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Babys in Deutschland dürfen länger an die Brust

Warum trotzdem viele Frauen nach kurzer Zeit das Stillen aufgeben – und was ihnen helfen könnte, zeigt eine Studie.

Krankenhaus Friedrichstadt, Brustschwester, Mutter mit Baby
Annett Seidel stillt ihren kleinen Vico. Er ist ihr zweites Kind und wurde am Montag geboren. "Ich will ihn möglichst lange stillen. Die Schwestern haben mir am Anfang dabei sehr geholfen", sagt
Krankenhaus Friedrichstadt, Brustschwester, Mutter mit Baby Annett Seidel stillt ihren kleinen Vico. Er ist ihr zweites Kind und wurde am Montag geboren. "Ich will ihn möglichst lange stillen. Die Schwestern haben mir am Anfang dabei sehr geholfen", sagt © Steffen Füssel (Symbolfoto)

Es gibt kaum ein friedvolleres Bild, als eine Mutter, die ihr Kind stillt, sich ihm liebevoll zuwendet, sacht über das Köpfchen streichelt. Anfangs ist vielen Frauen dabei allerdings nicht nach Lächeln zumute: Die Brüste tun weh, die Warzen sind wund, aber trotzdem wird das Kind gefühlt nicht satt und schreit. Durch Schmerzen und Versagensängste bleibt bei etlichen vom Idealbild innerhalb kürzester Zeit nicht mehr viel übrig – und sie geben auf.

Wie lange Mütter in Deutschland stillen, wann und warum sie damit aufhören und was ihnen helfen könnte, damit sie ihrem Baby weiter die Brust geben, hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung jetzt in der „Studie zur Erhebung von Daten zum Stillen und zur Säuglingsernährung“ (SuSe) untersuchen lassen. „Wir haben dafür bundesweit 966 Mütter aus 109 Geburtskliniken befragt“, sagt Studienleiterin Mathilde Kersting vom Forschungsdepartment für Kinderernährung der Universitätskinderklinik Bochum. 

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Darunter waren 40 sächsische Frauen und sechs Kliniken im Freistaat. Befragt wurde online zwei Wochen, sowie zwei, vier, sechs und zwölf Monate nach der Geburt. Die Ergebnisse haben die Forscher mit Daten einer Vorgängerstudie verglichen, die vor 20 Jahren erhoben worden waren.

Wie lange stillen Mütter ihre Babys?

82 Prozent der teilnehmenden Mütter haben ihre Kinder gestillt. „Diese Quote ist erfreulich hoch“, sagt Kersting. 72 Prozent der Neugeborenen sind innerhalb der ersten Stunde nach ihrer Geburt angelegt worden. Dieser zeitige Hautkontakt ist besonders wichtig für die Bindung. Selbst nach einem Kaiserschnitt haben das die Kliniken 54 Prozent der Mütter und Babys ermöglicht. Die Daten zeigen, dass zwei Wochen nach der Geburt knapp 72 Prozent der Mütter ihr Kind voll stillen, nach vier Monaten noch 56 Prozent. In der Vorstudie vor 20 Jahren waren es 45 Prozent. 

Und selbst zum Ende des ersten Lebensjahres dürfen jetzt 41 Prozent der Kinder noch an die Brust. Bei der ersten Studie waren es im Vergleich dazu nur 13 Prozent. Allerdings haben überproportional viele stillfreundliche Kliniken an der Studie teilgenommen. „Anders als in Kliniken ohne Zertifikat ist deren Personal speziell geschult, es gibt zusätzliche Stillberater. Das verzerrt das Ergebnis deutlich“, kritisiert Lysann Redeker, Stillberaterin des Sächsischen Hebammenverbandes.

Dennoch sind 86 Prozent der Mütter mit der Betreuung durch Ärzte, Hebammen und Pflegepersonal in den sächsischen Geburtskliniken so zufrieden, dass sie sie weiterempfehlen. Barmer, AOK und KKH hatten dafür 15.800 Frauen befragt.

Warum ist das Stillen gut?

Fett, Eiweiß, Kohlenhydrate, dazu Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente – die Muttermilch enthält alles, was das Baby in den ersten Lebensmonaten braucht. „Stillen ist die natürliche und beste Form der Säuglingsernährung“, sagt Kersting. Gestillte Babys leiden seltener an Infekten der unteren Atemwege oder des Magen-Darm-Traktes, sie haben weniger Mittelohrentzündungen und sterben seltener am plötzlichen Kindstod. Langfristig könne das Stillen selbst chronischen Krankheiten, wie Adipositas oder Diabetes, vorbeugen.

Auch für die Mutter ist es gut, wenn sie ihrem Baby die Brust gibt. „Es beschleunigt die Rückbildung des Uterus und reduziert das Risiko, an Brust- oder Ovarialkrebs zu erkranken“, sagt die Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes, Stephanie Hahn-Schaffarczyk. Auch auf Bluthochdruck oder rheumatische Arthritis wirke es sich positiv aus. Außerdem ist es praktisch, weil die Nahrung nicht aufwendig zubereitet werden muss, wenn das Baby Hunger hat. Sie ist in der perfekten Temperatur und der richtigen Mischung natürlich vorhanden. 

Ärzte und Ernährungswissenschaftler raten deshalb dazu, dass Säuglinge in den ersten vier bis sechs Lebensmonaten voll gestillt werden. Und selbst, wenn den Kindern frühestens ab dem fünften Monat Brei zugefüttert wird, sollten sie weiterhin Muttermilch bekommen – laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sogar bis zum zweiten Geburtstag, wenn Mutter und Kind das so möchten.

Warum stillen mehr Mütter als früher?

Die Gesellschaft ist liberaler geworden, sagt Hebamme Lysann Redeker. Dass Mütter ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen, gehöre heute vielerorts ins Stadtbild. „Es ist selbstverständlicher geworden“, sagt Studienleiterin Kersting. Sie führt das auch darauf zurück, dass mehr Krankenhäuser den Empfehlungen zur Stillförderung nachkommen und den Müttern bessere Rahmenbedingungen schaffen. Trotzdem sei „noch Luft nach oben“. So gewähren 64 Prozent praktische Stillhilfe, 73 Prozent haben eine Stillbeauftragte und 98,2 Prozent ermöglichen es den Müttern, nach Bedarf zu stillen. 

Sie halten sie dazu an, ihr Neugeborenes mindestens acht- bis zehnmal innerhalb von 24 Stunden anzulegen. Einen festgelegten Zeitplan geben dafür lediglich 1,8 Prozent der Kliniken vor. Das alte Dogma, aller vier Stunden stillen zu müssen, gibt es nicht mehr. In 95 Prozent der Krankenhäuser können Mutter und Kind Tag und Nacht beieinander sein. Diese Form des Rooming-ins haben vor 20 Jahren nur zehn Prozent der Kliniken angeboten.

Warum halten viele nicht lange durch?

Fast alle Frischentbundenen haben versucht, ihrem Kind die Brust zu geben. Nur 3,4 Prozent der Mütter in der Studie lehnten das generell ab. Mütter, die innerhalb der ersten vier Monate abgestillt hatten, gaben an, dass die Milch für das Kind nicht mehr ausreichte, sie Probleme mit der Brust oder den Brustwarzen hatten, dass das Kind die Brust verweigerte, das Stillen zu sehr an den eigenen Kräften zehrte oder dass sie sich zu Hause zu stark durch Haushalt und Familie beansprucht gefühlt hatten. Dennoch stillten die meisten erst im zweiten Lebenshalbjahr ihres Kindes ab.

Ob eine Mutter erfolgreich stillt, entscheidet sich vielfach in den ersten Tagen nach der Entbindung. Gerade dann sei eine richtige Betreuung durch qualifiziertes Personal wichtig, so Kersting. „Aber die Liegedauer in den Krankenhäusern ist in den letzten 20 Jahren von fünf auf 3,5 Tage nach der Entbindung zurückgegangen“, sagt sie. Krankenhäuser sollten daher bei der Entlassung die Mütter über Stilltreffs und Stillhilfen in der Umgebung informieren. Auch Redeker kritisiert die kurze Liegedauer. Oft sei das Hauptproblem, dass die Kleinen von der Geburt so geschafft seien, dass sie zu wenig trinken. 

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Um die Milchbildung anzuregen, müssten die Frauen ihre Brüste dann ausstreichen. „Wir zeigen ihnen, wie das geht, wie sie die Milch auf einem Löffel füttern und wie sie das Kind richtig anlegen, damit die Warzen nicht wund werden“, sagt sie. Das dauere keine 30 Minuten, könne aber darüber entscheiden, ob das Baby gestillt wird oder nicht.

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