SZ +
Merken

Bad Schandau will Sendigs Erbe mehren

Der Todestag von Rudolf Sendig jährt sich am Montag zum 80. Mal.Der Visionär plaudert über seine große Liebe.

Teilen
Folgen

Von Lars Kühl

Gewiss. Ein wenig Größenwahn bestimmte das Wirken von Rudolf Sendig. Aber seine, wie er sie bezeichnete, „ewig junge Geliebte“ Bad Schandau hat ihm auch 80 Jahre nach seinem Tod viel zu verdanken. Der Ostrauer Peter Hoff schätzt ihn so ein: „Sendig war eine schillernde, charismatische, bunte Persönlichkeit und ein hochkreativer Visionär.“

Hoff begann 2003, die Wiedergestaltung der Promenaden unterhalb des Ostrauer Ringes, die vor rund 100Jahren von Sendig angelegt wurden, anzukurbeln. Er fand breite Unterstützung. Aussichtspunkte wurden freigeschnitten und mit Bänken ausgestattet. Mittlerweile gibt es Pläne, die Wege dort zum Teil barrierefrei zu gestalten.

Mit Rudolf Sendig setzt er sich quasi „von Berufs wegen“ auseinander. Als einen ausgesprochenen Kenner möchte er sich trotzdem nicht bezeichnen. Vielmehr verweist Hoff auf ein informatives Büchlein, verfasst von Rudolf Sendig höchstselbst. „Im Hotel. Diskrete Indiskretionen“ steht auf dem Deckel des abgewetzten Werkes von 1921. Darin findet sich folgender Ausspruch: „Ich möchte Schandau mit einer jungen bildhübschen Dame vergleichen, die wenig Vermögen hat.“ Es gibt sicher viele Kurortbewohner, die auch heute noch diesen Satz unterschreiben würden. Doch Sendig versuchte, das Kapital in seine Wahlheimat zu locken. Hoff: „Er verstand es, bei verschiedenen Leuten Geld für seine Projekte locker zu machen.“

1871 kam Sendig nach Schandau, arbeitete anfangs als Koch. Schnell sah er seine Zukunft in der Hotelbranche. „Wer Millionen verdienen will, soll lieber nicht Hotelmann werden, wer aber mit ausgezeichneten Menschen verkehren will, findet diese Gelegenheit im Hotelberuf besser als in irgend einem andern.“ In Sendigs Schilderungen steht, wie sehr ihm der tägliche Umgang mit Prominenz behagte. Dass er nebenbei trotz aller Beteuerungen auch zu einem reichen Mann wurde, schien vieles leichter zu machen. Sendig zeigte seinen Gästen aus der ganzen Welt Vorzüge der Sächsischen Schweiz. Oft geriet er dabei ins Schwärmen, manchmal auch ins Grübeln: „Was ist die Bastei jetzt – leider! – anderes als ein großes Restaurant mit einer Umgebung voll Butterbrotpapier, Automaten, Verkaufsbuden und dergl.“ Würden diese Bemerkungen heute fallen, sie könnten kommentarlos gedruckt werden.

Als Sendig um 1900 anfing, Waldparzellen in Ostrau zu kaufen, reiften weitere Pläne. Es entstand eine Villenkolonie mit Fertighäusern. Die Teile wurden mit der Bahn transportiert und auf Sandsteinfundamente montiert – ausgestattet mit elektrischem Licht und Wasserleitungen. Sendig ließ eine Straße mit Kanalisation und den elektrischen Personenaufzug bauen.

Weltsportplatz bleibt Traum

Sein größtes Vorhaben aber blieb ein Traum: Auf einem 500000Quadratmeter großen Areal vom Wolfsgraben bis zum Zahnsgrund sollte ein Weltsportplatz entstehen. Für alle gängigen Sportarten, inklusive einer vier Kilometer langen Autorennstrecke und einem Flugplatz. Die Zufahrtsstraße von Postelwitz nach Ostrau wurde deshalb angelegt, ein zweiter, größerer Aufzug war vorgesehen. Sendig wollte einen Weltsportklub gründen. Die Beiträge der reichen Mitglieder sollten die Anlage absichern.

Letztendlich scheiterte Sendig nach eigenen Aussagen am Ausbruch des 1. Weltkrieges. Die englische Presse propagierte energisch gegen das deutsche Projekt, das ein englisches Konsortium finanzieren wollte. Hochverschuldet musste der Hotelier seine Besitzungen „zu Schleuderpreisen“ veräußern. Seinen Lebensmut hat Sendig nie verloren: „Lassen Sie mich ins volle Menschenleben greifen, denn wo man hinfasst, ist es interessant!“