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Badeverbot im Badebereich

Freizeit. In der Kiesgrube Leuben fehlt eine Lösung für das Nebeneinander von Wasserskifahrern und Schwimmern.

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Von Kristin Anacker

Der Schienenersatzverkehr hält direkt an der Buckelpiste, die zur Kiesgrube Leuben führt. Durch den Staub ziehen Grüppchen und Pärchen, mit großen Taschen, obenauf Strandtücher. Ein junger, kräftiger Mann schultert einen offenen Sonnenschirm. Schon als Kind war er hier, ist jünger als die mehr als 30 Jahre währende Geschichte der gefluteten Grube, die vor allem zu einem einlädt: Baden! Und wo eines bisher weder gestattet noch verhindert wurde: Baden.

Gefährliches Verwirrspiel

Wenn man das Gelände betritt, merkt man kaum, dass man illegal handelt. Kein Zaun hält den Seebesucher ab; zwischen Gestrüpp und Baufahrzeugen verbergen sich Schilder, die sich gegenseitig aufheben: Badeverbot ist auf ein Autokennzeichen geprägt. In Bade- und Nichtbadebereich trennt eine bunte Skizze auf dem Plakat der Wasserski-Anlage. Wenn sich dann noch so viele Leute am und im Wasser tummeln wie hier, kommt man kaum auf die Idee, Unrecht zu tun und sich zu gefährden.

Auch die 24-jährige Steffi Hoffmann liegt am Oststrand in der Sonne. Sie vermutet, Baden sei nur bei den Wasserskiern nicht gestattet. Tatsächlich: Am Ufer warnt kein einziges Schild vor dem Gang ins glitzernde Wasser.

Fünf, sechs helle Bojen zwischen zwei Masten teilen den See diagonal. Direkt dahinter lassen sich die Wasserbrettler vom Lift die lange Gerade entlangziehen, ehe sie von einer Winde in die Kurve gezwungen werden. Die Bojen könne ein Heranwachsender ohne Weiteres für einen Slalomparcours halten, sagt ein Kenner der Szene. „Das sieht doch für einen wilden Teenager, wie ich selber einer war, völlig unspektakulär aus. Wie ein Skifahrer am Skilift.“ Zumal an dieser jüngsten deutschen Anlage die Erfahrung und damit Aggression und Risiko gering seien. Der passionierte Boarder kritisiert die Auflagen der Stadt. Wer den Wasserski genehmige, könne nicht das illegale Baden dulden, ohne für Sicherheit mindestens mit ordentlichen Schildern zu sorgen.

Das Gelände ist Privatgrundstück, die Nutzung obliegt einer Eignergemeinschaft, die in den alten Bundesländern ansässig ist. Die Stadt sagt daher, dass sie so viel Handlungsspielraum habe wie bei einem Teich im Garten: keinen. „Für das Baden in privaten Gewässern sind wir nicht zuständig“, so Pressesprecher Karl Schuricht.

Leichtsinn oder Nachlässigkeit

Also baden alle illegal. Und damit unbewacht, da die DLRG nicht ran darf (die SZ berichtete). „Die Kie“, nennen der 17-jährige Guido und seine Freunde den Kiessee liebevoll. „Nicht, dass wir hier nicht mehr baden dürfen!“, befürchtet die 15 Jahre alte Patricia und spricht damit den Leubenern aus der Seele, die mit einer Bürgerinitiative schon in den 90ern für ein offizielles Bad gekämpft haben.

Guido hat seine Version, wie es zu dem Unfall kommen konnte: „Vielleicht wollte er sich an ein frei kreisendes Liftseil hängen.“ Unweit der Unglücksstelle kühlt der 21-jährige René Jakob Bier im Wasser. Er weiß weiteren Leichtsinn zu berichten. „Einige jüngere Teenager klettern häufig auf den Mast und springen dann gen Fahrrinne.“ Betreiber Martin Riedel hat Bleche als Kletterschutz angebracht — vom TÜV nicht mal vorgesehen. Schmale Körper passen aber unten durch (siehe Bild links).

David Graefe, ein Vielfahrer, sagt: „Wir jagen die Störer weg, mehr können wir nicht machen.“ In der Zukunft will Riedel sofort zur extremsten Maßnahme greifen: Anlage abstellen, Polizei rufen. Es drohen saftige Rechtsfolgen inklusive Schadenersatz.

Die Boarder sind nach einem Sturz geschützt: eine Weste treibt sie nach oben, so dass sie rechtzeitig gesehen werden. Trotzdem sei der nächste Unfall programmiert, sagt einer von ihnen. Auch ältere Schwimmer beharrten auf dem Gewohnheitsrecht und würden gefährlich nah an den Bojen schwimmen. „Wer sonst als Stadt und Polizei können hier handeln?“, fragt er sich nicht als Einziger.