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Feuilleton

Ballast der Republik

Mit dem Abriss des Berliner Palastes hat die Bundesrepublik der DDR ein Denk-Mal gesetzt. In Rostock wird dieses Haus des Volkes nun wieder sichtbar. 

Das zweistöckige Hauptfoyer 1976: Mit der fünf Meter hohen Gläsernen Blume war es Treff- und Veranstaltungsort. Vor allem an Wochenenden, Fest- und Feiertagen gab es hier Auftritte von Musikern jeglicher Couleur, Amateurtanz und Modenschauen.
Das zweistöckige Hauptfoyer 1976: Mit der fünf Meter hohen Gläsernen Blume war es Treff- und Veranstaltungsort. Vor allem an Wochenenden, Fest- und Feiertagen gab es hier Auftritte von Musikern jeglicher Couleur, Amateurtanz und Modenschauen. © AKG

Die sogenannte Gläserne Blume fehlt in der Ausstellung – und doch ist sie präsent. Egal, ob Einzelgäste oder Gruppen derzeit in der Rostocker Kunsthalle die Sonderschau zum ehemaligen Palast der Republik besuchen: Sie fragen nach dem markanten Kunstwerk aus Edelstahl und Glas. Kein Wunder. Die fünf Meter hohe Blume stand mitten im Foyer des 1976 auf der Spreeinsel von Berlin-Mitte eröffneten Hauses. 14 Jahre war dieses in Betrieb gewesen. Bis zur Schließung wegen Asbestbelastung Mitte 1990 hatte es gut 60 Millionen Besucher – bei 17 Millionen DDR-Bürgern.

Wohl haben die Rostocker viele Ausstattungsstücke und Kunstwerke des 2008 abgerissenen Hauses aufgetrieben. Die Blume freilich liegt zerlegt und teils zerstört in einem Depot in Spandau, wo weitere Einrichtungsteile lagern.

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Doch auch so bietet die Ausstellung viel für Auge und Herz. Sie lädt ein, sich zu erinnern und den Bau und seine Facetten neu zu entdecken. „Edle Böden aus Marmor, verschwenderisch installierte, Tag und Nacht Foyer und Treppen beleuchtende Lampen, dreizehn Restaurants, Bars und Cafés, viel Kultur und Unterhaltung – woran es überall in der DDR mangelte, hier war es scheinbar im Überfluss vorhanden“, sagt Jörg-Uwe Neumann, Leiter der Kunsthalle Rostock: „Ich bin gern da gewesen.“

Doch er baute mit seinem Team keinen Ostalgie-Tempel nach. Das passt nicht zum Konzept, mit dem die Kunsthalle seit Jahren Angebote macht, Erinnerungen wachzuhalten und zu Auseinandersetzungen anzuregen. Das Thema Palast erschien den Machern für dieses Jahr günstig. Denn an seiner Stelle – wo die DDR 1950 die Ruine des Hohenzollernschlosses sprengen ließ – sollte das neue Humboldt-Forum eröffnet werden. Das passiert nun aber erst 2020.

Gebaut worden war der Palast zwischen 1973 und 1976 nach Plänen eines Architektenteams unter Heinz Graffunder. 1990 wurde der "Prachtbau" wegen Asbestverseuchung geschlossen. 
Gebaut worden war der Palast zwischen 1973 und 1976 nach Plänen eines Architektenteams unter Heinz Graffunder. 1990 wurde der "Prachtbau" wegen Asbestverseuchung geschlossen.  © dpa

Was erwartet den Besucher der Ausstellung? „Wir liefern keine lückenlose ästhetische und historische Aufarbeitung des repräsentativen Baus. Viele Aspekte müssen unbeachtet bleiben“, so Neumann. „Gleichwohl wollen wir uns nicht nur auf Kunst beschränken. Wir wollen vielmehr den Blick auf Architektur und Design lenken.“

Beim Anblick des Geschirrs mit dem PdR-Logo oder den Leuchtkästen des besonderen Wege- und Leitsystems ist man sofort wieder in dem Haus. Wieder geht man durch das fünfstöckige, 180 Meter lange Gebäude, wieder nimmt man Platz auf den frei schwingenden Sesseln oder auf den roten Sofas im Foyer. Weithin sichtbar leuchteten die berühmten Kugellampen in dem verglasten Haus, was dem Stadtzentrum eine gewisse Heimeligkeit gab. Täglich bis Mitternacht war es geöffnet. Wer essen wollte, musste meist an den Restaurants anstehen: „Sie werden platziert!“ Da waren ein Ragout fin und ein Cola-Wodka in der Espressobar, wo man wochentags immer einen Platz fand, eine gute Alternative.

Ob Theater unterm Dach, Show im großen Saal, Bowlingbahn am Spreeufer oder der Jugendtreff mit seiner legendären hoch- und runterfahrbaren Dreh-Tanzfläche – es war immer was los. Das Politische des Alltags klammerte man hier problemlos aus, obwohl auch die Volkskammer im Gebäude untergebracht war. Der Palast war eine ungewöhnliche Mischung aus Regierungssitz und volksnahem Kulturhaus.

Damals eher unterschätzt war die ausgestellte Malerei. Wie anders bei dem vorgegebenen Thema „Dürfen Kommunisten träumen“. In Rostock sind vier der 16 Monumentalbilder der Palastgalerie zu sehen: Etwa Bernhard Heisigs fliegender Ikarus, immer nah am Absturz. Willi Sittes „Die rote Fahne“, verkeilt zwischen Leidenspathos und Kampfrhetorik als linientreu verlacht. Werner Tübke dagegen gibt mit ideal-schönen Aktfiguren den Michelangelo-Wiedergänger. Verständlich und volksnah, wie offiziell gewollt, war solche Kunst kaum. Das macht sie aber heute umso reizvoller.

Besonders eindrücklich sind Informationen der Schau, die weniger bekannt sein dürften. Tatsächlich war alles vom Feinsten. Der große Saal galt wegen seiner Variabilität bis zum Schluss als technisches Wunderwerk. Doch all das hatte seinen Preis. Die Angaben zu den Baukosten schwanken, reichen von 250 Millionen DDR-Mark bis zu einer Milliarde. Für das Mammutprojekt mussten die Bezirke bluten, und so manches Schloss in Sachsen oder Mecklenburg verfiel dafür. Der Spruch vom „Ballast der Republik“ macht die Runde. Der jährliche Unterhalt betrug 120 Millionen Mark, über die Tickets und Gastronomie kamen aber nur 30 Millionen herein. 1 800 Mitarbeiter sorgten für Service und Sicherheit.

Unwillkürlich kommt die Frage auf: Würde das Haus heute noch funktionieren? Wohl kaum, angesichts der vielen Angebote Berlins und der veränderten gesellschaftlichen Bedürfnisse.

Dass freilich im Humboldt-Forum das durchaus kontrovers diskutierte DDR-Haus auf ein paar Leuchten, Stapelstühle, Geschirr mit Goldrand, Gemälde und Überwachungsmonitore reduziert wird, ist unverständlich: Noch ist unklar, ob die Gläserne Blume wenigstens als Miniatur ausgestellt wird. Da regen die gelungene Rostocker Schau und ihr Begleitprogramm mit Diskussionen und Vorträgen an, über vertane Chancen und Ballast, über Ost und West ins Gespräch zu kommen. Und zwar, wie der Rostocker Kunsthallenchef Neumann sagt: „Auf Augenhöhe und unverkrampft!“

Kunsthalle Rostock, Hamburger Str. 40, geöffnet dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr

Die Ausstellung „Palast der Republik – Utopie, Inspiration und Politikum“ läuft noch bis 13. Oktober.

Der Katalog (232 Seiten, 30 Euro/ 25 Euro während der Ausstellung) ist im Mitteldeutschen Verlag erschienen.

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