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Bäckerei und Klimbim

Helmut Richter führt das Geschäft an der B 156 in der vierten Generation. Er hofft, dass es auch eine fünfte geben wird.

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Von Kerstin Fiedler

Die Aufzeichnungen zu dem Haus an der B 156 in Sdier gehen bis ins Jahr 1876 zurück. Da gab es dort einen Kolonialwarenladen. Das Familiengeschäft von Helmut Richter gab es immer in diesem Haus, auch wenn es oft sein Aussehen änderte.

Heute ist es erstaunlich, welch ein vielfältiges Angebot die Richters haben. „Da muss man auch mal mit den Zulieferern reden, schließlich brauche ich auch immer mal was Neues“, sagt Helmut Richter. Der gelernte Bäcker- und Konditormeister ist eines von sechs Kindern. Und so war er vor der Schule auch schon mal in der Backstube zu finden, um dem Vater zu helfen. Gelernt hat er in der Stadt. Die Konditorausbildung war im damaligen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. „Es hat mir gut in der Stadt gefallen, aber die Bäckerei vom Vater sollte ja weitergeführt werden“, sagt der 54-Jährige. 1985 übernahm er das Geschäft, wo sich im hinteren Teil des Hauses die Backstube befand. Eigentlich hätte er ja lieber eine reine Bäckerei betrieben, doch sein Vater war der Meinung, dass die Leute nicht nur wegen der Backwaren kommen. „Wir waren eben schon immer ein Klimbim-Handel“, sagt Richter. Zu DDR-Zeiten gab es im Gegensatz zu heute eher ein Beschaffungs-, denn ein Absatzproblem. „Aus dem Urlaub sind wir immer mit einem vollen Kofferraum zurückgekommen“, sagt er.

Nach der Wende blickte Richter wieder in die Stadt. 1991 übernahm er die Kaufhalle im Bautzener Allendeviertel. „Ich wusste eigentlich, dass wir mit dem Geschäft in Sdier allein nicht leben können“, sagt Helmut Richter. Zunächst mietete er sich bei Spar ein, 1997 kaufte er den Laden, nahm einen Kredit auf und baute eine neue, größere Backstube. „Wenn ich jünger wäre, würde ich aus heutiger Sicht lieber Sdier groß ausbauen mit Laden, Imbiss und Eisdiele“, sagt er. Aber nun ist er darauf bedacht, überhaupt das zu halten, was er all die Jahre gemeinsam mit seiner Frau aufgebaut hat. „Ohne sie und ihr Verständnis wäre das nicht gegangen“, sagt er. Und hoffte auf den großen Sohn, der auch Bäckermeister ist. Doch ihm liegt die Selbstständigkeit nicht so. Er arbeitet jetzt in der Schweiz. Solch ein Bäckertag ist eben nicht einfach, wenn der Wecker früh um 1.15 Uhr klingelt. „Wir machen noch vieles selber“, sagt Helmut Richter, denn für ihn soll Handwerk Handwerk bleiben. Aber das ist eben auch der Grund, warum es schwer ist, Leute für den Beruf zu begeistern. Zum einen wegen der Arbeitszeit, zum anderen wegen der Bezahlung. Stolz ist Helmut Richter auf seinen selbst gemachten Blätterteig oder auch die Pfefferkuchen. „Seit ich die Lehre angefangen hatte, war das eine Passion für mich“, sagt er. Bereits im Oktober beginnt er mit der Vorbereitung zum Weihnachtsgebäck, das bei Richters direkt mit Bienenhonig gebacken wird. Auch der Stollen ist ein Hausrezept. „Wir haben ihn dieses Jahr mal wieder über die Bäckerinnung testen lassen“, sagt Helmut Richter. Das Ergebnis lautet „sehr gut“. Das merkten wohl auch die Besucher des Geschäfts in Bautzen, als er einen 1,60 Meter langen Stollen gegen eine Spende verkosten ließ. 110 Euro kamen zusammen, die er nun an die Krebshilfe überweist.

Nachdem der Spar-Markt in Bautzen schloss, haben Richters einen Teil des Gebäudes vermietet. Unter anderem sind die Sparkasse, ein Gemüseladen und ein Fleischer aus Räckelwitz dort. Dessen Sortiment bietet er auch in Sdier an. Einmal in der Woche gibt es Hausschlachtenes. „Das wird auch von den Einheimischen gut angenommen“, sagt Helmut Richter. Den größeren Zulauf hat er in Sdier allerdings durch die Bundesstraße. Waren es kurz nach der Wende noch die Polen-Touristen, sind es jetzt die Besucher des Seenlands, die in Sdier Halt machen. Schließlich ist das Geschäft die einzige Möglichkeit für einen Halt und einen Imbiss in Richtung Norden, seitdem in Commerau die Heideschänke schloss.

Helmut Richter will nächstes Jahr ein wenig von der Verantwortung an seinen jüngeren Sohn abgeben. Denn obwohl der 29-Jährige Kommunikationsmanagement in Berlin studiert hat, will er ins Geschäft einsteigen. Dafür hat er sich schon viel selbst an Wissen angeeignet. „Ich bin darüber sehr froh“, sagt Helmut Richter. Denn die 20-jährige Tochter ist noch auf der Suche nach ihrem Traumberuf.