbeiten. Wie sich so eine Kooperation entwickeln kann, beweisen in Sebnitz die Mittelschule „Am Knöchel“ und die Robert Bosch Elektrowerkzeuge GmbH. Den Grundstock legte schon im Jahr 2000 ein engagierter Lehrmeister bei Bosch, der gern mehr Sebnitzer Lehrlinge ausbilden wollte, und dessen Frau an der Mittelschule unterrichtete. Eine Beziehung, die sich über die Jahre vertiefte: Mittlerweile besteht ein über das Regionalschulamt geschlossener Kooperationsvertrag zwischen der Schule und dem Unternehmen, der ständig ergänzt und weiterentwickelt wird.

Vertrag Schule–Unternehmen

„Jeder Betrieb ist gut beraten, sich an solchen Projkten zu beteiligen, denn spätestens in zwei Jahren wird es eng“, sagt Schulleiter Jörg Hubert und bezihet sich auf den erwarteten Mangel an Lehrlingen. Doch auch für den Schulalltag sieht er handfeste Vorteile: „Man kann nicht genug machen, um die Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten, und so werden sie auch motiviert, etwas für die Schule zu tun.“ Keine leeren Worte, wie sich bei einer Exkursion von 42 Neuntklässlern in das Sebnitzer Bosch-Werk zeigt. „Steht bei Mathe, Physik und Deutsch eine Vier, kann die Bewerbung nicht berücksichtigt werden“, sagt Personalleiterin Christine Neumann den Schülern ehrlich.

Doch das ist nur ein Hinweis am Rande, denn den Großteil der Führung gestalten die Bosch-Azubis selbst. Freies Sprechen gehört hier fest zur Ausbildung, und das ist nicht nur eine prima Vorbereitung auf die mündliche Berufsschulprüfung. So sitzen die Schüler im Halbkreis vor der 20-jährigen Joana Führer aus Goßdorf, die ihr zweites Lehrjahr absolviert. Wenn sie vom Bewerben oder dem Eignungstest spricht, tut sie das aus eigener Erfahrung und mit eigenen Worten. Bei den Schülern kommt das gut an. „Das aufgeschlossene Verhältnis, nette Meister in der Lehrwerkstatt und das Gefühl, nicht als die Neue behandelt zu werden“, zählt sie einige Dinge auf, die sie beim Übergang von der Schule zur Berufswelt positiv überrascht haben.

Schwerer fiel ihr das Handwerkliche. „Ein halbes Jahr richtig feilen zu üben war schon ganz schön hart“, sagt sie lachend. Unter anderem dabei lassen sich die Lehrlinge in der hauseigenen Lehrwerkstatt über die Schulter schauen. Während andere still beobachten, fachsimpelt Realschüler Robert Burkert schon mit einem der Azubis über eine der Maschinen. „Das interessiert mich schon, aber ich bin leider handwerklich nicht so begabt“, sagt er, während Azubi Torsten Forkert die Gruppe übernimmt und durch Werkzeugbau, Erprobungsgelände und Warenlager führt. „Den Beruf besser kennenlernen, den Betrieb und was hier gemacht wird“, hat Schülerin Vivian Rußig von dem Ausflug erwartet. Ihr gefällt das Klima zwischen den Mitarbeitern.

Auch Lehrer lernen dazu

„Einige Azubis kennt man noch“, sagt Mitschülerin Christin Schoknecht. „Viele waren ja an unserer Mittelschule, und sie reden halt verständlicher als Erwachsene!“

Auch wenn natürlich nicht jeder hier seinen Traumberuf finden wird; bei der Suche sind Angebote wie die von Bosch eine echte Hilfe. Zumal auch die Möglichkeit dazu kommt, hier das Schülerpraktikum zu absolvieren. „Es gibt bei uns auch das Novum, dass Schüler in der 10. Klasse nochmal eine Woche ins Praktikum gehen können“, sagt Schulleiter Hubert. Eine dabei erstellte Praktikumsmappe wird bewertet, und vom Unternehmen gibt es eine Beurteilung und ein Zertifikat über die Teilnahme. Weitere Schritte sind bereits angedacht. Beim Projekt „Technik eröffnet Perspektiven“ arbeiten schon jetzt zahlreiche Unternehmen daran, die Jugend mehr als bisher in ihre Planungen einzubeziehen. „Wir wollen den Vertrag in eine Bildungspartnerschaft erweitern“, sagt auch Christine Neumann von Bosch. Dann werden zum Beispiel die WTH-Lehrer, die an der Mittelschule das Fach Wirtschaft-Technik-Haushalt unterrichten, direkt mit dem Unternehmen die Unterrichtsinhalte absprechen.