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Bahn rüstet auf Flüsterschienen um

Zwischen Pirna und Bad Schandau werden nachts Gleise ausgewechselt.Das allein beseitigt den Lärm aber nicht.

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© Norbert Millauer

Von Heike Wendt

Es ist 21 Uhr. Nur noch einzelne Urlauber gönnen sich im Kurort Rathen einen Abendspaziergang. Im Klanggarten und den Eisenbahnwelten ist Ruhe. Die beiden Bahnsteige am Bahnhof sind wie leer gefegt. Doch der Schein trügt. Rathen schläft noch nicht. Für einen etwa 20-köpfigen Bautrupp beginnt jetzt der Arbeitstag.

Auf Transportwagen rollen Arbeitsgeräte und Material heran. In der Zwischenzeit haben Bahnmitarbeiter akkurat ein Stück Gleis vermessen. Genau zwölf Meter wollen sie dem Schienenstrang entnehmen. „In diesem Abschnitt ist ein Isolierstoß eingebaut. Der soll raus“, erklärt Dieter Prautzsch von der Bahn. Er ist für die Entwicklung der Infrastruktur in der Region verantwortlich. Die Isolierstöße, erklärt er weiter, machen das typische Klopfgeräusch, wenn Züge drüberrollen. Mit der neuen elektronischen Stellwerkstechnik werden die Stöße nicht mehr gebraucht.

Für die Umrüstung schneiden die Bauarbeiter das 12-Meter-Stück mit der Flex heraus. Funken erhellen die Nachtbaustelle für eine Weile. Im Hintergrund werden die nächsten Arbeitsschritte vorbereitet. Das Gleisstück wird vom Erdungskabel getrennt, die Schrauben werden mithilfe von Pressluft gelöst. Zwei Gleisbauer hieven eine „Laufkatze“ auf die Gleise, greifen die herausgetrennte Schiene und balancieren sie zur Seite. Der Krachmacher ist nun entfernt. Er wird durch eine leise Schiene ersetzt. Damit der Übergang zum nächsten Stück keinen Lärm macht, muss noch geschweißt werden. Das geht zu wie beim Bleigießen. In einem Tiegel mit einem Loch an der Unterseite wird eine Mischung von Eisenoxidpulver und Aluminiumpulver entzündet. Auf über 2 000 Grad Celsius erhitzt sich das grell leuchtende Gemisch. Aluminothermisches Schweißen nennt sich dieses Verfahren und wird vor allem bei Bahnschienen angewendet. „Kennt doch jeder aus dem Chemieunterricht“, scherzt der Vorarbeiter.

Noch bis Ende August werden auf dem Abschnitt zwischen Pirna und Bad Schandau 50 solcher Isolierstöße entfernt. Mit ihrer Hilfe kann technisch erfasst werden, ob sich in einem bestimmten Gleisabschnitt ein Zug befindet. Üblicherweise werden sie als stählerne Laschen mit Kunststoffzwischenlagen zwischen zwei Gleisen installiert. Im oberen Elbtal sind sie jedoch nicht mehr nötig, weil eine neue Achszähltechnik eingebaut wurde. Die erfüllt den gleichen Zweck.

Rund zwei Millionen Euro investiert die Bahn in die Strecke. Das Geld kommt aus einem Förderprogramm „Lärmschutz Schiene“ des Bundes. „Damit entsteht ein glatteres Gleis, und das von Anwohnern als störend empfundene Klopfgeräusch wird reduziert“, erklärt Bahnsprecherin Änne Kliem. Der Lärm könne damit um bis zu zehn Dezibel reduziert werden.

Doch allein das Entfernen der Isolierstöße reicht nicht aus, um den Bahnlärm im Elbtal fühlbar zu reduzieren. „Das können wir nur mit unterschiedlichsten Maßnahmen erreichen, weil die Ursachen für den Lärm verschieden sind“, sagt die Bahnsprecherin. Besonders das Rollgeräusch von Güterwagen fällt dabei ins Gewicht. Der Grund: Diese Wagen werden traditionell mit Klötzen aus Grauguss gebremst, die auf die Lauffläche drücken und den Lärm verursachen. Als Lösung hat die Industrie sogenannte Flüsterbremsen mit Bremssohlen aus Kunststoff entwickelt. Das wahrgenommene Rollgeräusch erscheint um die Hälfte leiser. Bereits 7 600 leise Güterwagen hat die Güterverkehrstochter der Bahn, die Schenker Rail, angeschafft.

Damit auch andere Logistikunternehmen ihre Güterwagen umrüsten, hat die Bahn einen finanziellen Anreiz geschaffen – sie hat im Dezember ein lärmabhängiges Trassensystem eingeführt. Wer nicht umrüstet, muss für die Benutzung der Trasse mehr bezahlen. Seit dem 1. Juni sieht das System einen „lärmabhängigen Zuschlag“ für laute Güterzüge in Höhe von einem Prozent auf den Trassenpreis vor. Leise Güterzüge sind von dem Zuschlag befreit, wenn diese zu mindestens 80 Prozent, später zu 100 Prozent, aus leisen Güterwagen bestehen. Die Umrüstung der Wagen fördert der Bund in einer Höhe von 0,5 Cent pro Achskilometer.