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Bad Schandau präsentiert sich als Wiege des Felskletterns

Zum Jubiläum werden Erinnerungen wach – und der Nationalpark hat einen Wunsch.

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Von Gunnar Klehm

Für Joachim Schindler ist es ein bewegender Tag. Der gebürtige Neustädter hat viele Erinnerungen an den Falkenstein. Jetzt sitzt er am Fuße des Felsens im Schrammsteingebiet bei Bad Schandau und schaut seinen Freunden zu, wie sie sich auf den Felsen quälen. „Für mich ist das nichts mehr. Die Gesundheit lässt das Klettern zurzeit nicht zu“, sagt der 66-Jährige. Er ist einer von vielen, die gestern am Falkenstein waren.

Die Macher der Ausstellung zum Klettern in der Sächsischen Schweiz: Andrea Bigge, Gundula Strohbach und Alrun Flechsig (v.l.) von der Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH vor den Schautafeln im Nationalparkbahnhof. Foto: Marko Förster
Die Macher der Ausstellung zum Klettern in der Sächsischen Schweiz: Andrea Bigge, Gundula Strohbach und Alrun Flechsig (v.l.) von der Bad Schandauer Kur- und Tourismus GmbH vor den Schautafeln im Nationalparkbahnhof. Foto: Marko Förster © Marko Förster

Anlass war die Erstbesteigung vor 150 Jahren. Die Wiege des Felskletterns weltweit. Schandauer Turner waren es, die am 6. März 1864 den Gipfel stürmten. So sagt es das älteste gefundene Dokument, ein Artikel, der erst viele Jahre danach gedruckt wurde. Das alles konnten Besucher gestern im Nationalparkbahnhof nachlesen. Die Bad Schandauer Kur- und Tourismus-GmbH hat eine Sonderschau zum Klettern in der Sächsischen Schweiz produziert. Über spektakuläre Ereignisse, herausragende Persönlichkeiten und unzertrennliche Seilschaften wird berichtet. Und über Joachim Schindler.

Dessen Bruder Michael ist es, der in seiner Rede die Besucher gedanklich noch mal 50 Jahre in der Geschichte zurückschickt. Auch damals wollten einige Bergsteiger das Jubiläum der Erstbesteigung selbst mit einem Gipfelsturm begehen. Einer von ihnen war der 16-jährige Joachim Schindler. Er und sein Freund waren so leidenschaftliche Kletterer, dass sie für diesen Aufstieg am 6. März 1964 sogar die Schule schwänzten. „Wir haben gleich früh den Bus genommen, weil wir die Ersten sein wollten“, erzählt Schindler. Am Fels war die Enttäuschung groß. Vier Seilschaften waren schon vor ihnen da. Hoch sind sie natürlich trotzdem, und in der Schule gab es Ärger. „Erst nachdem ich mal eine geführte Wanderung für die Klasse im Elbsandstein organisiert habe, war meine Lehrerin wieder versöhnt“, sagt Schindler.

Solche Anekdoten gibt es unzählige. Viele wurden gestern erzählt. Weitere werden dazukommen. Davon etwas für die Nachwelt festzuhalten, das war die Idee von Michael Schindler. Zum Jubiläum entstand nun das „Personen- und Kletterlexikon Sächsische Schweiz“. Acht Jahre hat Schindler dafür recherchiert. Auf 400 Seiten werden 5 900 Personen – darunter alle Erstbesteiger – beschrieben, 1 065 Kletterklubs und 466 verschiedene Abzeichen ermittelt. Herausgeber ist der Sächsische Bergsteigerbund (SBB).

Dessen Einladung zum Festakt im Bahnhof waren mehr als 200 Besucher gefolgt, darunter viele ältere Semester. Alle standen in der schmalen Bahnhofhalle dicht gedrängt und lauschten den Grußworten. Nationalparkleiter Dietrich Butter gab dabei den Bergsteigern mit auf den Weg, an der felsschonenden Tradition des sächsischen Kletterns festzuhalten. „Das ist ein Musterbeispiel dafür, wie man in einer empfindlichen und schützenswerten Landschaft einzigartige Naturerlebnisse haben kann“, so Butter. Bad Schandaus Bürgermeister Andreas Eggert (parteilos) machte zudem auf den wirtschaftlichen Aspekt des Kletterns aufmerksam. „Das ist nicht nur Spaß und Sport. Wir leben auch davon“, sagte er.

Die Sonderschau zum Klettern soll ab Mai im Museum an der Badallee zu sehen sein. Im Bahnhof gab es eine erste Kostprobe. Die Vitrinen wurden gestern Abend zwar wieder abgebaut. Die Wandtafeln sollen aber bis zum Umzug hängen bleiben.