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Staatsoperette: Endlich Ballerina sein

Es gab genug Gründe, nicht Balletttänzerin zu werden. Doch Lena Andreeva hat sich den Traum vom Spitzenschuh erkämpft - bis nach Dresden.

Lena Andreevas trainiert ihre Beweglichkeit wo sie geht und steht. Auf Facebook hat die Balletttänzerin einen Videoclip mit Dehnungsübungen für ihre Füße veröffentlicht.
Lena Andreevas trainiert ihre Beweglichkeit wo sie geht und steht. Auf Facebook hat die Balletttänzerin einen Videoclip mit Dehnungsübungen für ihre Füße veröffentlicht. © Sven Ellger

Dresden. Lena wendet die rosafarbenen Tanzschuhe in ihren Händen hin und her. Sie sind der neueste Schrei - aus Amerika. Spitzenschuhe, deren versteifte Kappen aus Kunststoff nicht nach zwei Wochen Training zerbröseln. Ein Jahr sollen sie halten und sogar maschinenwaschbar sein. Rund 130 Euro hat Lena Andreeva dafür bezahlt. Zuvor kaufte sie zweimal pro Monat neue für 50 Euro.

Auch diese Spitzenschuhe wird die Tänzerin an der Staatsoperette pflegen und hegen. Sie sind wie ein Körperteil von ihr. Die abgeflachte Schuhspitze hat die 36-Jährige bereits mit feinem Garn umhäkelt. Das soll verhindern, dass sich der Satinstoff zu leicht zertanzt und das Plastik darunter zum Vorschein kommt. "Darauf könnte ich böse ausrutschen", erklärt sie.

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Ihre allerersten Spitzenschuhe bekam Lena als 16-Jährige geschenkt. Da lagen schon viele Jahre Sehnsucht hinter ihr. Sehnsucht danach, eine Ballerina zu sein. Ihre Mutter hatte die Schuhe gebraucht auf einem Markt gekauft. "Sie hatten überall Löcher und ich verstand nicht warum, aber ich war glücklich." Schon als kleines Mädchen wollte Lena Ballett tanzen. "Ich war so dünn, dass meine Eltern sich um meine Gesundheit sorgten und mich nicht nach St. Petersburg gehen ließen, wo ich die Möglichkeit gehabt hätte, Tanz zu studieren." So weit weg von zuhause in der Ukraine wollten sie ihre Tochter außerdem nicht ziehen lassen. Und dann war da noch das Problem mit dem Geld.

Das rettende Angebot

"Meine Mama war immer für mich und meine Schwestern da", erzählt Lena. Sie brachte die Mädchen zu ihren Hobbys, lernte mit ihnen für die Schule. Lena tanzte in einer Volkstanzgruppe, ging zum Zeichenkurs, webte Teppiche, trainierte Akrobatik. Um dem Ballett möglichst nahe zu sein, begann sie in ihrer Heimatstadt Sumy ein Studium, das Choreografie und Pädagogik verband. "Weil ich so gern tanzen wollte, haben meine Lehrer später sogar Ballettunterricht angeboten." Dafür brauchte Lena Tanzschuhe. Jene, die ihre Mutter für wenige Griwna gekauft hatte. 

Noch während ihres Studiums bewarb sich Lena an der Akademie für Tanz im rund 300 Kilometer entfernten Kiev. "Aber dort kostete die Ausbildung umgerechnet 100 Euro pro Monat und leben musste ich ja auch. Meine Eltern konnten das nicht bezahlen." Die Akademie jedoch machte ihr ein Angebot: "Ich sollte zwei Monate lang mit auf Tournee gehen und in ihrer Kompanie arbeiten, dann durfte ich kostenlos studieren."  

So war Lena Andreeva 18 Jahre alt, als sie begann, wirklich professionell Tanz zu studieren - ein ungewöhnliches Alter für die ersten Schritte zur Tanzkarriere. Eigentlich beginnen Mädchen und Jungen mit zehn, zwölf Jahren ihre Ausbildung. Für Lena und ihre späte Chance hieß das: arbeiten, arbeiten, arbeiten. "Mein Papa war Restaurator und konnte so wunderbare Möbel fertigen, das hat mich immer fasziniert", erinnert sich Lena. Doch wenn sie seine Begabung bewunderte, dann sagte er zu ihr: "Du hast genau wie ich zwei Hände, zwei Beine und einen Kopf. Du könntest ebenso lernen, was ich kann." 

Ein Leben ohne Ballett kann sich Lena Andreeva nicht vorstellen. Auch nach ihrer Karriere will sie dem Tanz treu bleiben.
Ein Leben ohne Ballett kann sich Lena Andreeva nicht vorstellen. Auch nach ihrer Karriere will sie dem Tanz treu bleiben. © Sven Ellger

Sicher wusste er, dass seine Tochter noch viel mehr hat, als diese Grundvoraussetzungen. Nämlich einen enormen Willen, große Disziplin - und diesen Mädchentraum vom Schwanensee. Von Kiev ging Lena schließlich nach Österreich, absolvierte dort die Bühnenreife, bekam einen Gastvertrag an der Wiener Staatsoper und dann das Angebot, fest engagiert zu werden. Da hatte sie die Zusage von der Staatsoperette bereits in der Tasche. "Ich habe mich für Dresden entschieden, wenn das Haus auch kleiner ist als das Wiener. Aber hier ist meine Arbeit vielfältiger. Ich kann alle denkbaren Tanzstile ausprobieren, auch schauspielern, und unter den Kollegen fühle ich mich wohl."

Ein weiterer Rat ihres Vaters hatte ihr schon oft geholfen und tat es auch bei dieser Entscheidung: "Tu, was du tust, zu hundert Prozent. Oder lasse es sein." Für den Konkurrenzkampf an einem so großen Ensemble hatte sich Lena nicht gewappnet gefühlt. "Ich nehme mir vieles sehr schnell zu Herzen, aber in einer solchen Kompanie muss man wie Stein sein", sagt sie. Nun tanzt Lena Andreeva seit vielen Jahren in fast allen Produktionen der Dresdner Staatsoperette und spielte auch jüngst in der ersten Sitcom mit. 

Ballett tut leider weh

Eine große Familie wünscht sich Lena und hat nach der Geburt ihres Sohnes rasch wieder im Ballettsaal und auf der Bühne gestanden. Jüngst nahm sie den fünfjährigen Micha mit ins Theater. "Für einen Abend im Theater oder in der Oper zieht man sich schick an und nimmt Blumen für die Künstler mit, so bin ich erzogen", sagt sie, "Schade, dass das kaum noch jemand macht." Ihrem Sohn hat sie gerade deshalb erklärt, wie wichtig sie diese Aufmerksamkeit findet. In Wien hatte sie erlebt, dass auf den Kartenpreis der Oper 50 Cent aufgeschlagen und dafür beim Eintritt Rosen an die Gäste ausgegeben wurden. "Die hat das Publikum beim Applaus auf die Sänger und Tänzer niederregnen lassen. Das war eine wunderschöne Geste."

Bewunderung für Balletttänzer erfährt Lena Andreeva oft. Was es wirklich bedeutet, kann kaum jemand ermessen. Vorübergehend hat sie Kinder im Tanz unterrichtet und ist daran verzweifelt: "Ballett taugt nicht als lustiger Zeitvertreib, es ist anstrengend und tut leider weh." Wenn der Nachwuchs die Lust verliert, brauche es die Eltern, die motivieren, bis das Tief durchschritten ist. "Dann geht es wieder aufwärts, das habe selbst ich erlebt", gesteht sie. Entscheidend sind letztlich die hundert Prozent, von denen Lenas Vater sprach, und keins weniger.

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