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"An Sinnlosigkeit nicht zu überbieten"

Die Reaktionen der Bevölkerung auf den am 15. Juli gestarteten Verkehrsversuch auf dem Zittauer Stadtring reichen von Kopfschütteln bis Wut.

Auf der Kreuzung Stadtring/Klieneberger Platz in Zittau wird derzeit getestet, wie sich Unfälle vermeiden lassen.
Auf der Kreuzung Stadtring/Klieneberger Platz in Zittau wird derzeit getestet, wie sich Unfälle vermeiden lassen. © Matthias Weber/photoweber.de

Das Unverständnis und die Aufregung sind groß: Die Autofahrer lassen seit dem Start am 15. Juli kein gutes Haar an dem Verkehrsversuch auf der Kreuzung Klienebergerplatz/Stadtring. Bei Facebook brechen sich die Emotionen Bahn: "An Sinnlosigkeit nicht zu überbieten", "Die Kreuzung ist jetzt dermaßen unübersichtlich, wer das sich ausgedacht hat, man kann nur mit dem Kopf schütteln." "Unfälle vorprogrammiert!!!!", "Völlig planlose Aktion ..... gefährlicher gehts ja kaum noch an dieser Stelle" ... Zwei, die im sozialen Netz mitdiskutiert haben, sind Uwe Beyer und Ralf Leßmann aus Zittau - allerdings deutlich sachlicher als viele andere. Das sind ihre Argumente, die sie der SZ bei einem Vor-Ort-Termin darlegten: 

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  • 1. Der Stadtring wird gegenüber den Nebenstraßen benachteiligt: Auf dem Ring fahren viel mehr Autos als auf der Frauenstraße und auf der Rosa-Luxemburg-Straße Richtung Frauenstraße. Ihnen wird eine Spur entzogen.
  • 2. Im Berufsverkehr kommt es zu Verzögerungen: Wegen der fehlenden Fahrspur kommt es auf der Frauenstraße und der Rosa-Luxemburg-Straße zum Rückstau bei der Einfahrt auf den Ring oder der Überquerung.
  • 3. Die Kreuzung ist unübersichtlicher geworden: Zwar ist das Ziel, dass die aus der Frauenstraße kommenden Fahrer den Ring besser einsehen können, erreicht. Aber insgesamt ist die Situation auf der Kreuzung - zumindest gefühlt - unübersichtlicher.
  • 4. Unklare Vorfahrtssituation: Einen Grund für erneute Unfälle sehen die beiden in der unklaren Vorfahrtssituation. Der eine meint, dass die Autofahrer, die von der Frauenstraße nach links auf den Ring biegen, Vorfahrt vor den aus der Rosa-Luxemburg-Straße kommenden haben. Sie sind bereits auf dem Ring und damit auf der Hauptstraße, bevor sie die Einmündung der Luxemburg-Straße erreichen. Der andere sagt, dass der gesamte Platz als Gesamtkreuzung betrachtet werden muss. Demnach hätten die Autos, die aus der Luxemburg-Straße als Rechtsabbieger auf den Ring fahren, Vorfahrt. Die Polizei stellt klar: "Zwischen der Ausfahrt aus der Frauenstraße und dem Punkt, an dem Fahrzeuge aus der Rosa-Luxemburg-Straße auf den Theaterring fahren, liegen über 20 Meter. Selbst ein Lkw oder ein Bus hat hier die neue Fahrlinie auf der Vorrangstraße eingenommen und annähernd die Geschwindigkeit des Verkehrs auf dieser Straße erreicht. Der § 9 Abs.3 StVO trifft hier nicht mehr zu. Fahrzeuge aus der Rosa-Luxemburg-Straße haben also diesen wie auch allen anderen auf der Vorrangstraße B 96 Fahrenden nach § 8 Abs. 1 Nr.1 StVO Vorrang zu gewähren. Diese Regelung bestand an dieser Stelle so bereits vor dem Beginn des Verkehrsversuches und hat sich nicht verändert."

Die beiden haben auch Vorschläge für Alternativen, die vor allem den Autoverkehr im Blick haben: 

  • 1. Kreisverkehr: Zwar hat auch ein Kreisverkehr Nachteile wie die Verzögerung des Verkehrs auf dem Stadtring. Aber er wäre übersichtlich und die Regeln klar.
  • 2. Frauenstraße zur Einbahnstraße mit Fahrtrichtung Neustadt machen: Damit würde zumindest das Unfallrisiko mit aus der Frauenstraße auf den Ring einbiegenden oder ihn überquerenden Autos vermieden. Die zweite Ringspur könnte wieder geöffnet werden. Aus der Innenstadt ausfahren müssten die Autos dann zum Beispiel über die Kloster- oder die Ludwigstraße.
  • 3. Frauenstraße zur Einbahnstraße mit Fahrtrichtung Klienebergerplatz machen: Die Einfahrt aus Richtung Ring und Rosa-Luxemburg-Straße wäre damit unmöglich. Wenn aus zwei Richtungen keine Autos mehr kommen, wäre die Unfallgefahr minimiert. Die zweite Ringspur könnte wieder geöffnet werden. Einfahren in die Innenstadt müssten die Autos dann zum Beispiel über die Ludwigs- und die Pfarrstraße. 
  • 4. Linksabbiegen in der Frauenstraße verbieten: Wenn die Autos aus der Frauenstraße nicht mehr auf den Ring abbiegen dürfen, wäre eine Unfallursache abgeschafft.

Von offizieller Seite gibt es 14 Tage nach dem Start des Tests noch keine Einschätzung der Lage.  "Zwei Wochen sind zu kurz, um die neue Verkehrsführung zu bewerten", teilt  Katharina Korch, Pressesprecherin der Polizei auf Anfrage mit. "Dazu ist ein längerer Betrachtungszeitraum notwendig." Bisher seien keine deutlichen Störungen im Verkehrsfluss aufgetreten. Die oftmals durch Verkehrsteilnehmer geäußerten negativen Meinungen seien aber nachvollziehbar. "Denn aus Sicht des bisher zügig und zweispurig verkehrenden Vorrangstraßenbenutzers wird eine Verschlechterung der Verkehrsqualität empfunden", so die Sprecherin. "Hier muss jedoch der Verkehrssicherheit der Vorrang gegeben werden. Mitunter sind dazu auch Versuche notwendig, ehe man einen Knoten umgestaltet." Die zuständige Expertin der Stadtverwaltung ist im Urlaub.

Tatsächlich hat es in den 14 Tagen seit Beginn des Versuchs keine Unfälle auf der Kreuzung gegeben. "Da es sich um eine Maßnahme zur Bekämpfung einer Unfallhäufungsstelle handelt, wird die Unfallsituation fortlaufend und mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt", so Katharina Korch von der Polizei am Montag.

Die Anordnung des Verkehrsversuchs.
Die Anordnung des Verkehrsversuchs. ©  SZ-Grafik

Der Verkehrsversuch soll maximal ein Jahr dauern. Sollten bereits während dieser Zeit Probleme entstehen, wollen die Stadt und die anderen Mitglieder der Verkehrsunfallkommission reagieren, notfalls den Versuch sogar abbrechen. "Sicher ist die Verwendung der Sicherungselemente nicht die optimalste Variante", so die Polizeisprecherin. "Ein straßenbaulicher Umbau während einer Versuchsphase wäre jedoch finanziell nicht vertretbar." Ursprünglich hatte sich die Kommission mal für den Umbau der Kreuzung zu einem Kreisel ausgesprochen.

Auch Heike Kubiak, Verkehrsexpertin der Stadtverwaltung, sind die Nachteile schon vor dem Start klar gewesen: "Die Leistungsfähigkeit des Rings wird beeinträchtigt." Außerdem könnte es gerade im Berufsverkehr passieren, dass Autos an der Kreuzung länger warten müssen, bis sie auf die verbliebene Ringspur biegen können.

Sollte die Unfallkommission nach dem Test zu dem Schluss kommen, dass er erfolgreich war und die Kreuzung sicherer geworden ist, wird aus dem Versuch eine Dauerlösung.

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Der Versuch ist angeschoben worden, weil die Kreuzung in den vergangenen Jahren ein Unfallschwerpunkt war. Allein 2017 knallte es dort elf Mal. "Somit bestand dringender Handlungsbedarf", so die Polizeisprecherin. Auf Basis der Analyse der Unfälle entschloss sich die Kommission nach Polizeiangaben "die Vorfahrtssituation für auf den Ring auffahrende Fahrzeuge aus der Frauenstraße und aus Richtung Rosa-Luxemburg-Straße in Richtung Frauenstraße zu verbessern".  Berücksichtigt worden seien dabei den Ring kreuzende Radfahrer und Fußgänger, da sich die Autos nur noch in einer Spur der häufigsten Querungsstelle an der westlichen Seite der Frauenstraße nähern.

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