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Baby Sommer trifft Wolf Biermann

Die beiden haben gemeinsame Projekte. Dass sogar Kanzlerin Angela Merkel seine Musik hört, wissen die wenigsten.

© Norbert Millauer

Von Karin Domann

Vorige Woche traf sich Günter Baby Sommer in Hamburg mit dem Liedersänger Wolf Biermann. Es ging um ein gemeinsames Projekt anlässlich des 25. Jahrestags des Mauerfalls. Gemeinsam mit seinen Musikerfreunden Conny Bauer, Ludwig Petrowski und Ulrich Gumpert bildet die Radebeuler Jazzlegende seit über 40 Jahren das Zentralquartett. „Zu DDR-Zeiten galten wir als Revoluzzer und subversive Elemente“, erzählt Sommer vergnügt. Moderner Free Jazz, wie ihn Sommer und seine Freunde zelebrieren, war für die DDR-Oberen eine fremde, unverständliche Musikrichtung und daher zutiefst suspekt.

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Sommer, Sonne, Sonnenschutz
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Ein sonniger Tag tut Körper und Geist gut. Doch ob auf dem Balkon, im Garten oder am Wasser: Hautschutz ist dabei unerlässlich.

Genau diese Andersartigkeit führte jetzt Wolf Biermann und Baby Sommer musikalisch zusammen. Den Stasi-Hasser und jenen, der sich Stasi-Vorwürfen ausgesetzt sah, die allerdings vom Land Sachsen überprüft und als nicht belastende Kontakte festgestellt worden sind. „Sowohl Biermann als auch wir Jungs vom Zentralquartett stehen exemplarisch für eine Gruppe von DDR-Bürgern, die durch ihr Handeln einen Beitrag zum späteren Mauerfall geleistet haben“, sagt Sommer.

Mit Musikeinflüssen und deren Auswirkungen setzt er sich schon in früher Jugend kritisch auseinander. Ende 1960 wollte der Musiker, dessen Markenzeichen individuelle und unverwechselbare Drums sind, ein Zeichen gegen die übermächtigen amerikanischen Vorbilder setzen und den europäischen Jazz emanzipieren. Da hatte er aber die Rechnung ohne den Trompeter Klaus Lenz gemacht. „Der war richtig entsetzt über mein anmaßendes Treiben“, erinnert sich Sommer schmunzelnd. Klaus fragte mich ziemlich wütend, ob ich alles noch mal neu erfinden wolle wie Baby Dodds. Ein anderer Musikerkollege, der dem verbalen Schlagabtausch amüsiert gefolgt war, meinte: „Das ist nicht Baby Dodds, das ist Baby Sommer!“ So kam der Jazzer zu seinem Künstlernamen. Baby Dodds übrigens gilt als der innovativste Schlagzeuger der Jazzgeschichte. In den Zwanziger Jahren mischte er mit Louis Armstrong ganz New Orleans auf.

An Baby Sommers kritischer Haltung gegenüber gesellschaftlichen und kulturellen Tendenzen hat sich bis heute nichts geändert. Das erfuhr auch Angela Merkel, die der Jazzmusiker vor einem Jahr erstmals persönlich traf. Schnell war er mit der Kanzlerin in ein Gespräch über Griechenland verwickelt, welches damals Europas Sorgenkind Nummer 1 war. Beide waren sich einig, dass den populistischen Vorbehalten gegenüber der griechischen Bevölkerung Einhalt etwas entgegengesetzt werden müsse. Bei einem zweiten Zusammentreffen berichtete Angela Merkel ihm, dass sie ihrem griechischen Amtskollegen Baby Sommers CD „Songs for Kommeno“ als Gastgeschenk mitgebracht habe. Mit den 2012 erschienen „Songs for Kommeno“ thematisierte der Musiker das von der deutschen Wehrmacht 1943 verübte Massaker in dem griechischen Dorf Kommeno.

Baby Sommer wäre nicht bekennender Radebeuler, wenn er keine Meinung zur Kulturszene seines Heimatortes hätte. Auch hier findet er klare Worte: „Ich bedauere sehr, dass keine der alten Kultur- und Vergnügungsstätten wie die ehemalige Völkerfreundschaft, das AWD-Klubhaus und die Meierei nicht in die neue Zeit hinein gerettet wurden.“ Auch dafür, dass es in Radebeul kein einziges Kino mehr gibt, hat Sommer kein Verständnis.

„Denken Sie aber bitte nicht, dass ich ein notorischer Nörgler bin“, schickt er hinterher. Dass sich Radebeul eine eigene Stadtgalerie leistet, einen jährlichen Kulturpreis auslobt und mehrere großartige Feste im Jahr organisiert, findet er richtig gut. Und möglicherweise schaut demnächst Wolf Biermann vorbei, wenn sie gemeinsam mit ihrem Mauerfall-Projekt in Dresden auftreten. Baby Sommer weiß schon, was er ihm in seiner Heimatstadt Radebeul zeigen wird.