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Bäcker trickst bei Mindestlohn

Das neue Vergütungssystem führt nicht nur zu teureren Brötchen. Mitarbeiter müssen auch auf Boni verzichten.

Von Christoph Scharf

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Ordentlich aufgereiht liegen die Brote in den Regalen. Am Tresen locken Brötchen und Kuchen – fein säuberlich mit dem Preisschild gekennzeichnet. Viele Bäcker haben jetzt die Preise angehoben. Gilt doch seit dem 1. Januar der gesetzliche Mindestlohn. Manch Verkäuferin, die vorher nur sechs oder sieben Euro pro Stunde bekam, geht nun mit 8,50 Euro nach Hause.

Theoretisch sollte das ein sattes Plus ausmachen. Praktisch könnte es anders kommen. Denn der SZ vorliegenden Unterlagen zufolge hat etwa die Bäckerkette Möbius aus Oederan, die in der Region Döbeln mit vier ihrer 47 Filialen vertreten ist, den Mindestlohn als Anlass für drastische Einschnitte genommen. So erhalten die Mitarbeiter seit diesem Jahr zwar einen höheren Stundenlohn. Dafür entfallen Weihnachtsgeld, Überstundenzuschlag, Leistungszuschlag, Gesundheitsprämie. „Das wurde einfach gestrichen!“, schimpft eine Mitarbeiterin, die aus Angst ihren Namen nicht in der Zeitung sehen will. Wie viel am Ende überhaupt in der Lohntüte bleibe, sei erst im Februar festzustellen.

Geschäftsführer Mathias Möbius bestätigt die Einschnitte. Durch den Mindestlohn haben man das Vergütungssystem komplett umstellen müssen und dabei Boni auf den Prüfstand gestellt. „Fakt ist, dass wir durch den Mindestlohn mehr Personalkosten haben“, sagt der Chef des 360-Mitarbeiter-Unternehmens. „Und wir machten bisher keine Riesengewinne, auf die wir einfach hätten verzichten können.“ Deshalb habe man wie andere Bäcker die Preise erhöht, aber auch bei den Personalkosten anpacken müssen. „Filialen schließen oder Leute entlassen wollten wir nicht.“

Das ist bei anderen Bäckern durchaus eine Folge des Mindestlohns, sagt Peter Liebe, Obermeister der Bäckerinnung Meißen. „Den Lohn von 6 auf 8,50 Euro anzuheben, kann sich nicht jeder leisten. Da spart mancher Verkäuferinnen ein oder macht den Laden ganz zu.“ Bei der Bäckerei-Kette Möbius stößt aber vor allem ein Passus der neuen Betriebsregelung auf Protest. So sollen künftig auch Mitarbeitern in Ein-Mann-Filialen Pausenzeiten vom Lohn abgezogen werden. Bislang dauerte eine Frühschicht achteinhalb Stunden, eine Spätschicht achteinviertel Stunden – und genauso viel Arbeitszeit wurde auch bezahlt. Nun wurde die Schicht verlängert – und eine halbe Stunde Pause wird vom Lohn abgezogen.

Das kommt anderen Arbeitnehmern ganz normal vor. Ist es aber nicht. „Denn wir haben als einziger Mitarbeiter in der Filiale doch gar nicht die Möglichkeit, den Laden zuzusperren und Pause zu machen“, sagt die Frau. Zwar gäbe es Zeiten, in denen wenig Betrieb ist – aber in Ruhe sein Pausenbrot zu essen, sei nicht drin. „Schließlich kann jeden Moment ein Kunde kommen.“ Die offizielle Pausenplanung des Unternehmens schlägt deshalb vor, nach Dienstbeginn 5.30 Uhr noch vor der Ladenöffnung 7 Uhr eine Pause einzulegen. „Doch das geht gar nicht“, sagt die Mitarbeiterin. „In der Zeit muss ich die Brötchen backen, damit sie um 7 Uhr fertig sind.“

Mathias Möbius sieht das anders. Man lasse die Schichten nun extra früher beginnen, damit Pausen möglich seien. „Die neue Regelung hat mit dem Mindestlohn nichts zu tun. Die Behörden hatten schon vorher verlangt, dass wir die Pausen ordentlich regeln.“ So könnten die Mitarbeiter früh morgens und noch einmal gegen Schichtende je eine Viertelstunde Pause machen. „Das mag nicht schön sein, ist aber gesetzeskonform.“

Matthias Eulitz von der Gewerkschaft NGG hat daran seine Zweifel. „Wir haben das Problem mit den Pausenzeiten an die Gewerbeaufsicht übergeben.“ Dort verweist man auf das Arbeitszeitengesetz, das bei Schichten von mehr als sechs Stunden vorschreibt, dass der Arbeitgeber Pausen zu gewährleisten hat. „Dies kann er zum Beispiel sicherstellen, indem er ‚Springer‘ für eine Ablösung einsetzt, wenn er die Filiale nicht für eine Pause schließen lassen möchte“, sagt Ingolf Ulrich von der Landesdirektion. Dass das womöglich mehr koste und durchgehend geöffnete Filialen üblich seien, ändere nichts an der Rechtslage.

Gewerkschafts-Mann Matthias Eulitz bezweifelt zudem, dass der Arbeitgeber Leistungen wie das Weihnachtsgeld einfach streichen kann, wenn diese über mindestens drei Jahre nacheinander gezahlt wurden. „Arbeitnehmer haben gute Chancen, diese Leistungen einzuklagen.“

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