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"Uns droht ein Verkehrschaos"

Sollte die Bahnhofstraße in Radebeul zur Fußgängerzone werden, nimmt der Verkehr in den umliegenden Straßen deutlich zu. Die Anwohner protestieren.

Im Jahr 2001 wurde die westliche Herman-Ilgen-Straße verkehrsberuhigt. Es könne nicht sein, dass die 3,50 Meter breite Strecke nun womöglich zu einer der Hauptverkehrsachsen in Kötzschenbroda wird, sagen die Anwohner.
Im Jahr 2001 wurde die westliche Herman-Ilgen-Straße verkehrsberuhigt. Es könne nicht sein, dass die 3,50 Meter breite Strecke nun womöglich zu einer der Hauptverkehrsachsen in Kötzschenbroda wird, sagen die Anwohner. © Arvid Müller

Radebeul. Das wäre eine unzumutbare Verschlechterung der Wohn- und Lebensqualität, sagt Andreas Roßmann. „Völlig kontraproduktiv für Kötzschenbroda“, findet Jürgen Weege. „Nicht tragbar“, erklären Holger und Sylvia Michaelis. Die Nachbarn von der Herman-Ilgen-Straße im Westen Radebeuls sorgen sich um die Ruhe und Sicherheit vor ihren Grundstücken. Grund dafür ist die aktuell laufende Bürgerbefragung der Stadt zur Bahnhofstraße.

Noch bis Ende August können Radebeuler darüber abstimmen, wie sie sich die Einkaufsstraße in Zukunft vorstellen. Drei Varianten stehen zur Wahl: Alles bleibt beim Alten und der Verkehr rollt weiter in beide Richtungen, die Bahnhofstraße wird zur Einbahnstraße in Richtung Norden, oder es dürfen keine Autos mehr fahren und der Abschnitt zwischen Herman-Ilgen- und Güterhofstraße wird zur Fußgängerzone.

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Prognose: Verkehr könnte sich versiebenfachen

Die beiden letztgenannten Varianten würden zwar für eine entspanntere Bummel-Atmosphäre auf der Einkaufsstraße sorgen - eine Forderung, die in den letzten Jahren immer wieder laut wurde -, in der Konsequenz aber auch zu deutlich mehr Verkehr auf den umliegenden Straßen sorgen. Dagegen regt sich Widerstand bei den betroffenen Anwohnern.

„Die Bahnhofstraße ist eine wichtige Durchgangsstraße. Sie verteilt den Verkehr in alle Richtungen“, sagt Andreas Roßmann. Sie jetzt zu schließen, hätte einen Verkehrskollaps in den Nebenstraßen zur Folge, so der Anwohner. Vor seinem Haus in der westlichen Herman-Ilgen-Straße würde sich der Verkehr laut Prognose fast versiebenfachen, von aktuell rund 800 Fahrzeugen am Tag auf 4.700. Mit nur 3,50 Meter Breite sei die Route dafür überhaupt nicht ausgelegt, sagen auch seine Nachbarn.

 Auch andere Strecken wären betroffen. Auf der Güterhof-, Emil-Schüller- und einem Teil der Kötitzer Straße kämen täglich zwischen 3.700 und 5.300 Fahrzeuge zum aktuellen Verkehr noch hinzu. „Es droht ein Verkehrschaos an der Kreuzung Kötitzer und Emil-Schüller-Straße, wo sich dann circa 12.000 Autos am Tag erstmals an einer unübersichtlichen Kreuzung begegnen werden“, prognostiziert Jürgen Weege. Auch auf dem Anger in Altkö werde die Zahl der Autos deutlich zunehmen, dabei sollte doch lieber dort der Verkehr reduziert werden, finden die Anwohner.

Zweifel am Nutzen der Fußgängerzone

Ob hingegen eine verkehrsberuhigte Einkaufszone auf der Bahnhofstraße wirklich positive Effekte haben wird, sei nur schwer vorhersehbar. „Was wäre denn gewonnen, wenn die acht Geschäfte auf der Bahnhofstraße eine Fußgängerzone hätten?“, fragt Weege. Mehr Kunden würden deswegen sicherlich nicht kommen. „Wir unterstützen die Gewerbetreibenden auf der Bahnhofstraße und in Altkötzschenbroda immer gern, sind aber der Meinung, dass durch eine völlige Reduzierung des Verkehrs und die Mehrbelastung in Altkötzschenbroda diese Geschäfte nicht mehr existieren können“, erklären Holger und Sylvia Michaelis.

So sieht es auch Dieter Hanitsch: „Es ist eine Illusion, dass sich dort richtig viele Menschen tummeln.“ Temporär könnte die Bahnhofstraße ja gesperrt werden, zu Veranstaltungen am Wochenende oder an einem Markttag. Seiner Meinung nach sollte auch untersucht werden, wie sich eine Fußgängerzone nur im untersten Teil der Bahnhofstraße auf die Verkehrsströme auswirken würde.

Ausgleichsbeträge im alten Sanierungsgebiet gezahlt

Noch ein anderer Punkt ärgert die Anwohner. Vor acht Jahren wurden von den Hausbesitzern im ehemaligen Sanierungsgebiet Kötzschenbroda Ausgleichszahlungen eingefordert – mit der Begründung, dass ihre Grundstücke aufgewertet wurden. Sollte künftig deutlich mehr Verkehr vor den Haustüren unterwegs sein, käme das aber einer Abwertung gleich und der Wiederverkaufswert der Häuser sinke, sagen die Anlieger. „Unser Haus wurde im Sanierungsgebiet gebaut und wir haben es mit der Option zweier beruhigter Einbahnstraßen gekauft“, erklärt Familie Michaelis.

Am Ende entscheidet der Stadtrat

Die Nachbarn hätten sich eine Info-Veranstaltung von der Stadt gewünscht, bei der sie ihre Fragen stellen können. Die gibt es mit Hinweis auf Corona allerdings nicht. Die Stadtplanung habe sich entscheiden, die Varianten ausführlich darzustellen als Aushang, in der Westpost, im Amtsblatt und im Internet als Text und Video, sagt Stadtsprecherin Ute Leder. „Es ist weiterhin möglich, telefonisch oder schriftlich Fragen zu stellen, wenn diese nicht durch die zur Verfügung gestellten Informationen bereits beantwortet sind“, so Leder.

Auf Nachfrage ist beispielsweise zu erfahren, dass an den Knotenpunkt von Emil-Schüller- und Kötitzer Straße eine Ampel kommt, sollten die Varianten, bei denen dort der Verkehr zunimmt, umgesetzt werden. Die Drehung der Einbahnstraßenregelung von Herman-Ilgen- und Wilhelm-Eichler-Straße sei angedacht, damit möglichst wenig Verkehr vor dem evangelischen Schulzentrum fährt. Kostenschätzungen zu den einzelnen Varianten gebe es noch nicht. 

Entscheiden muss am Ende der Stadtrat. Im kommenden Jahr soll die Planung gemacht werden, 2022 könnten neue Stellplätze an der Güterhofstraße entstehen, 2023 soll die Bahnhofstraße ausgebaut werden.

Die Varianten hängen im Technischen Rathaus und im Bürgertreff auf der Bahnhofstraße aus. Genaue Beschreibungen der Varianten, plus Videopräsentationen, gibt es hier.

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